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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 668

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 668 (sequence 20)
Language
German
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I s :cite 668. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. verfällt nicht der über dieses Verbrechen verhängten Todesstrafe; wer Gott bei einem anderen 'Namen als dem hebräischen Schem lästert, ist nichtstraffähig (aber jedenfalls betrachtet der Talmud diese Handlungen als Vergehen), daraus folgert Geronimo, die Lehre der Talmudisten fei die allerunsittlichste. Lügenhaft behauptete er ferner, daß der Talmud den Juden Eide zu brechen lehre, wenn sie dieselben im voraus am VerföhnungStage für ungiltig und als nicht geschehen erklärten. Eine skrupulöse Anordnung inbetreff der Eide und Gelöbniffe verwandelte er in eine Gemiffenlosigkeit. Er folgerte hieraus, daß die Juden den von ihnen geleisteten Eid gegen Christen nicht ballen. Ferner behauptete Geronimo, daß die Juden in ihren täglichen Gebeten die Christen verwünschen. Alles, was im Talmud feindseliges teils gegen Feinde, teils gegen apostatifche Judenchristen ausgesprochen ist, das deutete Geronimo derart, daß es sich aus Christen bezöge; eine Fälschung, welche die schlimmsten Folgen hatte; denn die Judenfeinde schrieben und sprachen die tötlichsten Anschuldigungen ohne weiteres nach. (Grätz, Gesch. VIII S. 132.) Diesem Treiben trat Joses Albo gemeinschaftlich mit Astruc entschieden entgegen, indem er eine gediegene Denkschrift in der 65. Sitzung überreichte, in der er alle von Geronimo vorgebrachten Beschuldigungen gegen den Talmud glänzend widerlegte. — 'Nichtsdestoweniger fuhr man feindlicherseits fort, die Juden durch Ausnahmsgesetze zu quälen und niederzudrücken. Es ist doch sonderbar, daß gerade der Talmud, der die schönsten, herrlichsten, erhabensten, menschenbeglückenden Lehren der Tugend, Sittlichkeit, Moral und Humanität enthält, der jeden Haß und Groll, jede Rachgier und Verfolgungssucht, jeden Druck und jede Knechtschaft entschieden verpönt und perhorresciert und nur Freiheit, Nächstenliebe, Menschenverbrüderung lehrt und predigt, daß der Talmud, der betreffs der Humanität keinen konfessionellen Unterschied kennt, indem er ausdrücklich lehrt: „Der Jsraclite sei moralisch verpflichtet, die armen und dürftigen Heiden ebenso kräftig und liebevoll zu unterstützen, wie die Armen seiner Glaubensgenossen, die kranken Heiden zu besuchen, den dahingeschiedenen Heiden ebenso pietätsvoll die letzte Ehre zu erweisen, wie den Heimgegangenen Stammesgenossen." (Gittin 61.) Ferner, daß das biblische Gebot: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, ohne Unterschied des Glaubens, des Ranges und des Standes" das wichtigste Grundprinzip der iör. Religion fei, von den Judenfeinden aller Zeiten als das Arsenal betrachtet wurde, aus dem sie ihre Waffen holen zu können glaubten, um den Stamm Juda zu vernichten! Von den Lebensverhältnissen Josef Albo's, der in der beregten Affaire die hervorragendste Rolle gespielt, ist sonst nichts näheres bekannt. Dessenungeachtet wird sein Name heute mit Achtung genannt, da er sich durch seine litterarische Thätigkeit ein unzerstörbares Denkmal errichtet hatte. Joses Albo, der ungefähr 1380 in Soria in Altkastilien das Licht der Welt erblickt hatte, gehörte zu den hervorragendsten Jüngern R. Chasdai Eresco's. Seiner eminenten Gelehrsamkeit wegen, die er sich aus dem Gebiete talmudischen, medizinischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Litteratur erworben, wurde er von der Gemeinde