Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 712 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 712. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Übung des Religionsgesetzes oder dem Praktischen der Religion beschäftigt und der mit einem alten technischen Ansdrucke „Halaclia“ genannt wird. Es ist wohl wahr, daß dieser Teil den Hanptstrom bildet, der in das „Meer des Talmuds" — so pflegten die alten Gelehrten ihn zu nennen - sich ergießt. Allein parallel mit diesem läuft noch ein anderer Strom, der mit den Boden der Ideen befruchtenden, das Herz erquickenden und zur Sittlichkeit begeisternden Gewässer gleichfalls in das Bett des Talmuds einmündet, und das ist die sogenannte „Agada“. Während die „Halacha4, das Religionsgesetz des Pentateuchs entwickelt und aus neue Fülle und Verhältnisse anwendet, nimmt die „Agada“ die ganze heilige Schrift: die mosaischen, historischen, prophetischen und dichterischen Bücher in ihren geistigen Besitz, abstrahiert die darin enthaltenen Wahrheiten und heilsamen Lehren, die sie znm größten Teile in einer dem Volke zugänglichen und seiner Austassung angepaßten Sprachweise vortrügt. Während die Halachisten und rigorosen Gesetzknndigen an den Buchstaben des Gesetzes gebunden waren, konnten sich die Agadisten mit unbeschränkter Freiheit in der Ideenwelt bewegen und, zum größten Teile Volksredner, hielten sie es für ihre einzige Aufgabe, die zum Gottesdienste oder andern Anlässen versam^ffelten Gläubigen aufzuklären, das Herz zu veredeln, zu eineuO-Waudel in Gottes Wegen anzueisern, historische, philosophische und andere nützliche Kenntnisse zu verbreiten, die etwa zwischen diesen und den Sätzen der h. Schrift scheinbaren Gegensätze auszngleichen, in trüben und ungünstigen Zeitlagen das Volk zu trösten, den Glauben an Gott zu befestigen und Hoffnungen in eine bessere und schönere Zukunft zu nähren. Alle Mittel der Poesie: Parabel, Allegorie, Fabel, Legende flochten sie in die Reden, um auch aus die Phantasie der Hörer zu wirken. Die ernsten Kenner des strengen Gesetzes konnten sich allerdings nicht sofort befreunden mit dem freien Geiste, dessen Vertreter der Agadist und poetische Redner war; allein so wie nicht selten beide Richtungen in einem und denselben Gelehrten sich vereinigten, ebenso stoffen oft „Agada“ und „Halacha“ im Talmud zusammen, oft nebeneinander, oft einander durchdringend. Ein Seitenstück zu diesem geschichtlichen Prozesse hat auch unser Jahrhundert innerhalb des Judentums gesehen. Unsere modernen Prediger waren die ersten, -welche die Fahne des Fortschrittes und der Aufklärung geschwungen haben und sind darin den Fachgelehrten: den Rabbinern zuvorgekommen. Später sind auch diese aus den Kampfplatz getreten, entweder neben oder gegen jene. > (Ein zweiter Artikel folgt.) Finsternis. Dukla (Galizien) 25. Oktober. Wie hierzulande ein Wunder entsteht, möchte ich heute berichten. Wir befinden uns in dem klassischen Lande der Wunder, wo derlei Dinge üppig wuchern. Hier finden mir die wunderlichsten Einrichtungen von der Welt: den wunderlichsten „Glauben", dessen liebstes Kind bekanntlich das Wunder ist, hier finden wir die wunderlichsten religiösen Einrichtungen. Wundersame geistige Stille, welche durch die nur dünn und vorsichtig gestreuten Schulen kaum unterbrochen, dafür aber von den in allen Gassen und Gäßchen schreienden Ehedarim — es scheint dies ein krasser Widerspruch, ist es aber doch nicht — wundervoll gefördert wird. Hunger und erstaunliche Bedürfnislosigkeit sind hier an der Tagesordnung und haben eine Bevölkerung großgezogen, welche, zumeist dumpf dahin brütend, kaum eine Ahnung von der Trostlosigkeit ihrer Lage und kein Verlangen hat, aus derselben herauszukommen. Roch mehr: sie sieht sogar in jedem Menschenfreund, welcher sie geistig erheben und eine bessere materielle Lage anbahnen will, einen Feind, der ihr das Heiligste, ihre „Religion" rauben möchte. Was Wunder, daß in diesem Wunderlnnde, in welchem die tiefste Ruhe herrscht, während in der ganzen übrigen Well die wild auftchäumenden Wogen geistiger Bewegung alle Dämme zu überfluten drohen, das Wuuderrabbituru blüht! Und wie ein Wunder entsteht, wollen wir gleich sehen. Wir befinden uns in einem nur etwa fünfzehn Kilometer von der Bahn entfernten galizischen Städtchen. Die Natur hat es liebevoll bedacht. Sanft aussteigende, bewaldete Berge, Ausläufer der Karpathen, umkrünzen es und üppige Wiesen werfen den Abglanz eines frischen, saftigen Grün in die Gassen. Dian sollte glauben, daß eine fürsorgliche Natur hier alle Vorbedingungen für ein frisches, froh sich regendes Leben geboten. Wie aber sehen die Menschen dieses holdseligen Thales aus? 'Nun, toter sind sie im Hades auch nicht: Schatten, nichts als Schatten. Leblose, im trägen Gange dahinschleichende Gestalten, deren Kommen und Gehen ganz zwecklos erscheint, — von unsichtbarer Hand bewegte Automaten! Und doch sind diese Schemen nicht ohne Leben. Es giebt sogar Zeiten, wo cs mächtig in ihnen aufflaulmt, wo mit elementarer Gewalt Eruptioneil entstehen und verheerend zu werten drohen. Das aber bewirkt der Fanatismus, jenes blind wütende, feuerspeiende Ungeheuer, das von schlau berechuenden „Führern" losgelassen wird, so oft — und das kommt in unserer politischen Zeit sehr oft vor — so oft „die Religion in Gefahr ist!" Die Religion ist in Gefahr! Welch Unheil hat schon diese durch und durch verlogene Phrase heraufbeschworen! Da gehe ich in dem bepeitS oberflächlich gezeichneten, gottverlassenen Städtchen Tage lang herum wie ein Verzweifelter, Leben suchend in diesem Schattenreich! Werden diese Totengebeine jemals auferstehen? . . . Doch was ist das? Siehe da, wie es sich mit eins auf dem Markte zu regen beginnt. Zll ganzen Rudeln sammeln sich die Schatten an, welche plötzlich Leben bekominen haben. Wie das pustet und gestikuliert! Wie sich das mild geberdet! Wie unheimlich rollen da blitzende Augen! Was für entsetzliche unartikulierte Töne! Was ist eigentlich los? Woher die so. plötzlich radikal geänderte Situation? „Die Religion ist in Gefahr!" Hei, wie sich das häßliche Ungetüm durch Gaffen und Straßen wälzt! „Die Religion ist in Gefahr!" — Aber um aller Barmherzigkeit willen! was ist denn eigentlich los? — Wie, Ihr wißt es nicht, kennt nicht die Gefahr, von der unsre fromme Gemeinde bedroht ist? Denket nur: Es soll — hier — eine — Schule — errichtet — werden! Hu, wie das schaudern macht das Gebein. Eine Schule!! Welch' ein Gespenst! O, du liebe, gute Jugend, was soll in Zukunft aus Dir werden! Du sollst nicht mehr halbnackt aus den Märkten herumlungern dürfen; um den Hunger zu stillen, sollst du nicht mehr von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf bettelnd umherziehen. Hin, ach 7463