Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 671 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 671. nicht vergessen, daß dieser große Mann damals noch verhältnismäßig jung mar und keineswegs noch den umfassenden Blick hatte, mit dem er später das ganze Judentum, seine Litteratur. seine Wissenschaft und seine Geschichte als einen lebensvollen Organismus erkannte. In der Regel wird Zunzens erste große Schrift „die gottesdienstlichen Vorträge", als das Meisterwerk dieses großen Mannes genannt, jenes Werk, in dem sich Zunz die Blühe gab, durch geschichtliche Studien den Nachweis zu liefern, daß di» Predigten nicht unjüdisch seien, wie die preußische Regierung damals zu behaupten den gloriosen Einfall hatte. Soll ich aufrichtig sein, so muß ich, vor allem rein wissenschaftlich betrachtet, sagen, daß in diesem Buche der Meister bei weitem noch nicht auf seiner Höhe gestanden, daß er seine tiefe und zugleich hohe Auffassung des Judentums erst in späteren Schriften, namentlich in der „Synagogale Poesie" in der „Geschichte der synagogalen Poesie", vornehmlich aber in den „Riten der synagogalen Poesie" bewährt hat; zur Sache selbst muß ich, so schwer es mir fällt dies öffentlich auszusprechen, doch gestehen, daß Zunz von einein großen Irrtum besangen war. Die moderne Predigt, wie sie sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in der Judenheit entwickelt hat, ist unjüdisch oder, was für mich noch schwerwiegender ist, ganz dem modernen Gottesdienst in der heutigen Synagoge entsprechend: äußerer Prunk, inhaltslos und ohne anziehliche Wirkung. Die Homiletik ist nicht neu in Israel; sie bildete stets einen wichtigen Bestandteil des jüdischen Geisteslebens, sie war immer der wichtigste Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes. Schon das fünfte Buch Mosis wirkt mit seiner wundervollen Prosa, mit dem ihm eignen ergreifenden RhytmuS wie ein homiletischer Vortrag, nicht im Sinne der seichten Gewässer, die sich heutzutage über uns ohne Erbarmen ergießen, sondern breit und tief, sortreißend und befruchtend, ergreifend und erschütternd. Alan muß Sinn haben für die Schönheit hebräischer Prosa, für den eigentümlichen Reiz hebräischer Beredtsamkeit, für die Lyrik, die in der einfachen und doch so erhabenen Sprache liegt, um das Gefühl zu würdigen, das einen beherrschen muß, wenn man die hebräische Sprache mit so vieler Liebe Jahre lang gepflegt und erforscht, sich in alle ihre Schönheiten vertieft, ihre logische und zugleich so schöne Konstruktion bewundert, um dann in das jüdische Gotteshaus zu kommen, wo allsabbatlich je ein Abschnitt aus diesen ehrwürdigen Büchern vorgelesen, das heißt verständnislos abgeleiert wird, meistenteils falsch ausgesprochen, unrichtig betont und jedenfalls unverstanden. Da muß man sich sagen: das konsequenteste und einfachste wäre nun: man schaffe die Bibel aus der modernen Synagoge, die, wie die Sache nun einmal liegt, nur noch ein Anachronismus ist. Das ist mein Vorschlag, und ich mache mich anheischig, dafür ein zustimmendes Gutachten abzufassen, talmudisch belegt und von eben so vielem Verständnis für die Entwickelung des Judentums durchweht, wie all jene Gutachten, die die Reformen ohne Wahl und Sinn gutgeheißen und schließlich dazu geführt haben, die Synagogen zu veröden und — unjüdisch zu machen. Ich muß es aussprechen, und sollte es mir noch so verübelt werden: Der Krebsschaden des Judentums liegt in der Ueberhandnahme des weltlichen Elements in der Gemeinde und in der Verkümmerung des Rabblnats. Von einer Seite der Hochmut und die Herrschsucht von Blännern, die, mögen sie sonst im bürgerlichen