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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · p. Seite 677

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 677 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 677. nämlich lebte im Ghetto, d. i., wie man weiß, der Judenzwinger, zu Mainz eine wunderliche Legende, die mit der Schachgeschichte des Ströbecker Mönches in irgend einer geheimen Beziehung steht. Diese Legende beleuchtet die dunkle Partie in Leonhardts Leben, füllt ergänzend die offenbaren Lücken der Halberstädter Chronik, beschattet sie aber auch recht romantisch und läßt sie vonl mittelalterlichen Sagendnste umfließen. So viel steht fest, daß hier zwei Märchen miteinander in unsichtbarer Kommunikation bleiben, wie die Feuerherde zweier Vulkane häufig durch unterirdische Gänge im Zusammenhänge stehen, wie sehr sie auch sonst auf der Erdoberfläche durch Tausende von Meilen getrennt auseinander liegen. Die Legende des Mainzer Ghetto kann zwar weder der historischen Wahrheit, noch der poetischen Schönheit beschuldigt werden, vielmehr ist sie umgekehrt für eine Historie zu schön und für eine Dichtung zu wahr. Doch wir wollen sie zuerst erzählen, wie sie im Munde des Volkes lebt — die Reflexionen darüber laufen uns nicht davon. * * * Es war einmal zu Mainz ein frommer, hochgelehrter Herr, den man seiner unerineßlichen Wissenschaft halber schlechtweg den großen Rabbi Simon ben Isaak Barabun nannte. Er war heimisch in der Philosophie, Theologie, war Dichter und Arzt, Astrolog und Wunderthäter. Seine Lieder wie seine Kuren, seine Horoskope wie seine Ratschläge standen weit und breit im höchsten Ansehen, und seine Tugend war über allen Zweifel erhaben. All seinen Größen und Gaben reihte sich noch eine Geschicklichkeit an — seine Unüberwindliche im — Schachspiele. Grafen und Fürsten, ja selbst gekrönte Häupter fanden es nicht unter ihrer Würde, mit den: damaligen Philidor, den: berühmten Barabun, eine Partie zu wagen, und sei es auch nur, um sich an seinem Scharfblicke und seiner Schlagfertigkeit zu ergötzen. Als nun diesem großen Wundermanne ein Sohn geboren wurde, ging er hinauf in die Geheimstube auf dem Söller, wo drei Spiegel standen, welche ihm die Zukunft in Bildern enthüllten, und befragte sie um das kommende Geschick des Neugeborenen. Da blitzten alle drei im hellsten Lichte aus. Der eine zeigte ihm den Sohn als Jüngling, vom Weisheitsglanze umflossen; der zweite den Mann, wie er auf dem Throne sitzt, ein Diadem um die Stirn; der dritte zeigte den Greis im Bußgewande, das Haupt vom heiligen Glorienscheine umstrahlt. Da nannte Barabun seinen Sohn Elchanan, d. i. Theophil oder Amadeus, zu Deutsch Gottlieb, Liebling Gottes, und bald bewährte sich an dem schönen, geistvollen Knaben die Prophezeiung des Spiegels. Elchanan, das Wunderkind, war das Tagesgespräch zuMainz, und selbst zu des Bischofs Dhren drang der Ruf des jungen Barabun. Ter Vater ließ sich's nicht nehmen, seinen Sohn selber in die Hallen der Wissenschaft einzuführen, und erschloß den Knaben, sobald dieser zu fassen vermochte, die Geheimnisse des — Schachspieles. Doch hier müssen wir die Erzählung unterbrechen, um dem weniger eingeweihten Leser die kulturhistorische und soziale Bedeutung, die dem Schachspiele in alter Zeit beigelegt wurde, verständlich zu machen. Das Spiel im allgemeinen hat eine weit höhere Mission in: gesellschaftlichen Leben, als blos die Arbeit abzulösen, die Erholungsbedürftigkeit zu befriedigen und den Geist in angenehmer Weise thätig zu erhalten. Am klarsten wird