Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 665 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ziiin sshora-Flkiidkiiftüt. Von Tr. Niemirower- „Es findet sich noch inuner kein Bräutigam für meine Tochter." — „Ich sehe sie doch an ihrem Geburtstagsfeste.von vielen Verehrern umringt." — „Es sind dies nicht wahre Verehrer, es sind teilte, die sich an dein Gedanken ergötzen, Verehrer einer liebenswürdigen Dame zu fein." — „Dann, mein lieber, geht es Deiner Tochter wie es dl. r Thora geht. Am Freudenfeste der Thora bewerben sich viele um den Titel „Bräutigam der Thora" und schmeicheln sich Verehrer der Gotteslehre zu sein; sonst im Leben kümmern sie sich gar wenig um die Thorabraut." — „Ja, du hast gut reden, die Tbora wird nicht alt, aber meine Tochter —." Ja, die Thora altert nicht, wenn sie auch so manchem als das alte, veraltete, überwundene Testament gilt. Als Symbol der ewigen Jugendsrische der hebräischen Bibel ist nun der Brauch zu fassen, am Thorafeste die letzten Abschnitte und gleich daraus den ersten Abschnitt des Fünfbuches vorzutragen. Unser altes Schrifttum ist unsterblich. So oft man an das Ende seines Wirkens in der Kulturgeschichte glaubt, fängt es seinen Siegeslauf von neuem an. Wie oft fürchtete Israel am Grabe der Lehre des Judentums zu stehen, und in Wirklichkeit stand es an ihrer Wiege! Unter dem Joche der egyptischen Tyrannen glaubten wohl die Israeliten, daß eine Zeit des völligen Verfalles hereingebrochen, daß die Lehre einem sicheren Ende entgegengehe — und doch vermochte diese Lehre ein Volk zur Freiheit zu erziehen und über die Staatskunst der Pharaonen zu triumphieren. Der Festdichter läßt daher Abraham, Isaak und Jakob, die Ahnherren unserer Ueberlieferung, teilnehmen am Feste der Thora. Die Urüberlieferungen unseres Stammes, die die Grundlage unserer Bibel bilden, haben schon in Egypten ihre Lebenszähigkeit gezeigt. Diese Macht des Lebens offenbarte sich in unserer ganzen Geschichte. Dem: der Unsterblichkeit seiner Lehre verdankt Israel seine Forteristenz in der Menschheit. Ohne Thora, kein Israel. Löscht die „ewige Lampe" der Thora aus, und Israel ist nicht mehr. Das Thorastudium darf daher nicht unterbrochen werden, auf den Schluß der feierlichen Thyralektüre enuß ein neuer Anfang folgen , sonst bricht die Reilastunde unseres Stammes herein, naht das Ende unseres geschichtlichen Daseins. Denn unser altes Schrifttum ist die Rüstkammer, aus der wir Waffen holen im Kampfe des geschichtlichen Daseins. Untere alte Litteratur, die den Inhalt unserer ruhmreichen Vergangenheit birgt, die Errungenschaften der Jahrtausende israelitischen Wirkens umfaßt, ist der Lebensguell, aus dem wir Wasser des Heils schöpfen sollen in unserer schwierigen Gegenwart, in der unterbrochen wird die jüdische Geistesarbeit, gehemmt und gedämmt werden die Lichtfluten der Thora. Die Jetztzeit ist wahrlich eine viel zu lange Pause zwischen den Zeitläuften, in denen mit allem Eifer gepflegt wurden die Knlturschätze des Judentums, und den Zeiten, in denen, wie wir hoffen, die Sonne der Wissenschaft des Judentums umstrahlen wird das Haus Israel. Auch in der Gegenwart feiert die Synag oge das Fest der Thora an dem dazu bestimmten Tage durch Psalmgesang, aber das Haus feiert die Lehre des Judentums nicht mittelst