Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 672. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. weil sie ihr Lehramt vernachlässigt und nicht ihre heilige Pflicht erfüllt haben; diese aber werden sich damit zu rechtfertigen suchen, daß sie stets in Rot und Arnlut gelebt und nicht die Muße haben konnten, ihre Pflicht ganz zu erfüllen. Daraus wird sich der Zorn Gottes über die Gemeinden ergießen, welche ihre Lehrer in Rot und Armut haben verkommen lassen, während es doch ein göttliches Gebot sei, für die Vertreter der Gotteslehre zu sorgen. Aber auch das Volk wird sich rechtfertigen und Nachweisen können, daß es stets alles gethan habe, was in seinen Kräften gestanden. Schuld tragen allein die lässigen Vorsteher und Häupter Israels, welche ihr Amt gewissenlos versahen. Ueber diese wird dann die Strafe Gottes mit voller Wucht hereinbrechen; sie - allein wird der Schöpfer für den Verfall des Judentums, für die Demoralisation des Volkes, für die Verkümmerung der jüdischen Lehre und für den Niedergang des Geisteslebens in Israel verantwortlich machen. Zu Ehren des genannten Patriarchen läßt sich noch erwähnen, daß er sein Unrecht eingesehen und dem kühnen Redner Abbitte gethan hat. Heutzutage sind wir „gebildeter", und ich möchte den kühnen Redner sehen, der im Gotteshause von der Kanzel herab den Machthabern so ins Gewissen reden würde; ich möchte aber auch das hochmütige Gesicht unserer „Parneßim" sehen, wenn sie solche Worte zu hören bekämen! Jedenfalls nehmen Sie, ineine Damen und Herren, meinen Vorschlag an: Schaffen wir die Bibel aus der Synagoge, denn sie ist in unserer Gemeinde nur ein Anachronismus und verführt zu manchen ketzerischen Gedanken. Nein, sie paßt nicht in den Rahmen des modernen Judentums! Aus der Aerliuer Gemeinde. w. Berlin, 14. Oktober. Die Sitzung der Repräsentanten-Versammlung am 13. Oktober hatte nur 5 Punkte auf ihrer Tagesordnung, welche jedoch manches Lehrreiche und Interessante boten. Geschäftliche Mitteilungen liegen dieses Mal ausnahmsweise nicht vor. Die Abfuhr von Laub auf dem Friedhose in der Schönhauser Allee war bislang von einem Unternehmer besorgt worden für das Pauschquantum von 800 Mark. Die Versammlung beschließt, für das lausende Jahr (vom 1. April 1896 ab) die Abfuhr wiederum demselben Unternehmer zu den alten Bedingungen zu übergeben. Es stand alsdann ein Antrag aus der Tagesordnung, ausgehend von einem Mitgliede der Versammlung, betreffend Erhöhung des Zuschusses an die Waisen-Kommission. Aus unbekannten Gründen wurde derselbe jedoch vor Beginn der Beratung zurückgezogen. Die Waisen - Kommission ist seit Jahren das Schmerzenskind unserer Gemeinde-Verwaltung; so oft ihre Angelegenheiten zur Debatte standen, gab _ es heftige Auseinandersetzungen zwischen Vorstand und Repräsentanten-Kollegium, weil es der Waisenvermaltung unmöglich war, mit den ihr zur Verfügung gestellten Mitteln dem gewaltigen Elend in ausreichender Weise zu steuern.