Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-18 · 42 (18.10.1895) · p. Seite 670

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 670 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608989--0827-9608991
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Snte 670. Allgcnicine Israelitische Wochenschrift. Rr. 42. den Kindern Israels" sieht — wir wenden nns an den geschichtlichen Sinn, wir wenden uns an die Gefühle der Würde und Selbstachtung bei unseren Glaubengenossen, daß sie mit uns das Ansinnen zurückweisen, unserer Ucberlieferung, unseres Tempels schönstes Kleinod dahinzugeben, blos „damit wir seien, wie die Anderen ringsher." llnd wäre es nur um des Blutes willen, das unsere Väter für den Sabbat vergossen, wir müßten an ihm hangen als an Zeichen und Standarte. Was der Sabbat uns gewesen — wir brauchen es nicht zu sagen. Wissen mir doch alle, was uns, die wir ihn znmeist im wirklichen Leben nur wenig gesehen, in Haus und Heim sein bloßer Schatten, in Gemüt und Seele seine bloße Erinnerung ist. Wer uns den Sabbat antastet, der tastet unser Herz an, das Herz unseres religiösen und Familienlebens! Wir wollen in religiöser Beziehung nicht sein, wie die Anderen ringsher, wir wollen eine Grundsäule unseres Bekenntnisses nicht stürzen, um ein Unterscheidungsmerkmal zu beseitigen, das nicht wir geschaffen! Es gab eine Zeit, die nur einen Sabbat kannte für das alte wie für das neuere Bekenntnis. Der Sabbat wurde aus den Sonntag verlegt von denen, die von uns unterschieden sein wollten. Das war die ausgesprochene Absicht. Und' nun sollten wir — dem Ausdringlichen gleich, der keine Zurückweisung beachtet — denen nachgchen, die sich von uns gewandt haben? — Das hieße nicht: das Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht hingeben, das hieße: des Erstgeburtsrechts, das uns am Sinai geworden, uns unwürdig erklären. „Gleiches Recht für Alle" ist unser Grundsatz. Wir wollen, daß unsere Gemeinde durch ihre Institutionen allen Richtungen gerecht werde. Doch unsere Gemeinde soll eine jüdische Gemeinde sein und bleiben, und darum haben in ihr nur die ein Recht, die inr Judentum stehen und für sich und ihre Kinder in ihm verharrcir wollen. Dern Gewissenszwang soll niemand unterliegen, Gewissenszwang soll niemand üben dürfen — nicht die von rechts mit ihrem Fanatismus der Bigotterie, aber auch nicht die von links mit ihrem Fanatismus der Aufklärung! (Forts, folgt.) Central-ZI klein für die Znterelsen der jüd. Gemeinde. Unser Programm. Der Eentral-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin stellt für die bevorstehenden Wahlen zur Repräsentantenversammlnng folgende Forderungen auf: 1. Errichtung je einer einfachen, würdigen Synagoge für den Westen jenseits des Leipzigerplatzes, für den Südosten zwischen Oranienplatz und Andreasplatz, für den Mrden zwischen Schönhauser-Allee und Ehausseestraße, für den Stadtteil Moabit. 2. Dem Bedürfnis und dem Wachstum der Gemeinde entsprechend, Veranstaltungen für die hohen Feiertage zur völligen Beseitigung der in gewerblicher Absicht von Privaten eingerichteten, meist unwürdigen, das Judentum erniedrigenden Gottesdienste. 3. Entschiedene Bekämpfung aller Bestrebungen, die daraus Hinzielen, die hebräische Gebetssprache aus dev Gotteshäusern gänzlich zu verbannen und den Sabbat auf bim Sonntag zu verlegen. 4. Gleichstellung der jüdischen Schüler bezüglich des Religionsunterrichtes mit denjenigen anderer Konfessionen. Erteilung von Religionsunterricht an sämtlichen Schulen durch hierzu qualifizierte Lehrer. Einheitlicher, von den Gemeindebehörden sestzusetzender Lehrplan und Beaufsichtigung des Unterrichts durch vorn Gemeindevorstand zu bestellende Schulinspektoren. 5. Heranziehung sämtlicher bisher noch nicht besteuerten jüdischen Einwohner zur Gerneindesteuer durch Einschätzungskommissionen in den verschiedenen Stadtteilen, entsprechend den städtischen Einrichtungen, wodurch eine Entlastung der jetzt zahlenden Mitglieder herbeigesührt wird. 6. Geheime Wahl zur Repräsentanten-Versammlung. Beseitigung der bisherigen Listenwahl, nach welcher jeder Wähler 25 bis 26 Kandidaten norninieren soll. Einteilung der Wahlberechtigten in 5 Wahlkreise: jeder Wahlkreis hat 5 bez. 6 Repräsentanten bez. Stellvertreter zu wählen. 7. Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte und energische Abwehr der gegen unsere Religion gerichteten Angriffe. Fort mit i>n Kibtl! Von Dr. S. Bernfeld. Mit geziemender Ehrfurcht und in aller Bescheidenheit erlaube ich mir auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege einen Vorschlag zur Güte zu machen, und zwar in reformatorischem Sinne, um meine llnbefangenheit und Unparteilichkeit zu dokumentieren. Ich weiß nicht, ob es vielen so geht, wie mir, aber ich kann nur den Eindruck wiedergeben, den aus mich am Sabbat der Gottesdienst in den modernen Synagogen macht. Der Hauptfehler liegt augenscheinlich in mir selbst, denn ich habe, wie ärztlich festgestellt, merkwürdige Idiosynkrasien: die beste Oper, die sonst auf mich einen bezaubernden Eindruck macht, wird mir in der Synagoge widerlich, und profaniert die weihevolle Stimmung, welche ich in einem Gotteshause für unentbehrlich halte, sollte nicht alles blos zu einer leeren Formel herabsinken. Vor etwa achtzig Jahren mag der Irrtum jener Reformatoren, unter die sich merkwürdiger Weise sogar ein Zunz verirrt hatte — freilich um später reuevoll und enttäuscht auf dies Gespenst einen Stein zu werfen, — vor achtzig Jahren mag also der Irrtum verzeihlich gewesen sein, wenn hochgestimmte Männer der Meinung waren, durch einen „geregelten" Gottesdienst die Jugend wieder ins Gotteshaus zu ziehen. Das Judentum in. Deutschland lag, kaum ein halbes Jahrhundert nach der „glorreichen" Mendelssohn'schen Epoche, krank und siech an Leib und Seele; die feindseligsten und giftigsten Redensarten über Juden und Judentum brauchen unsere Antisemiten nicht erst zu erfinden, sie finden sie in reicher Fülle in der Korrespondenz der „großen" Männer und Frauen Israels jener Zeit. Die feinen Salondamen jüdischen Ursprungs, die über alle Welt sprachen und alles so fein verstanden, brachten dem Judentum nur das Gefühl des Hasses und des Abscheus entgegen. Um den siechen Leib zu kurieren, dachten jene Männer den Plan aus, den welken Körper mit schönen, modern zugeschnittenen Kleidern zu umhüllen. Aus jedem Blick schaute die Schwindsucht, der herannahende Tod heraus, und dieses blutarme, bleichsüchtige Judentum sollte mit einigen Schönheitspflästerchen herausgeputzt werden, um für die Jugend etwas anziehender dazustehen. Ich habe bereits hervorgehoben, daß unter den ersten Reformatoren in Berlin auch ein Zunz war. Man darf aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.