Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 711 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609023--0866-9609030- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 711. diese Thatsachc in die richtige Beleuchtung zu rücken, sei es dem Referenten gestattet, um ein Beispiel nur heranzuziehen, darauf hinzuweisen, daß alljährlich der Provinziallandtag der Provinz Hannover annähernd dieselbe tinnnte bewilligt für jüdische Religionsschulen, wobei noch besonders zu betonen ist, daß die Gesamtzahl der Juden in der Provinz Hannover kaum so viel beträgt wie die Zahl der steuerzahlenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin. Die Versammlung erteilte ohne Diskussion die Decharge und votierte dem Vorstand für seine umsichtige und erfolgreiche Geschäftsführung ihren Dank durch Erheben von den Plätzen. Mit diesem erhebendem Anblick schließt die öffentliche Sitzung. Der Talmud.*) Von Robb. Dr- A. Hochmuth. I. In dem Zeitraum von 12—13 Jahrhunderten, seitdem der Talmud, als ein abgeschlossenes Werk, im religiösen Leben und in der Litteratur der Juden eine dominierende Stelle einnimmt, ist dessen Name nicht so oft erwähnt worden, nicht so häufig von Mund zu Mund gegangen, wie in unseren Tagen. Seit dem Erscheinen von Rohlings Talmudjuden und der Inszenierung der Antisemitenhetzen ist in der judenfeindlichen Presse, den Flugschriften, Konventikeln jedes fünfte Wort: der Talmud, ihn als jenes Werk verurteilend und verdammend, welches die Juden demoralisierte und zu den Gehaßtesten aller Nationen und Konfessionen machte. Um dieses tendenziös heraufbeschworene Vorurteil zu bekämpfeu und richtigere Vorstellungen und Begriffe über den Talmud zu verbreiten, habe ich mir es zur Aufgabe gemacht, in dieser Abhandlung, mit Beseitigung alles wissenschaftlichen Apparats, den Leser einerseits in all' jenen religiösen, staatlichen und bürgerlichen Verhältnissen, andererseits in jenen eigentümlichen Schulprinzipien und Lehrweisen zu orientieren, unter deren Herrschaft und Einfluß dieses unvergleichliche Werk, das wir Talmud nennen, entstanden ist und sich entwickelt hat. Ohne diese aufgezählten Momente in Betracht zu ziehen, ist es absolute Unmöglichkeit, Inhalt, inneren Wert und religionsgesetzliche Verbindlichkeit des Talmuds kennen zu lernen und zu beurteilen. * * * Nicht weniger, als ein ganzes Jahrtausend hat an der Entstehung des Talmuds gearbeitet. Er ist auch nicht das Produkt einer Synode, in welcher die Dogmen und Gesetze der jüdischen Religion in präzis umschriebene Artikel gefaßt worden wären: er enthält vielmehr die Debatten und Verhandlungen selber, die während eines Jahrtausends in den höchsten Gerichtshöfen, Synoden und Schulen über Erklärung und Fortentwicklung des geschriebenen Gesetzes, sowie über Entscheidung neu ausgetauchter Frageu gehalten wurden — und dies mit größter Redefreiheit und Uneingeschränktheit. *) Diese Abhandlung, die nicht für Fachgelehrte geschrieben ist und keine andere Tendenz hat, als eine populäre Darstellung über die Genesis und die eigentümlichen, die Redaktion des Talmuds beeinflussenden Grundsätze zu liefern und dessen Inhalt von ganz allgemeinen Gesichtspunkten zu beleuchten, ist in der ungarisch-jüdischen Monatsschrift ..M^gyar-Zsido-Szemble“ zuerst erschienen. Auf Ansuchen ist dieselbe ins Deutsche übertragen und hin und wieder mit kleinen Zusätzen bereichert worden. Ein Aufsatz über die Stellung der modernen Inden zum Talmud folgt nach Beendigung dieser Artikelserie. Red. Wer da glauben würde, daß die debattierenden Gelehrten nach solchen Verhandlungen