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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-11-01 · 44 (1.11.1895) · p. Seite 713

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 713 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Serie 713. für ewig hin ist eure Frömmigkeit! O welche Schauer birgt in sich das eine Wörtchen: Schule!! Da trippelt herbei ein alter Mann, rnit langen:, langen: Barte, und wo er bei einer Gruppe erscheint, da wird es still und alles beginnt zu lausche,:. Er aber spricht nur drei Worte und diese wirken Wunder, wirken überwältigend auf die wild empörten Gemüter. Mit ächzender und krächzender Stimme ruft er: „‘8 werd niseh san!“ Das heißt zu Deutsch: „Die Schule wird nicht erstehen!" — „’s werd nisch san!“ so läuft es jubelnd von Gruppe zu Gruppe, „’s werd niseh san!“ kreischt jetzt Jung und Alt, höhnen die Blinden und Blindenführer. Allein ein Alaun hatte sich doch in dem ganzen Städtchen gefunden, der die Hand zur Gründung der verwünschten Schule bot, unbekümmert un: das Toben der sanatisierten Menge, unbekünunert um die Einschüchterung der Wunderrabbis, welche sämtlich in der weiten Ruüde drohend das Haupt erheben. Er griff die gute Sache energisch an. Es handelte sich zunächst, ein geeignetes Schullokal zu mieten. Er ging von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus. Umsonst. Man wollte um keinen Preis der Schule auch nur ein einziges Zinnner überlassen. „'s werd niseh san!“ höhnten selbst die Hungernden. Sie hungerten lieber weiter, bevor sie die leerstehende Wohnung um teuern Mietspreis der Schule überließen. Aber unser braver Mann verlor dessenungeachtet nicht den Mut und nicht die Geduld, und es gelang ihm endlich, bei einem Christen einige zweckentsprechende Zimmer im Mietswege zu bekommen. Da schrieen jedoch die andern in: Hause wohnenden Parteien und drohten das Haus zu verlassen, wofern die Schule darin Ausnahnre finden sollte. Unser guter Mann wußte auch jetzt ein Auskunftsmittel: er mietete, da ja sonst die Schule unmöglich wurde, das ganze Häuschen. Nun war die Gefahr, daß die Schule doch entstehen könnte, sehr nahegerückt, und der Paroxysmus aufs höchste gediehen. Und abermals ertönte es von angebetetster Stelle und diesmal endgiltig und entschieden: „’s werd niseh san!“ Und jetzt tritt das Wunder ein. Unser Held, der so mutig _ und so ausdauernd für die SchuleMmpfte, ist auch Familienvater Da wurde eines seiner Kinder krank und starb unglücklicher Weise nach einiger Zeit . . . Abermals finden wir das ganze Städtchen aus den Beinen, bilden sich auf den: Markte zahlreiche Gruppen. Diesmal jedoch herrscht dumpfe Stille in der Menge. Mit gepreßter Stimme geht es von. Mund zu Munde: „Ein Wunder, ein großes Wunder, ein Gotteswunder! „’s werd niseh san!“ —-^— So entsteht ein Wunder. — Ein noch größeres Wunder aber ist: daß die Schule doch geworden! Sh leibt und lebt in Wirklichkeit und wird über kurz und lang zur Blüte gelangen. Seht Ihr, liebe Leser, wie ein Wunder entsteht? Nun sage mir einer, man solle nicht an Wunder glauben. N.-Z. Feuilleton. Mm nm Mm. Erzilhlmig aus Polens Vergangenheit. (Fortsetzung.) Uebergehen wir einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Wir befinden uns in Spanien, in einem der anmutigen Thäler an: Fuße der Sierra Morena, in der Umgebung der altberühmten Stadt Cordova, noch immer eine der Hauptstätten jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit, obwohl selbe bereits seit mehr als einem Jahrhundert aus den , Händen der aufgeklärten und bildungsfrenndlichen Mauren in die der vom Geiste der Inquisition verfinsterten, christlichen Spanier übergegangen war. Zwei Männer schreiten auf einen: Pfade dahin, der in der Richtung der Stadt hinführt. Der eine ist von schwächlicher gebeugter Gestalt, mit stark ergrauten: Haar und Bart. Sein fahles Antlitz ist von vielen Furchen durchzogen, die sowohl ein angestrengtes geistges Leben als auch ausgestandenen tiefen Kummer bekunden. Sein Auge, niatt und farblos, blitzt zuweilen für einen Moment wild auf, un: sogleich wieder in seine vorige Apathie zu versinken. Einen schroffen Gegensatz zu ihm bildet sein Begleiter. Eine jugendlich schlanke und doch kräftige Gestalt, ein schönes, vom ersten Flaum der Mannbarkeit uinrahintes, für sein Alter etivas bleiches Antlitz init intelligenten feurigen Zügen inachen den jungen Mann zur hübschen,^gewinnenden Erscheinung. Eine gewisse Aehnlichkeit in den Zügen des alten Mannes und des Jünglings läßt dieselben als nahe Verwandte,-erkennen. Die Sprache, in welcher die beiden nüteinander reden, ist nicht die im Lande herrschende; es ist eine rauhe, nordische, in jenen Regionen selten gehörte. Die Kleidung des Aeltern ist eine unscheinbare aber fremdartige, im Lande nicht gebräuchliche; es ist die Tracht der im weit entlegenen nordischen Polenreiche lebenden Juden. Die des Jüngern ist ebenfalls eine den Juden eigentümliche; aber es ist keine ausländische. Es ist die in: Lande gebräuchliche Tracht der jüdischen jungen Leute, die sich mit dem Studium der weltlichen Wissenschaften befassen. — Vater, begann der Jüngling nach einer länger:: Pause, Vater! Der Alte an seiner Seite schwieg, wie es schien, in tiefes Sinnen verloren. — Vater, Hub der Jüngling nach einer Weile wieder an, hörst Du nicht? — Der Alte fuhr aus seinen: Sinnen auf. — Meinst Du inich, Amieser? — Wen sollte ich denn sonst meinen? fragte verwundert der Jüngling, den der Alte soeben Amieser genannt. Einer jener momentanen Blitze schoß aus den Augen des Alten, einige unverständliche Worte kamen über seine Lippen, dann nahmen seine Augen wieder ihre gewöhnliche Ausdruckslosigkeit an. — Nun, was wolltest Du sagen, Amieser? fragte er. — Ich wollte^ Dich nicht gerade in Deinem Nachdenken stören, sagte Amieser, doch will nur der Gedanke an unsere Rückkehr in unser Heiinatland, die Du nur angekündigt hast, nicht aus dem Sinne. Dieses schöne, gottgesegnetc Land voll

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