Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 697 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 687. Kirche raubte, und brachte mich in das Kloster zu Mainz, wo ich erzogen ward und mir Todesstrafe angedroht wurde, wenn ich je meine Abkunft verriete. Was ich da gelitten, bis sie mich zum Priester weihten, wieviel ich da in rneinem Herzen ausgerungen - wirst Du mir zu schildern erlassen. Vergebens suchte ich durch Studium und Gebet mein Gewissen zu beruhigen, vergebens suchte ich Trost, bald zwischen Klosternlauern, bald in Waldeseinsamkeit — meine Verzweiflung konnte ich nie mehr Niederkämpfen. Jede Verbindung mit Dir war mir abgeschnitten, und allmählich verblauten die Bilder in der Erinnerung, die Spuren, die Dein liebes Angesicht meinen: Gedächtnisse eingeprägt, sie verwischten sich mit der Zeit, nur durch das Schachspiel hielt ich mit der« schönen Lenze meiner Jugend mich in stetem Verkehre, und der Zug, den Du mich gelehrt, war die einzige Reminiszenz, die sich mir erhalten. Da haben sie mich nach Rom mit einem Auftrag gesendet, ich sah des Papstes Glanz, und es erwachte des Ehrgeizes Dämon in meiner Brust. Ich stürzte mich in das Gewühl des Hofstaates, klomm von Stufe zu Stufe und suchte durch Befriedigung meiner Ehrsucht den Stachel des Gewissens zu mildern und an dem Kelche der Eitelkeit mich zu berauschen. Aber in der Einsamkeit der Nächte erwachten die alten Erinnerungen um so lauter, und da erließ ich das Breve nach Mainz in der Voraussicht, daß sie Dich hiehersenden werden und ich Dein treues Vaterhaupt wieder küssen könnte. Das Breve, das Euch bedrohte, ich habe es vernichtet — und nun Vater, sprich: Werde ich Verzeihung dort oben finden?" „Das wirst Du," sprach Barabun, „Du bist vom Lichte der Weisheit umflossen, wie der erste Spiegel es mir verkündigt hat, ein Diadem schmückt Dein Haupt, wie es der zweite Spiegel vorausgesagt, die Prophezeiung des dritten wird sich auch erfüllen, und ich sehe den Büßenden von: Glorienscheine umglänzt." Noch lange sprachen Vater und Sohn miteinander, indes Barabuns Gefährten bänglich des Ausganges harrten. Endlich ries der Papst: „Zieh' heim in Frieden, mein Vater, ziehe hin und tröste die trauernde Mutter. Möge ihr Herz sich wieder stärken, ivie Du das meine emporgerichtet hat." — Barnbnu zog vou dannen, die Siegesbotschaft nach Mainz überbringend. Dann schrieb er ein Lied, dessen Anfang ist: „Elchanan," dessen erste Zeile lautet: „Gott ist die Liebe." Das Lied sollen die Mainzer Juden an jedem Reujahrstage singen und daraus Akut aus ihrer dornenvollen Bahn schöpfen. Wenige Jahre später, der alte Barabun war ins Grab gesunken , das treue Weib war ihn: nachgefolgt, da kam ein abgehärmter Mann im Bettelkleide nach Mainz. Niemand wußte woher, noch weshalb. Der blasse stille Alaun that niemand was zu Leide. Er betete unablässig und kasteite seinen Leib. Des Nachts faß er über den Büchern, die Welt um sich her vergessend. Düster und in sich gekehrt, nahm er an irdischen Freuden keinen Anteil. Nur zuweilen gönnt er sich eine seltsame Erholung — an dein Schachspiele, das als der letzte dünne Faden ihn noch an das weltliche Leben knüpft. Gerne lehrt er andere das Spiel, doch einen Zug weiß er, den teilt er niemand mit und will ihn mit sich in das Grab nehmen. Er giebt über seine Abkunft keinen Bescheid, er nennt sich schlechtweg Elchanan, von Almosen ein kärgliches ^eben fristend. So schlich er noch zehn Jahre im Ghetto zu Mainz umher, bis man