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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 699

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 699 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 699. Eines Tages jedoch war dieses Kind verschwunden. Der königliche Vater war bestürzt. Alle Mittel, die dem nlächtigen Herrscher zu Gebote standen, wurden angewendet, dasselbe auszuftnden, doch es war und blieb verschwunden. Es konnte uur die mächtige Partei der gekränkten und zurückgesetzten Königin sein, die diesen Schlag geführt hatte. Wohl dachte Esterka einen Moment lang an ihren Vater, den sie seit der Zeit nicht wieder gesehen hatte und an den sie sich oft mit Wehmut erinnerte, und teilte auch ihrem Geliebten ihre Gedanken mit. Dieser ließ auch dieses Mittel nicht unversucht und ließ den nunmehr in Freiheit sich befindlichen Reb Joseph aufsuchen. Aber der mar seit kurzem aus Krakau weg und niemand wußte wohin. Lange Zeit dauerte es, bis der nunmehr wieder erbenlose König sich von seinem Betrübnis erholte und nach und nach im Drange der Staatsgeschäfte des holden Knäbleins vergaß, das ihm seine „Rose des Orients" geschenkt hatte. (Fortsetzung folgt-) Wochen-Chronik. Berlin, den 24. Oktober. * Berliner Nachrichten. Die erste allgemeine Wähler-Versammlnng anläßlich der Repräsentantenwahlen veranstaltet, wie aus einer Anzeige ersichtlich, der Central-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde. Die Anzeige lautet: „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Kerlin." Große Versammlung, Donnerstag den 31. Oktober abends 8V2 Uhr in Dräsel's Festsaal Neue Friedrichstr. 35. Tagesordnn g: „1. Was will der „liberale" Verein? 2. Diskussion über die bevorstehenden Wahlen zum Repräsentanten-Collegium und Gemeindeangelegenheiten. Der Vorstand Mitglieder der jüdischen Gemeinde find als Gäste willkommen. — Einen Schreckschuß hat die hiesige human istische Gemeinde abgefeuert. Dem Prediger dieser Gemeinde ist vom Kultusminister untersagt, den Kindern seiner Gemeindemitglieder Religionsunterricht zu erteilen, und seitens der Unterrichtsverwaltung ist von dieser gefordert worden, ihre Kinder den Religionsunterricht einer vom Staate anerkannten Religionsgenossenschaft besuchen zu lassen. Um die Regierung einzuschüchtern, wird das Gerücht verbreitet, daß verschiedene Mitglieder der humanistischen Gemeinde ihre Kinder an den: j ü d i s ch e n Religionsunterricht teilnehmen lassen würden, ja, daß bereits vor längerer Zeit ein christlicher Vater, dessen Sohn eine Gemeindeschule besucht, diesen Ausweg gewühlt habe. — Diese nicht ernst zu nehmende Drohung bringt uns eine Renüniszenz aus dem reichen Schatz jüdischen Witzes in Erinnerung. Es wird erzählt, ein jüdischer junger Mann habe eines Tages dem Ortspfarrer den Wunsch vorgetragen, in den Schoß der Kirche ausgenommen zu werden. Ueber das Motiv befragt, erwiderte der Taufkandidat: „Ich habe mich mit meiner ganzen Verwandtschaft entzweit und da, möchte ich ihr — Schande machen." Die Nutzanwendung liegt nahe. — Bortrag. In der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums hielt Herr Dr. A. Berliner, Dozent am hiesigen Rabbiner-Seminar, einen Vortrag über „den Einfluß der hebräischen Buchdrucker auf Kultur und Kultus der Juden". Der Vortragende gründete seine Darlegungen auf ein umfassendes Quellenstudium und ein bedeutendes Wissen. Er hat die Werke der hervorragenden Rabbinen aller Zeiten und Länder durcksorscht und mit echtem Gelehrtenfleiß alles das zusammengetragen, was zum Thema gehörte. Zuerst erörterte er die Zeit vor der Erfindung des Buchdruckes, sprach von den Vorschriften über die Abschreibung der