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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 667

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 667 (sequence 19)
Language
German
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Nr. 41. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 667. priester am Altar, und es leuchteten die zwölf Steine des Bruftschilds, der Sitz der heiligen Urim und Thummin; der Rauch des Opferaltars stieg hoch auf zum Herrn; andächtig diente der Priester heilige Schar, kein Laut ward gehört. Stille, die Nähe des Ewigen verkündend, lag auf dein Haufe; tief im Hintergründe erblickte man den Vorhang, der von dem Heiligen trennte das Allerheiligste, wo der Ewige auf den Flügeln der Cherubin thront, Nathanaja legte andächtig die Hände auf die Brust, kniete nieder, warf sich hin aufs Angesicht, und konnte doch nicht beten, denn sie zitterte, sie bebte ob der 'Nähe Gottes, wagte es nicht aufznschauen, aber Thränen erleichterten ihr Herz. Schon waren die Opfer beendigt und die Priester hatten die heilige Kleidung abgelegt, und niemand blieb mehr iin Haufe, da gewahrte der Hohepriester das weinende Mädchen im Staube, nahte sich ihr und fragte sie mit liebreichen Worten: „Was ist Dir, meine Tochter?" Sie aber antwortete, sich langsam aufrichtend: „Ich betrete heute zum ersten Male diese Schwelle." Er erwiderte: „Gott gewähre Dir deine Bitte, meine Tochter." Sie gab ihm die Tauben und sprach: „Ach Herr, es ist kein Priester mehr da, so bringe Du sie dar zum Opfer, Gesalbter Gottes." Er nahm sie von ihren Händen und fragte sie sanft lächelnd: „Für wen opferst Du sie denn, mein Kind, und was ist Dein Begehren vom Herrn?" Nathanaja errötete tief und erwiderte schüchtern: „Ach Herr, zu gering ist ja die Rede Deiner Magd, als daß ich dem Gesalbten Gottes es erzählen sollte." Doch .er erwiderte ernst: „Nicht doch, meine Tochter, nicht doch, bist Du doch eine Tochter aus Jehuda, und nur Gott ist Dein Herr, so wie der meine. Stehe auf, nicht ziemt es der freien Jungfrau im Staub zu liegen vor Menschen, sondern nur vor Gott allein." Und die sittige Jungfrau erwiderte dagegen: „Ich knie nicht vor Dir, sondern vor den Thummin auf Deinem Brustfchilde." Sie erzählte ihm darauf alles, was sie nach Jerusalem geführt, und verhehlte auch nicht das Geringste, selbst nicht, wie der Jüngling sie errettet von dem reißenden Löwen und daß sie sich liebten. Doch jener ward ernster und sprach: „Tochter, Du scheinst gottessürchtig zu sein, so höre, was zu Dir spricht der Priester Gottes. Hebe Dein Aug' nicht auf zu jenem Jüngling, wie trefflich er auch sein mag, denn ich glaube zu erraten, wer es ist. Dieser Mann ist nicht für Dich bestimmt, meine Tochter, denn er gehört zu den Gewaltigen in Israel." Das Mägdlein aber verbeugte sich tief vor dem Gesalbten Gottes und schwieg eine Zeit. „Ich muß eilen, den König zu sprechen," sagte sie hierauf, denn tief hatten sie die Worte des Priesters verwundet, „hoch steht schon die Sonne am Himmel." Da segnete sie der Priester und sie ging. Jenseits schinunerte, stolz die Stirne bietend, die Davidsbürg, das Haus des irdischen Herrschers. Bewundernd schritt Nathanaja über die Querschlucht auf der Marmorbrücke, einem Meisterwerke der Baukunst, nachdem sie die Vorterasse, den Versammlungsplatz der Gläubigen, verlassen. Vor ihr prangte in nie geträumter Pracht der Zedernpalast der Könige von Juda. Aber es rührte die Jungsran nicht Glanz noch Pracht der irdischen Größe, denn sie kam aus dem Heiligtume des Thronenden in Israel. Nachdenkend wandelte sie dahin, als der 'Zuruf