uns die moralische Erhebung, die das Spiel zn gewähren vermag, an der Art, wie Friedrich 1t., König von Dänemark, es richtig auffnßte, so oft er daran ging, sich zu belustigen. Er warf nämlich den königlichen Mantel ab und sagte: „Nun laßt uns Possen treiben, weil der König hinweg ist." Hatte er des Spieles genug, schwang er den Mantel um die Schultern und sprach: „Hollah! Jetzt heißt's ruhig sein, der König ist wieder da." — Im Spiele tritt das reine Menschentum aus allen Zuthaten, womit Beruf, Rang, Stellung und soziale Ordnung es verbarrikadieren, wieder hervor und hebt alle künstlichen Unterschiede der Stände für eine kurze Weile auf. Das Spiel, sei es Zufalls-, Verstandes-, oder Kraftspiel, inacht alle Teilnehmer gleich, sie alle dem einen Gesetze unterwerfend, derselben Macht unterstellend, und läßt keinen anderen Vorrang gelten, als den die eigene physische oder geistige Kraft dem Individuum von Natur aus verliehen hat. Die Spiele galten daher immer als wirksame Mittel gegen spröde Abschließung und separatistische Gelüste einzelner Stände und Familien. So fanden die Griechen in ihren olympischen Spielen ein Band, das sie umschlungen hielt und die Eifersüchteleien zwischen den Hellenen verscheuchte. So war es „Der Kampf der Wagen und Gesänge, Der aut Korinthus Landesenge Ter Griechen Stämme froh vereint." Und so war es im Mittelalter, das die ganze Menschheit nach Zünften und Innungen nummeriert hatte und sie in ein Aggregat von partikularistischen Ständen zu zersplittern drohte, das edle Schachspiel, welches die schroff gegenüberstehenden Kreise näher brachte. Im Schachspiele, das der reine, von allen Rücksichten der Sozietät losgeschälte Menschenverstand beherrscht, komntt das Bewußtsein der Genn'insamkeit und Zusammengehörigkeit zun: Durchbruche und dämmert die Ahnung heran, daß es eine Humanität gebe, die keinen jener künstlichen Unterschiede zwischen Menschen und Menschen anerkennt. Jur Schachspiele ist eine Pasigraphie wie in den Ziffer:: und Zahlzeichen gegeben, eine Schrift, die allgeinein leserlich ist und die sich frei von allen Einflüssen der trennenden Nationalitäten, Konfessionen und Rangstellungen erhält. In dieser objektiven Uebung des reinen Geistes finden sich die Menschen alle gleich, wie in der Entartung und Geineinheit, und wenn Heine richtig sagt: Selten auch verstand ich euch; Nur wo wir im Kot uns fanden. Da verstanden wir uns gleich. — Selten habt ihr mich verstanden, so läßt sich dasselbe behaupten, wenn sich die Geister in einer Sphäre begegnen, wohin das Interesse der Engherzigkeit nicht zu dringen vermag. Nur in der Mitte zwischen der Gemeinheit und der subli:nen Denkkraft verstehen die Menschen einander nicht mehr. Daß allerdings vom Allgemeinen zu:n Geineinen der Sprung nicht weiter ist, als vom Erhabenen zuin Lächerlichen, und daß daher auch das Spiel zuin Laster werden kann, geben wir gerne zu. 'Nur darf rnan den Wert des Spieles für echte Zivilisation auch nicht unterschätzen. Jedenfalls wird man erkennen, daß das Schachspiel den von Menschenhaß und blödsinnigen: Vorurteile verfolgten und gepeinigten Juden des Mittelalters den Verkehr zwischen dein Ghetto und der Außenwelt, zwischen den Opfern des Fanatismus und den Handhaben: der Gewalt vermittelte. Wie mancher scharfsinnige Schachist rettete durch eine einzige Partie das Leben von Hunderten seiner Glaubensbrüder, und wie häufig bot das Brettspiel Gelegenheit, die hohe Begabung der verachteten Parias kennen zu lernen! Fand doch selbst

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