ihn einesZMorgens, vor dem^offenen Buche HL.; ■ sitzend, in den Lehnstuhl zurückgefallen, als kalte Leiche fand. Zu jener Stunde aber, als der Bettler Elchanan „Zu Mainz sich eiiigefniidcii, War in Rom der Papst verschwunden." * * * Wir geben diese mittelalterliche Nachdichtung der biblischen Erzählung von Joseph in Egypten allen Kunstrichtern preis und überlassen es den Geschichtsforschern, den Kennern der Völker-Psychologie, den Kundigen der Volkssagen, sich den Zusammenhang zwischen Leonhardt zu Ströbeck und Elchanan aus Mainz nach eigenem Gutdünken zu erklären. Wir sehen hierin das uralte Motiv / die Katastrophe durch Zerreißung des Fauülienlebens herbeizuführen und den versöhnenden Abschluß dadurch zu bewirken, daß das der Familie entrissene Mitglied durch mannigfach verschlungene Abenteuer zmn Retter und Schirmvogte der Seinigen wird. Aber nicht das poetische Element ist es, das uns an die Sage fesselt, sondern die psychologische Seite, die der Beziehungen zur Gegenwart nicht entbehrt. Wer giebt uns ein Schachspiel, in dem der reine Geist allein die Waltung hat, der Mensch an den: Nächsten nur den Menschen sieht und nicht die Konfession, die Nationalität, den Firlefanz von sogenannter National-Ehre und verletzter Eitelkeit, der Hunderte in Tod und Elend jagt? Wann werden sich die auseinandergerissenen Mitglieder der großen menschlichen Familie an dem einen gemeinsamen Zuge wieder erkennen? Wann wird es ein Schachspiel geben, daran die Völker sich wieder finden, wenn sie grollend auseinandergegangen? Gewiß nicht eher, als bis die Völker sich selber zum Brettspiele setzen, statt als Figuren desselben einzelnen Menschen zu dienen. Wir sind noch gar nicht aus dem Heroentum recht herausgekommen, das die Entscheidung der Geschicke in die Hände von Individuen legt, welches die Roheiten eines Achilles bewundert, der die Leiche Hektors siebenmal um die Mauern von Troja schleppt, und nur darmu bewundert, weil der Vandale einen klassischen Namen hat und von Homer besungen wurde. Aber es kamen noch andere Geister, ein Hesiod sang von den „Arbeiten und den Tagen", verspottete das Heroentum und die Heldenspielerei — und zeigte, daß die Welt nicht den Einzelnen gehört, sondern jedem, der denkt und schafft und wirkt und so zum ganzen der Menschheit gehört. Wir erinnern uns an Kaiser Max, der einst den Ausspruch that: Frankreichs Könige herrschen über Esel; Englands Regenten über gewöhnliche Menschen, der deutsche Kaiser aber über lauter Könige. Denn die Franzosen müssen tragen, was man ihnen auflegt, die Engländer thun es gerne — die deutschen Fürsten aber nur, wenn es ihnen beliebt. Dahin aber müßte es mit den Völkern ihren Diplomaten gegenüber kommen, daß jedes sich in dem ganzen fühlt und nicht von dem Mißverständnisse einzelner Verwüster abhängt. Wie hätte jemals ein so heilloser Krieg, wie der letzte, dessen Erinnerung vor wenigen Wochen gefeiert wurde, der ein Krieg, der in so frivoler Weise hatte entzündet mit so leichtfertigen Motiven begonnen, mit solcher Raserei zum Ausbruche kommen dürfen, wenn die Rationenfelber ihre Freiheit nicht vou dem Zufalle der Individualitäten abhängig machten und der Selbständigkeit nicht entsagen würden. Weg mit Homer — den Hesiod müßt ihr lesen! Lernet von den Ströbeckcr Bauern, wie man sich nicht durch rohe Balgereien und blödsinniges Würfelspiel, sondern durch Scharfblick und Umsicht seine Freiheit erkämpft. Lernet an der Ghetto-Legende, daß es einen allgemeinen Zug des