Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 666 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 666 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Zerstörer Jerusalems, Titus, dem Rabbi, dessen Bedeutung er zu würdigen wußte, das Versprechen gab, ihm einen Wunsch zu erfüllen, bat der weitsichtige Rabbi nicht um Verschonung des Tempels, sondern um die Erhaltung des Lehrhauses Jabneh, in der richtigen Erkenntnis, daß das Lehrhaus der Mittelpunkt, der Herzpunkt israelitischen Seins, das Ein und Alles des Judentums ist. Gebet mir Jabneh und ihre Weisen, ruft uns unser Fest, rufen uns die Thorarollen zu, die wir am Simchath Thora aus der heiligen Lade holen. Ihr Eltern, machet Euer Haus zu einem Jabneh. Ihr Reichen in Israel vernehmet an unserem Feste die Stimme, die da ruft: Sorget dafür, daß in all den Städten, die nicht in der Lage sind, aus eigenen Mitteln Religonsschulen zu errichten, mit Hilfe der jüdischen Allgemeinheit Altäre der Thora entstehen! Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die Juden der Jetztzeit nicht schlimmer sein werden als der Römer Titus und mit Freuden gewähren werden die Bitte: „Wenn ihr uns auch alles raubt, den Tempel selbst in Trümmer werft, so laßt uns doch das Lehrhaus stehen". Feuilleton. Nathanaja. Novelle aus biblischer Zeit. Bon Tr- Karl Weil- (Fortsetzung.) Tie Leviten: „Ich will dich, Ewiger, erheben, Taß du mich aus der Tiefe hast gezogen, Taß meine Feinde sich nicht freuen über mich. Die ihr ihn liebt, lobsingt dem Herrn, Rühmet seinen heil'gen Namen!" Die Dp fern den: „Die ihr ihn liebt, lobsingt dem Herrn, Rühmet seinen heil'gen Namen!" Tie Leviten: „Sein Zorn währt einen Augenblick, Toch seine Huld für's Leben. Des Abends kehrt das Weinen ein, Tes Morgens Jnbelsang. Mit Ehrfurcht sing' ich dir, o Gott, Mein Lied, es endigt nie! Trum dank' ich auch, o Herr, mein Gott, Auf ewig, ewig dir!" Die Opfernden: „Wir danken dir, o Herr, o Gott, Auf ewig, ewig dir!" Tie Leviten: Uni'rer denk', o Ew'ger, segnend! Segne, Gott, Israels Haus: Segne deine heil'gen Priester, Segne alle, die dich ehren! Segne alle, groß und klein! Mehre Euch Jehova alle. Euch sowohl wie Eure Kinder. Gesegnet seid Ihr dem Jehova, Der Erd und Himmel schuf: Die Toten preisen nicht den Herrn, Nicht die zur Hölle fahren; Wir aber, wir, wir preisen Iah, Bon jetzt an bis in Ewigkeit, Hallelujah! Da verhallte der erhabene Gesang, die Priester und die Leviten zogen sich zurück, die Posaune ertönte zum letzten Mal, ein Zeichen zum Aufbruch; da beugte sich alles Volk tief zur Erde und zog hinab nach Jerusalem, jeder Bürger mit den Freunden, die er gastfreundlich aufgeuomiuen hatte, und so auch Nathanaja mit den Verwandten ihrer Mutter, die ein Benjamite ausgenommen hatte in fein Haus, sie und alle die Ihrigen . . . Als des Morgens darauf die Sonne ausging und mit dem Purpur der Morgenröte die Anhöhe Zion umgab, so daß die stattliche Königsburg im Feuerschimmer glänzte, da gedachte Nathanaja ihres Wortes und machte sich rüstig auf. Sie wollte schnell mit eilendem Fuße vor den König treten, denn sie kannte ben Brauch am Hofe des Königs nicht. Kaum hatte die Posaune das tägliche Morgenopfer verkündigt, kaum waren die Straßen lebendig, da schritt sie leichten Fußes dahin durch die Straßen der Tochter Zions (so wird der Teil der Stadt genannt, der zur Mitternachtsseite vom Berge Zion im Thale liegt), blickte aber dabei stets hin nack der Burg, damit sie bei der Menge der Straßen den rechten Weg nicht verfehlen möchte. Auch konnte sie sich nicht enthalten, bald hier bald dort ein wenig stehen zu bleiben, um in die blinkenden Laden zu schauen, durch welche man das Tummeln leichtlebiger Weiber mit wallendem Haar beobachten konnte; ja manche trugen sogar Diademe von kostbaren Steinen im Haare, von Schoham, Onyx, Saphir und Jaspis-Edelsteinen des fernen Hodus*), künstlich in Gold gefaßt. Ein leichter Schleier, Raal genannt, ließ die Schminke der Wangen und der Augenbrauen sehen, ein Schrecken für die fromme Nathanaja. So gingen sie daher mit steifem Nacken und lockten mit den Füßen; diese waren geziert mit Spangen von gediegenem Golde und mit klingenden Kettlein. Das Kleid war mit Flitter und Schnüren geziert, an goldenen Ketten trugen sie an dem entblößten Hals Balsambüchsen, gefüllt mit den kostbarsten Spezereien, die wohldufteud schon von ferne ihr Kommen verrieten. „Schön sind sie, das ist wahr," dachte Nathauaja, „und prachtvoll gekleidet, aber ich möchte doch nicht so eiuhergehen." Auch die Jlinglinge dufteten von Salben und köstlichem Oele, und auch das wollte ihr nicht gefallen. Schon hatte Nathauaja sich der Burg genähert, da siel es ihr schwer aufs Herz, daß sie im Eifer für den armen Beuoni, vergessen hatte, erst dem Herrn ihr Weniges darzubringen. Mit Mühe nur fand sie das Haus ihres Gastsreundes wieder, nahm ihre Täubchen und beschleunigte ihre Schritte dem Tempelberge zu, wandte sich daun schleunig, den entgegengesetzten Weg einschlagend, war bald am Eingänge des Tempels, und ging durch die wcitaufsteheude eherne Pforte, von der geschrieben steht: dies ist die Pforte des Herrn, Gerechte gehen da hinein. Sie trat dann in den äußersten Vorhof und ging in die Thüre zur Rechten, die zur zweiten Gallerie führte, denn die erste war für die Fremden. Hoch gewölbt war die Halle, belegt mit köstlichen: Holze der Zeder. Das Haus hatte hohe Fenster, von weißer durchsichtiger Masse, eine Erfindung kunstreicher Phönizier. Nathauaja sah durch die Fenster ins Heiligtun: und starrte, geblendet von der Pracht. Das Heiligtum war mit gediegenem Golde belegt, nirgends ein Steinchen zu sehen. Da öffneten die Priester die Flügelthüren von Oelbaumholz, und sie sah den Dienst im Tempel. In heiligem Gewände stand der Hohe- *) Hodu, Hindu, Indien.