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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 714 (sequence 10)
Language
German
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ö Seite 714. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Leben und Poesie zu verlassen, und für immer nach dem rauhen, unfreundlichen Norden zu ziehen, wird mir so schwer. Muß es denn sein, daß wir nach Polen zurückkehren? Haben wir -so nahe Verwandte dort, die unsere Rückkehr erheischen? Nieine Mutter ist ja tot. Oder sind es andere zwingende Gründe? — Wir müssen nach Polen zurückkehren, erwiderte der Alte, früher oder später, aber unausbleiblich. Ich habees Dir ja öfter, zu verschiedenen Zeiten gesagt, daß Du nicht bestimmt bist, hier im Laude zu bleiben, sondern daß es Dein Geburtsland Polen ist, wohin Dich Deine Bestimmung ruft. Die Zeit Deines Studiums neigt sich ihrem Ende zu und mit ihr auch die Zeit unseres Verweilens in diesem Lande. Die Gründe, die mich dazu bewegen, sind mehrfach, Du wirst sie mit der Zeit erfahren. Es sind auch Rücksichten auf Verwandte, die unsere Rückkehr nach Polen erheischen. Nahe oder minder nahe Verwandte sind nicht alle Kinder Israels Verwandte, einem Stamme entsprossen? — Wohl sind sie es, sprach Amieser mit wehmütiger Betonung, aber wie schmerzlich ist es, seine Verwandten nach allen Seiten zerstreut und versprengt zu wissen, dem Elend, der Verachtung preisgegeben, ohne Helsen zu können. Wie oft schon habe ich darüber nachgedacht, ob es denn jemals wieder den ihrer Heimat beraubten, in alle Länder zerstreuten Kindern derselben Nation gegönnt sein wird, das Erbe ihrer Ahnen zu erlangen und gleich den übrigen Nationen einen Mittelpunkt zu besitzen und eine selbständige Stellung in der Welt einzunehmen. — Beten wir nicht alltäglich zu unserem Gotte, sagte der Alte hieraus, daß er unseren früheren Tempel wieder aufrichte und unsere alte Herrlichkeit wieder herstelle? Wenn es Gott gefällig, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sein wird, so wird schon unser Messias nicht ausbleiben. Solltest Du etwa daran zweifeln, mein Sohn? — Nein Vater, ries dieser, meine Worte waren nicht so gemeint. Es ist nicht meine Sache, mich über das ideale Messiasreich in Nachgrübeln einzulassen. Aber daß wir durch bloßes Beten ein wirkliches eigenes Reich, wie es bei andern Völkern besteht, erlangen sollten, das ist mir schwer zu begreifen. Sollte nicht von uns aus auch etwas dafür geschehen? O, daß sich eine genügende Anzahl entschlossener Männer fände, die ihr Leben für die Wiederherstellung unseres Nationalreiches wagen würden! Mit Freuden würde ich mich ihnen anschließen! Ob dann noch der Jude so verstoßen und verachtet wäre? Der Alte blickte ihn scharf an. — Du würdest cs thun? fragte er mit eigentümlicher Betonung; Du würdest Tein Leben einsetzen für die Aufrichtung Israels, wenn die Gelegenheit dazu sich darbieten sollte? — Gewiß, lieber Vater, gewiß! ries der junge Mann mit feuriger Erregung. Aber, fügte er traurig hinzu, ich kenne wohl die Art meiner Glaubensgenossen; 'Mut und kühner Entschluß ist nicht ihre Sache. Warum ist dies so sehr bei unseren Brüdern der Fall, Vater? — „Du sollst in fortwährenden Aengsten leben unter den fremden Völkern, das Rauschen des losen Blattes soll Dich erschrecken!" ries