^ Noch in der vorigen Sitzung traten die Gegensätze in schroffster Form zu Tage. Warum ist nun mit einem Mal der so berechtigte Antrag zurückgezogen? Ist dem Herrn Antragsteller mit einem Male der Mut in die Brüche gegangen? Oder bat ihn die Weisheit des grünen Tisches und der geheiligten Bureaukratie so plötzlich überzeugt? Hoffentlich ist der Antrag nur verschoben worden bis zur nächsten allgemeinen Etatsberatung. Das Depositorium und die Gemeinde-Zuschüsse sind von den Revisoren kürzlich einer Revision unterzogen worden. Selbstverständlich wurde alles, Bücher, Belüge, Ouittungen, vorhandene Gelder u. s. w. in bester Ordnung befunden. Das feste Vermögen der Gemeinde beträgt nach dem Ergebnis der Revision zur Zeit nicht weniger als 15,280176 Mark. Alsdann erstattet Herr Simon Bericht über verschiedene Spezialverwaltungen bezw. deren Rechnungsüberschüsse. Die Armenkommission, der wiederum verschiedene Unterabteilungen unterstehen, so z. B. für durchreisende, verschämte Arme u. s. w. hat das nicht nachzumachende Kunststück fertig gebracht, in Einnahme und Ausgabe grade zu balanzieren. Ihre Gesamtausgabe betrug ca. 160,000 Mark, wovon 96,000 aus freiwilligen Gaben, Vermächtnissen u. s. w. herrühren. Die Gesamtsumme der Stiftungen, Legate u. s. w. beträgt nunmehr die Summe von 938,000 Mark. Das Vermögen der Hauptkasse ist um 22,000 Mk. gestiegen. Trotzalledem konnten von insgesamt 5575 Bittgesuchen nur 2633 berücksichtigt werden. Wie Herr Simon hervorhebt, müssen leider auch solche Antragsteller zurückgewiesen werden, welche einer Unterstützung sowohl würdig wie bedürftig waren. Das sind keine erfreulichen Zustände, aber der heilige Formalismus ist gerettet, denn der Etat der Armenverwaltung balanziert! Waisenhauskommission, ninun dir ein Muster daran! Und wenn gar zu viel der Armen und Bedürftigen an dich herantreten, sage ihnen, der Etat dürfe nicht überschritten werden, er müsse mindestens balanzieren, und wenn sie davon nicht satt werden, so lies ihnen Justizrat Meyers Reden vor, imb wenn ne sich daran nicht genügen lassen, nun dann — laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind l Alsdann referiert Herr Simon über die Rechnungsabschlüsse der Knabenschule, der Mädchenschule, der R'eligionsschulen, der Präparandenklasse und der Talmud-Thora-Anstalt. Mit einer Ausnahme haben sämtliche Institutionen Minderausgaben zu verzeichnen. Die Versannnlung erteilt sämtlichen Verwaltungen Decharge. Ueber die Abschlüsse der Altersversorgungsanstalt und der Fttrsorgekommission berichtet Herr Ruß. Was die Altersversorgungsanstalt anbelangt, so ist die Zahl der Insassen von 190 aus 213 gestiegen. Die Unterhaltungskosten stellten sich im vergangenen Jahre auf 494 Mark für jede Person. Die Beköstigung kommt pro Kopf und Tag auf 68 Pfennig zu stehen. Das gesamte Verniögen der Anstalt hat zur Zeit die Summe von 2,416,264,29 Mark erreicht. Das Referat, welches Herr Ruß alsdann namens der Fürsorgekommission giebt — dieselbe widmet ihre Thätigkeit entlassenen Strafgefangenen — ist sehr ausführlich gehalten, und enthält mancherlei interessante und lehrreiche Details. Die Kommission, welche aus 18 Mitgliedern besteht, hat ihre Thätigkeit erst seit etwa 7 Monaten begonnen. Ihr Wirken ist einer Anzahl von jüdischen Gefangenen nach ihrer Entlassung in segensreichster Weise zu Gute gekommen. Viele derselben sind zu ihrem früheren Berufe zurückgekehrt, andere haben inr Gefängnis ein Handwerk erlernt und üben dasselbe jetzt in der Freiheit aus, manchen ist es sogar gelungen eine selbständige Stellung zu erreichen, wieder andere verdienen sich ihr Brot als schlichte Arbeiter, Jugendliche sind in Erziehungsanstalten gegeben oder Lehrherren überwiesen. Bis jetzt hat es den Anschein, als ob all die Unglücklichen nun-