Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 716 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 716 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. eine erhebliche Vergrößerung und gleichzeitig eine ansehnliche Verschönerung erhalten. Das pneumatische Institut, welches bisher an der Giebelwand eines jetzt abgerissenen Hintergebäudes angelehnt war, befindet sich nunmehr rings von Anlagen umgeben und hat Licht und Luft.von allen Seiten erhalten. Ebenso ist der Erweiterungsbau für Infektionskrankheiten vollendet, so daß nunmehr in dem neu eingerichteten Scharlachsaale die Aufnahme von hieran erkrankten Personen stattfinden kann. Nach llebersiedlung der im Siechenhaus untergebrachten 45 Personen in das neu erbaute Hospital Oranienburgerstraße 31, welches seiner Vollendung entgegengebt, wird das Krankenhaus eine bedeutende Erweiterung erhalten, welche um so wünschenswerter ist, als in der Anstalt für Unterbringung von Beamten, Dienst- und Pflegepersonal bisher nicht in zeitgemäßier Weise gesorgt werden konnte. — Ein deutscher „Talmud". Im „Verbände deutschliberaler Antisemiten", so scheint sich jetzt die Gruppe Ahlwardt-Böckel zu nennen, hielt jemand am Freitag einen „Vortrag" über das Thema: „Der deutsche Talmud, die germanische Bibel oder der Weg zur Weltherrschaft der Germanen und zur Ausrottung der Hebräer". Nach dem Berichte des Organes dieser Gruppe, „bewies" der Redner, „daß die ungeheuren wirtschaftlichen und nationalen Erfolge der Hebräer nur den schon ihrer Jugend eingeimpften talmudischen Geheimgesetzen zu verdanken seien, die Moses den Juden vor tausenden Jahren in deren wirtschaftlicher Bedrängnis Grundlage gab". — O, dieser Moses, der vor tausenden von Jahren den Juden talmudische Geheimgesetze gegeben! — Der Bericht erzählt weiter: „Redner zeigte an der Hand der Eckert'schen Uebersetzungen die ungeheure Weisheit der so harmlos und lächerlich erscheinenden Lehren des Alten Testaments und des Talnrud für die Hebräer und wie letztere — für die Germanen umgearbeitet — denselben die hundertfachen Erfolge sichern müßten! Redner teilte gleich dem Talmud die Menschheit demnach in 3 Klassen ein: in Germanen, in Nichtgermanen und in Hebräer. Nach dieser Einteilunng nun übersetzte Redner den Talmud ins Deutsche, indem er statt Jude überall Germane, statt Fremdling in Israels Thor: Nichtgermane in Germanias Thor und statt Fremder: Hebräer bezw. Almm nochri pp. setzte. Und wunderbar überraschend wirkte nunmehr der weise Sinn dieses deutschen Talmuds auf die Zuhörer, wie Schuppen fiel es eineln jeden von den Augen! Redner bewies, daß dem Germanen-Volke bisher ein solcher Talmud, eine solche geschriebene Lehre gefehlt habe, diese germanische Bibel würde aber in nächster Zeit zusammengestellt und gedruckt werden, um als Ausgangspunkt für ein eigenes, ein germanisches Sittengesetz zu dienen. Der Verband wird den Vertrieb dieses deutschen Talmuds übernehmen und er wird durch.zu beziehen sein" — Einfach erhebend! Durch wen dieser deutsche Talmud zu beziehen sein wird, wollen wir doch nicht sagen, denn es scheint hier irgend ein Geschäftsantisemitlein dahinter zu stecken, das irgend einen schmierigen Schmarren an jene, die nicht alle werden, bringen möchte. Oder thun wir dem Manne Unrecht, und soll dieser Bericht uns nur den Beweis erbringen, daß in den Versammlungen der Antisemiten nunmehr die Zuchthäusler durch Irrenhäusler abgelöst werden sollen? Man könnte es fast glauben. — Selbständige jüdische Handwerker Berlins haben sich vor. kurzem, wie uns mitgeteilt wird, in stattlicher Anzahl zu einem Vereine zusanunengethan, der die Hebung des Handwerks unter den Juden und