Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9609023--0860-9609024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Berlin, 1. Movemver 1895. Mgemerne Mo. 44. Jahrgang iv. Bezugspreis: vierlekjährk. 2 Wk. Herausgeber A. Levin, ZZertn,. Erscheint an jedem Areilag. ZZezngspreis für das Ausland: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel Jiiljalt: Was will der liberale Verein?! Vom Central-Verein f. d In- Zu den Repräsentantenwahlen. IV. J teressen d. jiid. Gern. Konfessionslos. Der deutsch-soziale Parteitag. Von Dr. Al. Aus der Berliner Gemeinde. Der Talmud. I. Von Rabb. Dr. Hochmuth. Galizische Finsternis. Zahn um Zahn. (Fortsetzung). Das Ruhekissen. Von Jul. Freund. Wochen-Chronik. — Kalender. — Anzeigen. Was will kr likrair Verein? Offene Antwort auf dunkle Fragen. Der sogenannte liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat jüngst ein Flugblatt versandt, das sein früheres Programm mit einigen nicht unerheblichen Modifikationen wiederholt. Dieses Flugblatt ist insofern schmeichelhaft für uns, als es in sesmm positiven Teile sich ganz und gar aus den Boden^rlns/rer Forderungen stellt, was allerdings nicht in der Form einer Zustimmung, sondern unter der Erweckung des Anscheins geschieht, als würden jene Forderungen gegen uns geltend gemacht, die mir - Reaktionäre und Finsterlinge seien, Orthodoxe in dem Sinne, mit dem nach dem Sprachgebrauch Unduldsamkeit, Versolgungssucht, Ketzerrichterei verbunden ist. Dem müssen wir mit aller Entschiedenheit widersprechen, und den Widerspruch wollen wir begründen. Daß dabei zugleich Licht fällt auf das, was der sogenannte liberale Verein-zu verschweigen für gut hält, wird allgemeiner Aufklärung dienlich sein. Das Flugblatt unserer Gegner beginnt mit einer doppelten Unterstellung: daß wir gleiches Recht für Alle schaffen zu wollen nur „vorgegeben" hätten, und daß wir die Wähler für die Schaffung einer „orthodoxen" Mehrheit im Repräsentantenkollegium zu gewinnen trachteten, sowie mit der falschen Behauptung: daß wir die Berücksichligung von lokalen Wünschen versprächen, „deren Erfüllung die Steuerkraft der Gemeinde weit übersteigt". Ein Beweis für diefe Behauptungen ist nicht einmal verfucht worden, und als jüngst in einer öffentlichen Versammlung des liberalen Vereins dessen Sprecher aufgefordert wurde, Anzeichen engherziger Orthodoxie bei dem Centralverein und dessen Vertretern im Repräsentantenkollegium an- Aedaktion und Verlag: <$>r. Kamönrgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Vst, nehmen alte Annoncen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. zugeben, erklärte der betreffende Herr: das bezöge sich auf die Zukunft und werde wahr werden, sobald der Centralverein in der Repräsentanz erst die Mehrheit habe. Das ist, mit Verlaub, eiue rabulistische Ausweichung, die dem Grundsätze widerspricht, daß man niemandem andere Absichten zuschreiben darf, als zu denen er sich bekennt. Wir haben gleiches Recht für Alle seit unserem ersten Auftreten proklamiert und bethätigt. Der Satz sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber seine Proklamierung war notwendig geworden, weil die Gemeindeverwaltung, welcher der liberale Verein zu Hilfe kommen will, ihm fortgesetzt entgegen gehandelt hat. Wir haben nicht einseitig die Orthodoxie begünstigt, sondern gleichermaßen die Ansprüche derer verfochten, die nicht auf orthodoxem Standpunkte stehen, die beispielsweise vorwiegend deutsche Gebete in einzelnen Synagogen einführen wollen. Ist das orthodox? Heißt das die Verwirklichung gleichen Rechtes für Alle blos „vorgeben"? Eine „orthodoxe" Mehrheit wollen wir in das Repräsentantenkollegium bringen? Wir glauben nicht, daß in der ganzen Repräsentantenversammlung mehr als zwei Orthodoxe sitzen. Wir müßten also die Schaffung einer orthodoxen Mehrheit damit begonnen haben, daß wir nichtorthodoxe Männer zur Wahl brachten. Eine sülche Behauptung märe schon nicht mehr sinnig. Die Erfüllung unserer Versprechungen — Bau von neuen Synagogen, von denen eine bereits einen Platz durch die jetzige Verwaltung angewiesen bekommen hat — würde die Steuerkraft der Gemeinde weit übersteigen? Davon ist kein Wort wahr. Wir machen uns stark, durch die bessere Orgauisatiou, die wir dem Eiuschätzungsverfahren geben wollen, und durch die Herauziehung aller jüdischen Einwohner zu dei^Hemeindesteuern die von uns verlangten Aufwendungen mit verminderten Beitragsquoten zu bestreiten. Das Flugblatt des liberalen Vereins bezeichnet die eifrige Fürsorge für den Religionsunterricht der Jugend als selbstverständlich. — Sehr gut gesagt! Aber was hat die liberale Verwaltung, die seit dreißig Jahren unbeschränkt herrscht, für den Religionsunterricht gethan? Sie hat ihn schmählich verwahrlost, so daß nach dem Eingeständnis selbst ihrer eifrigsten Fürsprecher viertausend jüdische Kinder in Berlin nicht einmal die Gelegenheit zur Teilnahme am jüdischen Religionsunterricht haben! Die Einführung des Jugendgottesdienstes, die Einrichtung zweier neuen Religionsschulen ist unser Werk, ist durch unser unausgesetztes Drängen