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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 698

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 698 (sequence 10)
Language
German
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Seite 698. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Menschentums gebe, daran Vater und Sohn, Bruder und Bruder sich wieder erkennen, darin der Fürst auf seinem Throne sich mit den: letzten in seinem Reiche als Mensch wieder erkennt. Dann werden die politischen Fragen leicht ihre Lösung finden, zun: heiteren Kampfe der Rede wird die parlamentarische Debatte, der Völker Stännne froh vereinend, diplomatiscke Roten werden zu Liedern und der Krieg eine harmlose — Partie Schach werden. Feuilleton. Zahn um Zahn. Erzählung aus Polens Vergangenheit. I. In einem Gäßchen von Kasimirz, dem schinutzigen Judenniertel von Krakau, der vormaligen Residenz- und Hauptstadt des Königreichs Polen, lebte um die Mitte des 14. Jahrhunderts, zur Zeit des Königs Kasimir des Großen, still und zurückgezogen mit seinem einzigen Töchterlein, das ihm seine frühzeitig verstorbene Frau hinterlassen hatte, der Schriftgelehrte Reb Joseph. Von seinen Glaubensgenossen seines scheuen Wesens halber wenig ausgesucht, doch seiner Gelehrsamkeit wegen geachtet, fristete er sein kümmerliches Dasein teils vom Reste des kleinen Vermögens, das seine Frau bei ihren Lebzeiten durch einen kleinen Kramladen erworben hatte, teils von den geringen Verdiensten, die ihm als Vermittler zwischen seinen Glaubensgenossen in religiösen und sonstigen Streitangelegenheiten zufielen. Jemehr er sich von den übrigen Menschen zurückzog und deren Freundschaft und Feindschaft mied, desto inniger konzentrierte sich all sein Fühlen und Lieben auf den ihm verbliebenen einzigen teuern Gegenstand, seine Tochter Esther. Wer kennt nicht die Macht jüdischer Elternliebe! — Hatte er stundenlang in den Labyrinthen der talmudischen Schriften gegrübelt und seinen Geist müde gehetzt, so war ein Blick auf seine geliebte Tochter seine Erholung. Sie mar fein Trost in trüben Stunden, seine Augenweide in frohen Momenten. Und auch sie, die blühende, jugendliche Gestalt, pflegte ihren Vater mit jener Sorgfalt und Liebe, wie sie im jüdischen Familienleben überall zu finden ist, und wie es keine ihrer Freundinnen an ihrer Stelle anders gemacht haben würde. So vergingen Monate und Jahre. Esther war zur vollen üppigen Jungfrau herangereift, eine Rose Sarons, im Verborgenen blühend. Weit über die Grenzen ihrer engeren Heimat, der Judenstadt Krakau's hinaus, verbreitete sich der Ruf ihrer Schönheit und Anmut, und schon fing der für ihre Zukunft besorgte Vater an, unter den jungen Leuten seiner Umgebung sich umzusehen, und mit den „Schadclionim“ in Verbindung zu treten, um seiner geliebten Tochter einen ebenbürtigen Mann als Stütze fürs Leben zu verschaffen. Doch es sollte anders konrmen. Bereits feit einiger Zeit hatte man zur Dämmerungszeit, wenn die Frauen und Mädchen der Judenstadt von des Tages Last und Mühe vor ihren Hausthüren sich zu erholen pflegten, einen, in einen weiten Mantel gehüllten und verhüllten Kavalier von vornehmen: Aeußcrn, gefolgt von einem Begleiter, die Gasse, worin Reb Joseph wohnte, häufig durchstreifen gesehen. War nun das Erscheinen eines Edelmannes in jenem Teile der Stadt gerade nichts auffallendes, so hatte doch seine mehrrnalige Anwesenheit in derselben Gasse und besonders der Unfftand, daß er einige Male bei Esther stehen geblieben war und mit ihr gesprochen hatte, ^bereits einigermaßen die Aufinerksamkeit der Nachbarschaft erregt. Eines Morgens, als Reb Joseph wie gewöhnlich erwachte und seine Tochter rief, ihm den Morgentrunk zu bereiten, fand er dieselbe nicht an ihrem gewöhnlichen Platze. Er dachte, daß sie wohl eine dringende Verrichtung in der Nachbarschaft Hütte und wartete geduldig ihre Rückkehr ab. Als er aber längere Zeit gewartet hatte und Esther noch immer nicht zum Vorschein kam, fing er an ob ihres ungewöhnlichen Ausbleibens beunruhigt zu werden, und begab sich in die nächsten Nachbarhäuser, um daselbst nachzufragen. Aber auch hier wußte man nichts von Esther. Immer ängstlicher geworden, durchlief der arme Vater die gesamte Judenstadt, aber Esther war und blieb verschwunden. Nun erst erfuhr er von der Nachbarschaft, daß sich ein fremder Kavalier seit einiger Zeit in jener Gasse gezeigt und mit Esther im Gespräche gesehen worden war. Der Verdacht aller lenkte sich sofort auf diesen Kavalier. Der verzweifelte Vater setzte alles in Bewegung, um die Spur jenes Kavaliers aufzufinden. Nach einigen Tagen war es ihm, mit Hilfe seiner Glaubensgenossen, die in allen Kreisen Verbindungen hatten, gelungen, insoweit über den Verlust seiner Tochter unterrichtet zu sein, als er erfuhr, daß sich die Spur jenes Kavaliers nirgends anders als in dem königlichen Palafte verliere. Eben war er daran, den Aufenthalt seiner Tochter selbst auszuforschen, als er unvermutet überfallen und in einen Kerker geschleppt wurde, wo er zwar nicht schlecht behandelt, aber streng bewacht, und von aller Welt abgeschlossen, ein volles Jahr lang schmachten mußte. Die Verzweiflung, die sich seiner beinächtigte, wurde nur von der Hoffnung überwältigt, einmal frei zu werden und über das Schicksal seines geliebten Kindes Gewißheit zu erlangen. Als er endlich nach mehr als Jahresfrist fceigelassen wurde, da war auch das Schicksal seiner Esther kein Geheimnis mehr. Sie war die offenkundige Geliebte des polnischen roi vertgalant, Casimir, geworden und hatte ihm bereits ein Kind geboren. Es war jene berühmte und vielfach besungene „Esterka", die, wie einst ihre Urahnin gleichen Namens am persischen Hose, hier am polnischen Hose durch ihre liebliche Anmut das Herz des mächtigen Königs zu fesseln wußte. Aber Reb Joseph wußte sich nicht, wie sein Vorgänger Mardechaj, in sein Schicksal zn fügen. Dem echten glanbenstreuen Juden geht sein Glaube über alles. Was waren ihm alle Gunst des Königs und etwa zu erivartende Entschädigungen gegen die Schande der Tochter! Denn des Königs angetraute Gemahlin lebte derzeit noch, wenn auch getrennt von ihm. Das, was vielleicht mancher stolze polnische Edelnmnn als ein hohes Glück angesehen hätte: die Hingabe seiner Tochter an den mächtigen König — das erfüllte den niedrigen, verachteten Juden mit unsäglichem Jammer. Doch was hilft das Winseln des Lammes dem Löwen gegenüber, der ihn: sein Junges geraubt? Der Gewaltige freute sich seines Besitzes und brachte lange Stunden in trautem Kosen mit seiner „Rose des Orients" und dem Knäblein, seinem einzigen männlichen Sprößting zu. In seiner legitimen Ehe war König Casinür ohne inännlichen Nachkommen geblieben.

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