heiligen Bücher und über das Ausleihen. Es fielen aus diesen Vorschriften höchst interessante Streiflichter auf die alte Kultur der Juden. Die eigentümliche Art z. B., sich beim Gebete zu bewegen, führte der Redner darauf zurück, daß vor der Zeit des Buchdruckes Gebetbücher nur in sehr beschränkter Zahl in der Gemeinde vorhanden waren. (Ist dieser nur noch in Halbasien geübte Brauch nicht vielmehr kabbalistischmystischen Ursprunges? Red.) Daher mußten mehrere Beter in ein vor ihnen aufgeschlagenes Buch blicken, und so erklärt sich das öftere Auf- und Niederbewegen der Gläubigen. Daß die Idee der Buchdruckerkunst bereits im jüdischen Volke herrscht, geht daraus hervor, daß ein gelehrter Abschreiber die vier Zeichen des Gottesnamens ausgeschnitzt und zusammengeheftet hatte und den heiligen Namen in einem Zuge zu Papier bezw. Pergament bringen konnte. Die Erfindung der Buchdruckerkunst hat in erster Linie dazu gewirkt, die heiligen Schriften möglichst weit zu verbreiten und fast jeder Familie ein Gebetbuch zu gestatten. Danach ist eine ganze Anzahl von Vorschriften über das Verleihen der Bücher außer Kraft gesetzt worden. Endlich ist ein wesentlicher Unterschied in der Einteilung der Bibel durch die Buchdruckerkunst herbeigeführt worden. Die alten Handschriften kennen keine Zweiteilung der Bücher Könige, Chronika re., ebensowenig eine Kapiteleinteilung; das alles ist erst durch den Buchdruck gekommen, und es ist nicht umnöglich, daß manche Stellen sich ganz anders würden erklären lassen, wenn der alte Zusammenhang wieder hergestellt würde. — Da der Vortrag demnächst im Drucke erscheinen wird, beschränken wir uns auf diesen knappen Auszug. — Eine Berichtigung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrem Bericht über die Sitzung der Repräsentanten vom 14. Oktober finden sich in der Wiedergabe meines Referates über den Rechnungsabschluß der Arinen - Kommission einige irrtümliche Angaben, welche durch die oft erwähnte ungünstige Akustik des Sitzungssaales ihre genügende Erklärung finden mögen. Ihr Herr Berichterstatter zieht jedoch außerdem aus den von mir angeführten Ziffern Folgerungen, welche ich einer Berichtigung dringend nötig erachte. Zunächst beträgt die Gesamtsumme der von der Armen- Kommission verwalteten Stiftungen nicht 938,000 Mksondern nur 338,000 Mark. — Ferner sind in den Einnahmen aus freiwilligen Gaben rc. in Höhe von 96,000 Mark die Zinsen aus den vorgenannten Stiftungen mit ca- 12,000 Mark einbegriffen. — Auch sind nicht von 5575. Bittgesuchen nur 2633 berücksichtigt worden, sondern von 5175 Bittgesuchen hat man 2933 berücksichtigt. Wenn ich hierbei festgestellt habe, daß es notwendig war, über V3 der Bittgesuche abzuweisen, so habe ich doch nicht unterlassen, zu betonen, daß der weistaus größte Teil der Znrückgewiescncn ans solchen bestand, welche, zum Teil eben unterstützt, sogleich wieder an die Armen-Kommission herantraten, zum Teil nicht einmal die Erledigung ihres ersten Gesuches abwarteten, um mit weiteren Gesuchen aufzutreten, so daß nur ein geringer Prozentsatz solcher übrig geblieben sein mag, welche trotz konstatierter Bedürftigkeit und Würdigkeit nicht im erwünschten Maße unterstützt werden konnten. Ich knüpfte hieran den Ausdruck der Befriedigung, daß die Gemeindebehörden in dem diesjährigen Etat der Armen-Kommission einen um 10,000 M. erhöhten Zuschuß zur Verfügung gestellt haben. Ich möchte daher dagegen Einspruch erheben, wenn Ihr Herr Berichterstatter aus diesen Ausführungen den Schluß zieht, daß die Armen-Kommission, unbekümmert um die Rot der Armen in unserer Gemeinde, nur darauf bedacht gewesen wäre,

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