Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 706 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609023--0861-9609025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I'! '-'t Seite 706. Allgemeine Israelitische Wochenschrift.! Oi - Nr. 44. der Gemeindeverwaltung förmlich abgerungen! Den obligatorischen jüdischen Religionsunterricht in allen öffentlichen Schulen als vollberechtigten Unterrichtsgegenstand zur Anerkennung zu bringen, hat die liberale Gemeindeverwaltung nichts gethan, während wir uns darum mit dem Erfolge bemüht haben, daß wir auf Erfüllung dieses heißesten Wunsches jetzt rechnen dürfen. Ist das orthodox? Das Flugblatt des liberalen Vereins will die allgemeine Verwaltung im Geiste des Fortschritts geführt wissen. Das geheime Wahlrecht aber, das wir verlangen, steht nicht im Programm der sogenannten Liberalen; das Wahlrecht der Minderbemittelten, das wir zu erhalten streben, giebt der liberale Verein preis; die Einteilung in Wahlbezirke, die eine Vertretung aller Richtungen in der Repräsentanz wie in der Gemeinde gewährleistet, fordern nur wir, während der liberale Verein bei dem alten System verharrt, das ein Recht der Minorität nicht kennt und nicht anerkennt! Auf welcher Seite ist hier der Fortschritt? „Wir wollen keinen Gewissenszwang üben, aber mir wollen auch keinen dulden," sagt das Flugblatt. Wiederum sehr gut gesagt. Rur fehlt der Nachweis, daß wir jemals Gewissenszwang zu üben versucht hätten. Oder waren wir es, die Gewissenszwang üben wollten, als wir vergeblich gegen den Beschluß der liberalen Gemeinde-' Verwaltung Einspruch erhoben, ein Legat anzunehmen, welches einen Preis setzte auf die Verpflichtung zur Arbeit an allen Feiertagen mit einziger Ausnahme des Versöhnungstages, und von der Nutznießung alle aus schloß, die an der Tradition sesthalten! Hier wurde thatsächlich Gewissenszwang geübt, doch nicht von unserer Seite, sondern von Seiten der Schützlinge des sogenannten liberalen Vereins! „Wir wollen keineswegs die hebräische Sprache aus den Gotteshäusern gänzlich verbannen und den Sabbat auf den Sonntag verlegen," versichert das Flugblatt des liberalen Vereins. Wir acceptieren diese Versicherung und wollen an ihrer Aufrichtigkeit nicht zweifeln, obwohl in der konstituierenden Versammlung des liberalen Vereins das Gegenteil bekundet worden ist. Woher kommt es aber, daß an der Spitze des sogenannten liberalen Vereins Vorsteher der Sondergemeinde stehen, die thatsächlich den Sabbat auf Sonntag verlegt hat? Das Flugblatt des liberalen Vereins will nicht, daß der Religionsunterricht als den Hauptinhalt des Judentums Zeremonien darstelle, welche die Kinder von ihren Eltern nicht befolgt sehen. Das heißt offene Thüren einrennen, denn niemand von uns ist je der Meinung gewesen, daß Zeremonien als der Hauptinhalt des Judentums dargestellt werden sollen. Auf solchen Gedanken kann nur kommen, wer weder diese Zeremonien noch ihre Bedeutung kennt. „Wir wollen nicht, daß Abfall und Gleichgiltigkeit weiter um sich greifen, weil nur die Wahl gelassen wird zwischen erzwungener Befolgung orthodoxer Forderungen und bcm Fernbleiben von der Religionsübung," heißt es weiter in dem Flugblatt, das wiederum anzugeben vergißt, wo sülche Wahl in Berlin je gestellt worden. Zum Schluß sagt das Flugblatt des sogenannten liberalen Vereins, daß nur Männer seiner Richtung „mit Erfolg in der Abwehr gegen den Antisemitismus den allein berechtigten Standpunkt vertreten können, vaß wir uns von unseren Mitbürgern anderen Glaubens ausschließlich durch unser religiöses Bekenntnisunterscheiden," nur Männer seiner Richtung „unsere staatsbürgerlichen Rechte und unsere soziale Stellung zugleich mit Würde und mit Mut verteidigen können." Das ist eine Behauptung von verwegener Unmahrhastigkeit! Die jetzige liberale Geineindeverwaltung hat die Herrschaft während der ganzen Zeit der antisemitischen Bewegung gehabt und ihr „Mut" und ihre „Würde" hat sich einzig darin gezeigt, daß sie — sich nicht zu erkennen gab. Und als einmal eine Gelegenheit, die nicht sie geschaffen, sich bot, ein männliches, mutiges Wort zu sprechen, das auch eine gute Statt gefunden hätte, da versagten „Mut" und „Würde", da wurde ein bereits gefaßter Beschluß der Gemeindevertretung in die Versenkung gestürzt. Das war dieses Liberalismus „Mut" und „Würde". Solche Liberale sind wir freilich nicht, denn wir sind wirklich liberal! Centralverein für die Interesse» der jüdischen Gemeinde in Kerlin. Zu den ilf|irii!nitiiiitfiin)fll|lnt in Berlin. IV. § 5 unseres Programmes: „Heranziehung sämtlicher bisher noch nicht besteuerten jüdischen Einwohner zur Gemeindesteuer durch Einschätzungskommissionen in, den verschiedenen Stadtteilen, entsprechend den städtischen Einrichtungen, wodurch eine Entlastung der jetzt zahlenden Mitglieder herbeigeführt wird." Die Steuern, welche die jüdische Gemeinde Berlin erhebt, sind nicht allzu hoch, aber auch schon an der Grenze angelangt, wo sie eine Steigerung nicht erfahren dürfen, ohne drückend zu werden. Es ist deshalb begreiflich, daß der jüdische Steuerzahler mit Besorgnis einer Anschwellung des Etats entgegensieht und in jeder Anforderung, die neu an die Gemeinde gestellt wird, die Anforderung mag noch so gerecht sein, zunächst die Drohung mit einer Steuerüberbürdung erblickt. Haben doch die Gemeindemitglieder in großer Zahl doppelte Abgaben zu leisten, die eine an die Hauptgemeinde nach dem Gesetz, die andere an die Privatgemeinde scheinbar freiwillig, thatsächlich notgedrungen, weil die Hauptgemeinde für Gottesdienst und Religionsunterricht nicht ausreichend sorgt. Wenn wir nun verlangen, daß die Hauptgemeinde in verschiedenen Stadtteilen neue Synagogen errichte, so können wir noch so sehr betonen, daß unser Wunsch nicht nach Prunkbauten stehe, daß wir durch schlicht-würdige Gotteshäuser mit einfachem Dienst völlig befriedigt wären, — so hält man uns immer entgegen, daß wir an die Steuerkraft der Gemeinde übermäßige Anforderungen stellen wollen. Das ist eine Täuschung, denn nicht seit heute und gestern, seit Jahren haben wir eine Reform des Einschätzungswesens vorgeschlagen, die der Gemeinde so reiche Mittel liefern müßte, daß trotz Erhöhung der Ausgaben eine Ermäßigung der jetzt ausgeschriebenen Steuerzuschläge sich ermöglichen würde. Das EinschätzungsweseL der jüdischen Gemeinde Berlin ist heute noch unverändert dasselbe wie vor dreißig Jahren. Damals konnte eine einzige Kommission, die dazu eingesetzt war, die verhältnismäßig kleine Gemeinde übersehen und den S v