der Wächter sie aufschreckte und ein glänzender Zug an ihr vorüberzog. Mohren, mit bloßem Haupte als Kennzeichen der Sklaverei, zwei und zwei, ein jeglicher ein goldenes Becken mit kostbaren Gewürzen und seltenen Stoffen tragend, eröffnten die Reihen. Daraus folgten Pferde, die Zierde der Wildnis Arabiens, kostbar gezäumt, geführt von ausländisch gekleideten Männern. Begleitet von hellschmetternden Posaunen, kamen dann vier herrlich gekleidete Männer einher, von fremder Gestalt und Ansehen, und der Vornehmste trug ein Kissen von Goldstoff und darauf lag, mit Goldfäden sorgfältig mnwunden, ein Brief, verschlossen mit königlichem Wappen. Tie Krethi und Plethi, die treuen Leibwachen des Königs von Juda, stolz einherreitend aus schnellfüßigen Rossen, führten den glänzenden Zug in die Burg Davids ein. (Schluß folgt.) ApolMtcn des Judentums. XI. Josef Aldo und Isaak Anama. Bon Bezirksrabb. Di-. Friedländer, Pisok. Als Josef Lorqui, der, wie bereits früher erwähnt wurde, seinen ehemaligen Lehrer Samuel Lewi wegen des Uebertritts heftig angegriffen, später, von dem ihm in Aussicht gestellten materiellen Vorteile geblendet, sich nicht entblödetc, dem Beispiele seines von ihm getadelten Lehrers selber zu folgen und den Namen Geronimo de Santa fe anzunehmen, war er vor allem bemüht, den Papst Benedict XIII. (Pedro de Luna), dessen Leibarzt er mar, zu veranlassen, im päpstlichen Palaste zu Tortosa, eine öffentliche Religionsdisputation zu veranstalten. Der Papst Benedict, der damals blos in Spanien noch als solcher gewürdigt wurde, außerhalb der Grenzen der pyrenäischen Halbinsel aber die Verachtung der Christenheit genoß, weil er auf dent Koncil von Pisa seiner mannigfachen Verbrechen wegen als Ketzer gebrandmarkt und seiner Würden verlustig erklärt wurde, war umsomehr geneigt, dem Rate seines Günstlings Geronimo Folge zu leisten, als er glaubte, durch Judenbekehrungen und Massentaufen sich große Verdienste um die Kirche erwerben, der ganzen Christenheit dadurch die Achtung und Anerkennung abgewinnen und seine Feinde alle unschädlich machen zu können. Die angesehensten Rabbiner und jüdischen Gelehrten Aragoniens wurden am 1. Januar 1413 vorn Papste mit Bewilligung des Königs Don Fernando eingeladen, in Tortosa zu erscheinen, um daselbst an den Disputationen teilzunehmen. Die hervorragendsten Gelehrten, wie Serachja ha Jizhori aus Saragossa, Joses Albo aus Mureal, Astruc Lewi aus Doroca u. a. m. haben sich eingesunden. Die Sitzungen, 69 an der Zahl, haben vom 7. Februar 1413 bis zum 12. November 1414 gedauert Geronimo gab sich alle erdenkliche Mühe, um Jesu Messianitüt aus dem Talmud zu beweisenwas den anwesenden jüdischen Gelehrten zu widerlegen ein leichtes war. Als der Papst und Geronimo einsahen, daß die eingeladenen jüdischen Gelehrten unerschütterlich fest in ihrem Glauben verharrten und^ um keinen Preis in der Welt bekehrt werden können, gebrauchten sie andere Waffen, um das Judentum tötlich verwunden zu können. Geronimo richtete nämlich sein Geschoß in einer schriftlichen Abhandlung gegen den Talmud, den er als ein gefährliches verderblich wirkendes Werk, das falsche Begriffe von Gott, Irrlehren, die zur Skepsis, Unkeuschheit und Unsittlichkeit verleiten, enthält, bezeichnte und so das ganze Judentum an den Pranger zu stellen glaubte. „Der Talmud", sagte er in dieser Abhandlung, „erlaube die Eltern zu schlagen, Gott zu lästern, Götzendienst zu üben". Weil nämlich die talmudische Gesetzgebung die Sätze ausstellt: Wer seine Eltern schlägt, ohne ihnen eine Wunde beizubringen.

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