Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 678 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608989--0835-9608999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 678. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. ein Lessing noch seinen Mendelssohn mit Schachspiele, und wer wird es daher unscrein Barabun verübeln, daß er seinen Sohn nicht früh genug mit dem einzigen Mittel, sich als Mensch zu dokumentieren, bekannt machen konnte. (Schluß folgt.) Wochen-(Lhronik. Berlin, den 17. Oktober. * Berliner Nachrichten. Von einem uns persönlich bekannten greisen Mitgliede unserer Gemeinde und ständigen Besucher der Synagoge in der Kaiserstraße erhalten wir folgende Zuschrift, die in ihrer Schlichtheit fast rührend wirkt: Geehrter Herr Redakteur! Als Leser Ihres geschätzten Blattes erlaube ich mir an Sie die Frage zu richten, ob mit unserem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele was los ist. Sie werden mich wohl zum Rabbiner schicken, der doch dazu da ist, die Mitglieder zu belehren. Aber mit dieser Frage gehe ich zum Rabbiner nicht. Denn hören Sie, was für einen Possen mir dieser gespielt. Ich habe einen Schwiegersohn, der zu den Moder wn gehört, der von der Schul und vom Judentum wenig hält. Nur mit Mühe konnte ich ihn bewegen, das Gotteshaus am Schmini Azeres aufznsuchen, um dort seiner Toten zu gedenken. Er machte sich lustig über die Seelenfeier. Wenn man gestorben ist, ist es alle, meinte er. Unser Doktor £. ist doch gebildeter als Du und predigt doch zur Seelenfeier, sagte ich ihm, und er ging mir zulieb in die Schul. Wäre er lieber zu Hause geblieben. Denn was ich einfacher Jude seit 50 Jahren glaubte, predigte mir der Rabbiner mit einemmale ab. Auch die größten Männer verfallen der Vergessenheit — An das Jenseits denke man so wenig als möglich. — Von der Unsterblichkeit kann man nichts wissen, predigte der Rabbiner. Mein Schwiegersohn lispelte mir zu: Ein gescheiter Kopf, dieser Doktor, Na, dachte ich, es kommt noch am Schlüsse der Predigt anders. Aber je mehr der Rabbiner dokterte, desto schöner wurde es. Er predigte in der Schul genau wie mein Schwiegersohn zu Hause- Freilich schöner, begeisterter. Aber sagen Sie selbst, Herr Redakteur, soll man für die schönen Reden aus der Kanzel der Gemeinde beisteuern, sich als Jude schmähen lassen, wenn doch nichts daran ist, wenn selbst das Bischen Unsterblichkeit Wurst tft? Ter Schmini Azeres faßt alles das zusammen, was der Tischrimonat lehrt, und dies ist nach der Rede zur Seelenfeier, daß man nicht „hinüberschielen" soll ins Jenseits und nicht glauben soll wie die „Frommen", daß die „himmlische Gerechtigkeit im Jenseits" die guten Handlungen vergelte! Erlauben Sie mir eine Frage: Wenn in einer orthodoxen Schul so gepredigt wird, was wird man in der modernen Schul, die im Westen errichtet werden soll, predigen? Etwa, daß man keine Rabbiner mehr braucht? Ist meine Frage albern? Alter schützt vor Thorheit nicht, pflegte meine gottselige Mutter zu sagen. Die „gottselige" Mutter! Wir Juden sind unverbesserlich! Ich spreche noch nach der Predigt von einer „seligen" Mutter- Kohelcs war auch so albern. Herr Dr. P. meint nämlich, daß Koheles nur deshalb ein unglücklicher Mensch, ein Schwarzseher gewesen ist, weil er sich mit der Unsterblichkeit viel zu schaffen machte. Ich will offen gestehen, daß ich die Predigt nicht ganz verstanden habe, aber so viel haben wir, meine Nachbaren, ich und mein Schwiegersohn — der es doch sicherlich versteht, da er über die Unsterblichkeit wie der Herr Rabbiner denkt — verstanden, daß der Rabbiner nach dieser Rede keine Ursache mehr hatte in seinen Gebeten der Unsterblichkeit der Seele zu gedenken. Ich hätte Sie, geehrter Herr Redakteur, nicht mit diesem Brief behelligt, wenn nicht fast alle Anwesenden meiner Ansicht wären- Einer meinte