Leben tüchtig und ehrenhaft sein, auf diesem Gebiete fast nur Unwissenheit und Anmaßung aufzuweisen haben; von der anderen Seite das moderne Rabbinertuul, größtenteils in talninckiois den Gemeindevorstehern nicht sehr überlegen, jedenfalls ohne jeden Mut, mit zusammen dem überhandnehmenden Reformbestreben von Gevatter .Kommerzienrat und Fabrikant mit Entschiedenheit und Energie entgegenzutreten, lieber das Maß der Reformen im jüdischen Gottesdienst entscheiden nicht von Sachkenntnis begleitete Beratungen, tiefe Erforschung und allgemeines Verständnis des Judentums, sondern die Frau Kommerzienrätin und ihre Nachbarin, die Frau Stadträtin, und wie sie alle sich titulieren mögen, die Salondamen Israels. In dem Gemeindeleben wird alles mit derselben Gründlichkeit behandelt, wie das Gespräch über das neueste Theaterstück. Charakterschwäche und Mutlosigkeit so vieler Rabbiner haben Zustände herbeigeftthrt, welche das Judentum der Gefahr der Auflösung nahe bringen. Der Niedergang des Judentums spiegelt sich so ganz in dem homiletischen Bestandteil unseres Gottesdienstes wieder. Immer „breite Bettelsuppe", immer allgemeine Phrasen und Schlagwörter, immer seichte Gemeinplätze, welche keinen Hund vom Ofen locken, kein schwankendes Herz dem Judentum erhalten, keinen an allem Jrregewordenen aufrichten und belehren; sie haben nur einen Vorzug, unsere modernen Predigten: zwölf von ihnen bilden ein vollzähliges Dutzend . . . . oder auch den, sie mißfallen nicht den von Unwissenheit strotzenden Vorstehern; gefallen thun sie freilich auch niemandem; sie nützen nicht und schaden nicht; an ihnen hat sich noch kein Herz gelabt, an ihnen ist aber auch kein Mensch gestorben. Wenigstens bin ich fest überzeugt und lasse mich davon unter keinen Umständen abbringen, daß nämlich die Phrase vom Sterben vor Langeweile eine durchaus unwahre ist. Was man an langweiligen Predigten aushalten kann, ohne zu sterben, davon hat man kaum eine Ahnung. — Ehedem war es doch anders. Die Belehrung der Gemeinde — nicht die „Erbauung", wie die süßliche Redensart heutzutage lautet — war stets die Pflicht der gelehrten Männer Israels. Die Synagoge hieß auch früher „die Schule" und sie durfte mit Recht so genannt werden; das Lehrhaus stand stets bei den Juden höher in Ehren als das einfache Bethaus, „ein gelehrter Bastard höher als der ungelehrte Hohepriester" und jedenfalls höher als ein ungebildeter Gemeindevorsteher. Im alten Israel durfte ein Ignorant in hebraicis überhaupt nicht Vorsteher einer Gemeinde sein, und da der Rabbiner oder „Prediger" wohl immer ein bischen menschlich fühlte, so gab er sich vielleicht ehedem ebenso viele Blühe, durch Gelehrsamkeit und Geist zu glänzen, wie heutzutage durch Fadheit und glänzende Phrase.-— Nein, ich will ihnen nicht Unrecht thun, jenen großen Blännern der Judenheit aus alten Zeiten: sie haben sich den Teufel gekümmert um Volks- und Vorstehergunst und vor allem nur die Wahrheit und die sittliche Erhebung gesucht. Eine Stelle der Agadah-Litteratur kann ich nie ohne tiefe Rührung lesen. Da wird erzählt, daß der jüdische Patriarch von Palästina angefangen hatte, Simonie zu treiben und Lehrämter an gute Freunde und schlechte Musikanten zu vergeben, was ein großes Acrgcrnis in Israel gab. Ein schlichterarmer Gelehrter (ein „armseliger Schnorrer", vielleicht gar ein „Pollack", würden meine gebildeten Berliner sagen) besteigt die Kanzel, — nein, es gab keine Kanzel, er redete das Volk einfach, ohne jede schauspielerische Geste und ohne pfäffisches Gethue, an einen Bibelvers anknüpfend folgendermaßen an: Gott wird dereinst Israels Lehrer zur Rechenschaft ziehen,