zu einem Endresultat gelangt seien undzu einer bestimmten Ansicht sich geeignet hätten, der würde gewaltig irren. Der Talmud überläßt es zum größten Teile der Einsicht und dem Scharfsinn des Forschers, die schlußgültige und praktische Norm zu eruieren. Auch das darf nicht außer Acht gelassen werden, daß das mosaische Religionsgesetz, wie überhaupt die Religionsgesetze der alten Völker, das ganze Leben des Individuums, wie alle Zweige und Funktionen staatlicher Wirksamkeit umfaßt und normiert. Eine Folge davon war, daß die aus Grundlage dieses Gesetzes entstandenen Schuldebatten in die verschiedensten Gebiete des Wiffens und der Erkenntnis eingreifen und eine fast undenkbare Vielseitigkeit aufweisen. Von der die Erhaltung der Gesundheit bezweckenden Lebensnorm bis zur Lösung astronomischer Probleme, von der Fixierung des einfachen Zivilgesetzes bis zur Umschreibung der Rechte und Prärogative des Königs, von der Formulierung der Privatgebete bis zur Ordnung des pomphaften Opferckultus im Jerusalemischen Tempel, von den Elementen des Sittengesetzes bis zu den edelsten Manifestationen der Menschenliebe — alle diese diversen Materien, Fragen, Sätze und Verhältnisse bilden den Gegenstand der Vorträge und den Inhalt des Talmuds, aber nicht in der Form von Beschlußfassungen und Endresultaten, sondern im Flusse lebhafter und angeregter Debatten, mitsamt den, sei es zustimmenden sei es entgegengesetzten Ansichten und Meinungen. Ja noch mehr. Selbst die Debatten über jene Gesetze, die nach Auflösung des jüdischen Staates außer Giltigkeit traten, keinen praktischen Wert 'mehr hatten und nur theoretischer — oder wie wir sagen — akademischer Natur waren, erstrecken sich über mehr als die Hälfte des ganzen Talmuds'). Wenn wir zu Gesagtem noch hinzunehmen, daß die Orientalen, vermöge ihrer lebhaften Phantasie und raschen Denkweise, nicht immer bei dem auf der Tagesordnung stehenden Gegenstände verblieben, sondern, wie auch bei uns manche Reichstagsmitglieder, Exkursionen in entfernte Wissensgebiete machten; ferner daß im Talmud ungefähr tausend Gelehrte angeführt werden, welche in den drei Weltteilen der alten Welt unter verschiedenen bürgerlichen Verhältnissen lebten und unter dem Einflüsse zeitweilig herrschender religionsphilosophischer Systeme und Wellansichten standen: so wird, wie wir glauben, der Leser sich wenigstens einen annäherenden Begriff von dem Inhalt des Talmuds machen können, welcher ein treues Spiegelbild dieser geistigen Strömungen bietet. Aber auch das wird jedem ein leuchten, daß es weder mit der Gerechtigkeit noch Billigkeit übereinstimmen würde, sowohl die Judenheit jener als auch die unserer Zeit für jede im Talmud ausgesprochene Meinung verantwortlich zu machen, welche etwa mit unseren heutigen Begriffen von religiöser Toleranz, Sittlichkeit und öffentlichem Rechte nicht übereinstimmt. Wo giebt es denn jene Nation, in deren tausendjähriger Litteratur man nicht antiquierten Ansichten begegnen würde? Wo ist heute jenes Gebiet der Ethik oder öffentlichen Moral, auf dem die Ansichten der Wortführer sich nicht zwischen Extremen bewegen würden? — Im Bisherigen haben wir von jenem Teile des Talmuds gesprochen, der sich mit der Aus- *) Z. B. über den Opferkultus im Tempel zu Jerusalem, über Priester und Livitenordnung und die denselben zu entrichtenden Gaben und Zehnten, über Kriminal- und Kapitalverbrechen, über Reinheitsgcsetze, welche schon in den ersten Jahrhunderten nach Auflösung des jüdischen Staates, wie heutigen Tages, außer Wirksamkeit getreten waren und nur theoretischen Wert hatten.