sogar, daß der Vorstand an den Predigtsabbaten nur alten Leuten, die nicht mehr zu ändern sind, den Besuch des Gotteshauses gestatten sollte, aber nicht jungen Leuten, damit sie nicht dem Judentum ganz den Rücken kehren- Wir haben den Namen des amtierenden Rabbiners nicht genannt, weil es uns hier nicht um irgend eine Person, sondern lediglich unt die Sache ztt thun ist, und weil wir ferner eine Erklärung und.Aufklärung provocieren wollen. Uns, die wir die Predigt nicht gehört, will es scheinen, daß ein Mißverständnis an der allgemeinen Entrüstung schuld ist. — Die Reformgemeinde hielt am vorletzten Sonntag eine Versammlung ab, an der nur Mitglieder teilnehiuen durften. Punkt 2 der Tagesordnung lautete: „Stellungnahme zu den diesjährigen Repräsentantenwahlen". Die Beschlußfassung über diesen Punkt wurde jedoch hinausgeschoben, nachdem der Vorsitzende initgeteilt, daß der Vorstand der Resormgemeinde an den Vorstand der Gesamtgemeinde das Gesuch gerichtet habe, im Westen der Stadt ein Gotteshaus mit dein „Ritus" der Resormgemeinde zu errichten, und geraten hatte, die Antwort des Gemeindevorstandes abzuwarten, ehe man sich für die Wahlen binde. Aus der Diskussion ist hervorzuheben, daß allerseits ein Zusammengehn mit dem Zentral-Verein als völlig unmöglich bezeichnet wurde. Zwar ist auch der liberale Verein nicht ganz nach dem Herzen der Reformgemeinde, indem er nicht den Mut hat zu sagen, was er will, und nicht die Kraft zu wollen, was er sagt; gleichwohl soll er in Gnade ausgenommen werden, und dann — vae viotis! — Neues über Friedrich Engels. Ein deutsches Sprichwort sagt: Wirf die Katze, wie du willst, sie fällt doch immer auf die Beine. So gehts dem Juden auch. In irgend einer Weise ist er immer schuld an allem Uebel; um das „Wie?" ist der Herr Antisemit nie verlegen. Vor kurzem hatte ein französisches Antisemitenblatt den in London verstorbenen Sozialisten Friedrich Engels zum Vollblutjuden gestempelt, um damit den Sozialismus als Ausfluß echt jüdischer Gesinnung hinzustellen. Ein anderes Blatt, der „Deutsche (vsots antisemitische) Generalanzeiger" in Berlin hat dagegen so ziemlich das Gegenteil herausgefunden, daß nämlich Engels von den Juden aus dem Wege geräumt worden sei. Engels sei, dem genannten Blatte zufolge, im Begriffe gewesen, einen Artikel gegen die Börse zu schreiben. Darum habe das Judentum das allerhöchste Juteresse gehabt, diese Arbeit unter keinen Umstünden an die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen, und wenn es auch ein Verbrechen kosten sollte, vor dem das Judentum in solchen kritischen Augenblicken niemals zurückgescheut habe. — Die geehrten „Zeit- und Gesinnungsgenossen" haben nun die Auswahl, entweder auf den Vollblutjuden Engels zu schimpfen oder ihn als antisemitischen Märtyrer zu preisen oder abwechselnd beides nach Bedarf zu thun. Jedenfalls fällt die Katz' auf die Beine. — Jubiläum. Dem Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses, Dr. Moritz Jutro si ns ki, wurden am Freitag aus Anlaß der Feier seines siebzigsten Geburtstages zahlreiche Ovationen dargebracht. Das Kuratorium war unter Führung des Geheimen Sanitätsrats Dr. Boas erschienen und brachte unter Uebereichung eines kostbaren Teppichs seine Glückwünsche dar. Im Rainen der früheren Erzieher und der früheren Zöglinge gratulierte der Seminarlehrer Rosenthal. Er überreichte Herrn Dr. Jutrosinski im Aufträge der früheren Erzieher eine Urkunde über eine Stiftung, die den Namen der verstorbenen Tochter des Anstaltsdirektors tragen soll, mit der Bestimmung, daß die Zinsen als Hochzeitsaussteuer für entlassene Zöglinge der Anstalt dienen sollen. — Die Gemeindesteuern für das laufende Etatjahr (1. April 1895 — 31. März 1896, betragen 55 % der staatlichen Einkommensteuer. In den Jahren 1893/94 und 1894/95 betrugen die Gemeindesteuern ebenfalls etwa 55 %(