die Vertretung der einschlägigen Interessen seiner Mitglieder zum Ziele hat. Der Verein beabsichtigt, sich in nächster Zeit an alle selbstständigen Handwerker Berlins zu wenden und sie zu einer öffentlichen großen Versammlung einzuladen, wo über die große Bedeutung des Vereins und über die Wirkung desselben nach innen und außen debattiert werden soll. Wir wünschen dein Vereine und seinen Bestrebungen den Erfolg den er in hohem Maße verdient. — Das Chanukah-Bescheerungskomitee versendet ein Schreiben an die wohlhabenden und wohlthätigen Mitglieder der Gemeinde, dem wir folgende Sätze entnehmen: Beim Nahen der rauhen Winterzeit bittet wiederum eine Schar von mehr denn 1000 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschnlen besuchen, das allezeit milde Herz der Glaubensgenossen um Spendung der nötigsten Kleidungsstücke. Diese Gabe schützt nicht nur die kleinen Körper vor Kälte, sondern wirft auch in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst freudlosen Dasein die ermunternde Gewißheit bringt, daß sie von den Nebenmenschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Ehannkahfeste laut unseres Berichtes vom 31. Januar 1895 1120 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche Lehrmittel. So wurde bitterste Not an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie Lehrerkreise bezeugten, einen moralischen Einfluß aus die Schüler zu üben, indem'die Würdigsten" vorzugsweise bedacht wurden. Beide Erfolge ermutigen uns, alle Kinderfreunde, besonders die Frauen unserer Gemeinde, herzlichst zu bitten, durch eine freundliche Gabe an Geld, Stoffen, Jngcndschriften oder dergleichen dies Liebeswerk wiederum fördern zu helfen. Vorsitzende des Komitees ist Frau Julie Neumann, Victoriaftraße 31. - Neber die Religionsverhältnisse der Abiturienten in Preußen entnehmen wir dem Büchlein: „Statistik der Gymnasialabiturienten im deutschen Reiche während der letzten drei Schuljahre" von Prof. Dr. Gemß folgende Daten: In Preußen beträgt der Prozentsatz der evangelischen Bevölkerung 64,4 der jüdischen 1,2 der der evangelischen Abiturienten 66 der katholischen 26 der jüdischen 8 Prozent. Bezüglich der erwählten Berufsarten der Abiturienten weiß das Buch anzugeben, daß die Juden unter den Studierenden der Theologie mit 0,7, unter denen der Theologie nebst Philologie mit 1* der Philologie mit 5,3, der Rechtswissenschaften mit 10,4, der Medizin mit 17,5, der Kunst mit 30 Proz. vertreten sind. — Ein Ueberfluß an Rabbinern steht uns demnach nicht bevor. — Deutsch-sozialer Parteitag. Ein Parteitag der Antisemiten, die sich mit einer in diesen Kreisen sonst seltenen Verschämtheit „Deutsch-soziale Reformpartei" nennen, hat in Erfurt stattgefuuden. Dabei kam manches Interessante vor. U. a. wurde in das Parteiprogramm der Satz ausgenommen: „Die Partei stellt sich auf den Boden christlicher Weltanschauung", indes fügte der Sicherheit wegen Äbg. Förster hinzu, „daß die Partei auch Freidenker nicht zurückstoßen wolle". Also es ist für alle gesorgt, — nur immer herrein, meine Herrschaften! Der Programmsatz, wonach „der Ausbau der bestehenden Volksrechte und Freiheiten gefördert /werden soll", wurde auf Antrag des Abg. Zimmermann ergänzt durch die Worte, soweit es zum Heile der Gesamtheit notwendig ist." Darüber, was das richtige „Heil" ist, wissen natürlich die Antisemiten am besten Bescheid. „Freiheit in Rede und Schrift" soll nur gewährt werden, „sofern diese nicht gegen Recht und Sitte verstoßen", was natürlich dahin erläutert wurde, daß gegen diejenige Preffe, die nicht nach dein Sinne der Antisemiten ist, scharfe Einschränkungen notwendig sind. „Recht und Sitte" sind in .der jThat die