Monreal in Noworra zum geistlichen Führer ernannt. Als jedoch infolge der bereits erwähnten Religionsdisputationen und der von Gironimo angewandten Mittel, dem Judentum den Garaus zu machen, thatsächlich viele der Schwachgläubigen dem Judentume den Rücken gekehrt, sah sich Albo veranlaßt, Vercuttwortlicher Redactenr. A- Leoin in Berlin. sein berühmtes Werk „Jkkarim" (Glaubenslehren) zn veröffentlichen, in welchem er auf die glänzendste und eklatanteste Weise die Angriffe der Apostaten zurückwies, sie ad absurdum führte. Die von Albo ausgestellten drei Grundlehren des Judentums bilden das wichtigste Thema dieses hochinteressanten, in einem populär-wissenschaftlichen Stil geschrieben und von rhetorischer Begabung zeugenden Werkes. Bekanntlich hat der große Maimonides in seiner lehrreichen Erklärung zur Mischna Kol jisrael jesch lohem Chelek dreizehn Lehren ausgestellt, welche seiner Ansicht nach die Grundwahrheiten unserer Religion enthalten und daher als Glaubensartikel betrachtet werden dürfen. Diese maimonidische Ansicht wird aber von Albo in seinem „Jkkarim" auf das entschiedenste bekämpft. Als Glaubensartikel, wendet er gegen Maimonides ein, können wohl nur diejenigen Lehren der Religion ausgestellt werden, die das Fundament, die Grund- . läge des ganzen Religiosgebäudes ausmachen, mit welchem es steht und fällt; diejenigen Lehren, von deren Wahrheiten die Wahrheit der übrigen abhänt, sodaß, wenn jemand die eine oder die andere leugnet, er dadurch von selbst jede Satzung, jede Lehre, die Religion samt und sonders leugnet. Nun rechnet aber Maimonides zu den Glaubensartikeln gar viele, die wohl an und für sich sehr wichtige, bedeutungsvolle Lehren sind, jedoch nicht derart, daß von ihnen der ganze Glaube, unsere ganze Religion bedingt sei, diese können daher auch nicht mit dem Namen „Glaubensartikel" belegt werden. Nach einer weitläufigen Auseinandersetzung hebt nun Albo aus den dreizehn Grundlehren des Maimonides blos drei, hervor, welche einzig und allein als Glaubensartikel anzu-' sehen sind, und jeder aus dem Hause Israel zu beherzigen habe, wenn er ein treuer Anhänger des Judentums sein soll. So er aber den einen oder andern dieser drei Glaubensgrundsätze leugnet, sich dadurch von dem ganzen jüdischen Glauben lossagt. Diese drei Glaubensartikel sind: 1. Der Glaube an das Dasein eines einig-einzigen Gottes; 2. der Glaube an die göttliche Offenbarung am Sinai; 3. der Glaube an Gottes gerechtes Walten, daß Gott nämlich in seiner Erhabenheit seinen Blick aus die Handlungen der Menschen richtet, jede ihrer guten und edlen Handlungen belohnt, jedes ihrer Laster bestraft. Von dem Glauben an diese drei Lehren hängt unser ganzer Glaube ab! Denn leugnet jemand das Dasein Gottes, so kann er nimmermehr an die Offenbarung Gottes glauben, da ja nach seiner irrigen Meinung kein Gott existiere, der sich hätte offenbaren können. Glaubt er aber an das Dasein Gottes und leugnet die göttliche Offenbarung durch Moses, so fehlt ihm natürlich der ganze Glaube an Israels Religion und er steht außerhalb derselben. Erkennt er aber beide an, das Dasein Gottes und dessen Offenbarung durch Moses, so ist es drittens noch der Glaube an Gottes gerechte Weltregierung, an der er nicht im entferntesten zweifeln darf, weil sonst ihm der Glaube an die göttliche Offenbarung abhanden kommen würde. — -yr~7T 2WF" Die nächste Nr. unsres Blattes wird an die geehrten Expeditions - Abonnenten unter Nachnahme gesandt. Wir bitten, die Zendung anzunehmen. Die Expedition. Er. Hambnrgerstr. 21. )rnck von E. Wertheim in Berlin. \\ i&ä.

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