der Alte mit feierlicher Summe, so hat uns unser großer Prophet gedroht; wir haben seine Weisungen nicht beachtet und die Drohung ist in Erfüllung gegangen. Daß unsere Vorfahren nicht so waren, beweist uns ihre Geschichte. Daß es auch bei uns nurLolge der^Umstünde und der Erziehung ist, beweisen viele Fälle unter uns selbst. Bist Du selbst nicht auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme unter Deinen Glaubensgenossen infolge der Erziehung, die ich Dir ganz besonders angedeihen ließ? — Wohl, lieber Vater, erwiderte Arniöser, und für nichts anderes wüßte ich Dir größern Dank als dafür, daß Du mich von Jugend aus dazu verhalten hast, die zaghaften Manieren meiner Stammesgenossen nicht anzunehmen, sondern den Christen gleich keine Gefahr zu scheuen. Ist es doch deshalb, daß ich bei allen meinen jüdischen Altersgenossen und bei manchem Nichtjuden mir besondere Achtung erworben habe. (Fortsetzung folgt). Das HlicheMn. Es lag einst auf dem Divan Beim Herrn von Hammerstein Ein grünes Sammctkissen Mit seidnen Stickerei'n. Ein Kissen ohnegleichen, Ein Kissen, wundervoll — Das er von „deutschen Frauen" Erhalten haben soll. Es steht in keinem Laden Solch' prächtig Stück zu Kauf; Es war von seid'nen Blumen 'Ne ganze Flora d'rauf! Da stickte sich d'ran müde Wohl manche zarte Hand — Nur „anonyme Liebe" Bringt so etwas zu Stand'. D'rum rückte Dankesworte Sofort in's Blatt hinein Den „ungenannten Spendern" Ter Herr von Hammerstein. Nie hat ihm sonst die Ruhe So wundervoll geschmeckt, Nie hat auf and'ren Kissen Er sich so gern gestreckt- Er hat d'rauf ausgeschlafen So manches Schädelweh Nach manchem opulenten Agrarier-Diner- Rach mancher Reichstagssitznng, Gar stürmisch und erregt, Hat er das Haupt, das müde, Darauf zur Ruh' gelegt. Oft wenn er seinem Schreiber In all' der Jahre Lauf Artikel zudiktierte, Da log*) der Brave draus! *) Anmerkung des Setzers: Z Er lag, behaglich schmunzelnd, Gleich vielen großen Herr'n, Mit u n t e r s ch l a g 'n e n Armen — Er unterschlug so gern. Als sich darauf gewendet Das Blatt, so schaudervoll, Ward unser kühner Recke Gepackt von wüstem Groll; Und als der Exekutor Erfüllte seine Pflicht, Da gönnte er ihm alles -- Nur dieses Kissen nicht! Er riß den schärfsten Sab ul Herunter von der Wand, Und mitten durch das Kissen! Hat er ihn durchgerannt. In alle Nähte bohrte Die Spitze er hinein, Da sind sie „aus g e rissen" > Wie — Herr von Hammerstein. TieGabe„deutscherFrauen", So schneidig, hochpatent, War nur noch anzuschancn Als wüstes Rudiment. Doch Flora, die geschickte, Bei der der wack're Held Sich das Reklame-Kissen Einst selber hat bestellt, Tie greift nach Hut und Mantel Und stürzt in Eile hin ' Zu ihrer Lieferantin, Der Kissen-Stickerin! Sie schluchzt, indem sich Jammer In ihren Zügen malt:! „O, G o t t! Er hat's am Ende; Noch nichtcinmal bezahlt?!" In lins Freund. oll wahrscheinlich heißen „lag". APhmsmn. 21. Daß es wahrhaft hochherzige, ihrer selbst^ vergessende Seelen giebt — zweifle nicht daran — aber sie sind sehr selten. Doch auch diese wenigen geben schon Zeugnis genug. 22. Wenig Feuer zündet, wenig Licht leuchtet schon — voll den Geringen geht oft Großes aus, von den Schwachen starke Thal — aber die es vermöchten, thun.es oft nicht.

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