Thorastudiums. Auch in unseren Tagen gönnen sich viele den Luxus im Bethause den „Thorabräutigam" zu spielen, aber in keiner Beziehung fühlen sie sich verpflichtet gegen diese erhabene Braut. Auch gegenwärtig werden Schluß und Anfang des Pentateuchs an ein und demselben Tage offiziell vorgelesen, aber dieser Akt, der die Kontinuität unserer Geistesgeschichte veranschaulichen und in uns das freudige Bewußtsein wecken soll, die Apostel der Thora, die Fackelträger des Gottesgedankens, die Kulturmissionare einer echten und rechten Sittlichkeit — in einem gewissen Sinne — ohne Unterbrechung zu sein, ist ein Vorwurf wegen unserer Vernachlässigung des höhern Religionsunterrichtes, eineMahnung endlich von neuem die Bahn, die uns unsere Geschichte vorzeichnet, die Bahn unserer Lehre zu betreten. Der Brauch am Tage der Thorafeier sowohl den Schluß als auch den Anfang der Bücher Mosis, sowohl den Abschnitt, der den letzten Segen und den Tod Moses behandelt, als auch den Abschnitt der Weltentstehung öffentlich vorzulesen, hat in der Gegenwart einen satyrischen Anstrich. Denn derselbe erinnert an die vielen modernen Juden, bei denen Le bensanfang und Lebensende die einzigen Momente bilden, in denen sie Juden sind. Bei diesen Juden von der Geburt und des Todes Gnaden einen sich thatsüchlich Anfang und Ende. Bald nach ihrer Geburt werden sie in den Bekennerbund des Judentums ausgenommen, an den sie aber blos in den letzten Stunden ihres Lebens denken, und aus Furcht vor dem Fluche des Todes, der an ihre Thüre gepocht, des Segens der Religion sich erinnern. Womit kann man diesen traurigen Zuständen steuern? Der alte Hillel, der die Fähigkeit befaß, den Inhalt des Judentums lakonisch wiederzugeben, würde nicht viele Vorschläge zur Gesundung unserer religiösen Verhältnisse machen, sondern uns in aller Kürze und Bestimmtheit zurufen: Feiert das Fest der Thora täglich in Euern Häusern, befaßt Euch mit den Werken jüdischen Geistes, zeiget Euern Kindern, Brüdern und Schwestern die Größe jüdischer Ideen, die Erhabenheit jüdischer Ideale — und alles klebrige wird sich von selbst finden. Nichts anderes als dies verkündet das Fest der Gesetzesfreude. Wenn sich an demselben ein feierlicher Zug der angesehensten Männer, gewaffnet und geschniückt mit der Thora in der Rechten, durch die Synagoge bewegt, so bedeutet dieser Brauch, daß Israel seinen Siegeszug als Volk Der Schrift fortsetzen solle im Dienste der Menschheit, im Dienste der Wahrheit. Wenn am Simchath Thora gewöhnlich alle Anwesenden in der Synagoge, ohne Unterschieds des Standes, des Ranges und des Alters zur Thora gerufen werden, so bedeudet diese herrliche Sitte, daß alle, ohne Ausnahine, nach Kräften beitragen mögen zur Errichtung eines allgemeinen, geistigen, idealen Lehrhauses' in unserer Mitte, in unseren: Geiste und in unseren: Herzen! Am Vorabend der „Gesetzesfreude" ströinen unsere Kinder mit Fahnen in den Händen ins Gotteshaus als Zeichen, daß die Fahne des Judentums die Thora ist, daß diese Fahne den Kindern, der Jugend in die Hand gedrückt werden soll, damit sie sich für dieselbe begeistert, und für ihre Ehre känlpft! Als Inschrift der Fahnen der Gesetzesfreude, als Aufschrift der Fahne Israels würde ich die berühmte Bitte des Rabbi Jochanan Vorschlägen: Gebet mir Jabneh und ihre Weisen! Als der