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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 661

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 661 (sequence 13)
Language
German
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Wr 41 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 661. Dalles und Iezerhore.*) Auf der kühlen Esplanade, j ] Au der grünen raschen Traun .s>iilt die Mode Wachtpnrode; Seltsames ist da su schau'». Zwei Gesellen, welterfahren, Trafen zwischen Wandelscharen Sich nach langer Treiinniig endlich, Suchen ihre Opfer hier In der Lüste Prunkrevier. Und der Cntte, leicht verständlich, Sicht verkoininen aus, fragwürdig, Müd' und mürrisch, sorgenbürdig! Doch des Andern Mienen flinkern Lustig und gennstbegierig. Die Geberdcn leicht und rührig, Silndenkillidig, höhnisch, fein. — „Sei gegrüßt mir, armer Tensel!" ,(*i, das wirst Du selber sein, Aach dem AnSseh'n ohne Zweifel!' Lauten Gruß und Gegengniß. Der, voll Nlißmnt und Verdruß, Ist gewiß der Dalles, meint Ilir, Iezerhore doch der Zweite. O, welch' Irrtum scheint hier Obzuwalten! (steht bei Seite. Lauschet ihrem Zlviegespräch, Wer da klaget über Pech: „Höre mit gespanntem Ohre", Sagt zum Dalles Iezerhore, „Nicht mit Unrecht nanntest Tn Armen Teufel mich, nur zu! Ach, mir geht cs zum (Erbarmen: Sonst und jetzo, wie verschieden! Glückt es sonst mir, einen armen Dnmmen Juden auf der Neise Zur nicht rituellen Speise Zn verführen, grinst zufrieden Meister Satan, und gemieden Ward der Sünder von den Seinen. Aber nun, man soU's kaum meinen, Heißt es: /Weiter nichts? Schon gut! Wenn er nnrnichts Schlimm'res thut..‘ Bracht ich sonst znm Scharmntzieren, Oder nur znm Kokettieren Eine Maid, ha welch ein Zetern Sich erhob da bei den Vettern Und den Basen. Aber jetzt? Was ich auch ins Werk gesetzt, Eine nm den Nnf zu bringen, Will mir niemals recht gelingen. Die dort in jnwelbeschwerten Prachtgewändern, mit dem Schweif Von Verehrern und Erhörten, Vings umtänzelt voill High lite. L-chamerröten und Erbleichen, Das besorgt die Puderquaste Ihr, de: Schminktopf und die Paste, Und von ihrer Sündenliste Pfeisen Spatzen auf dem Dache, Kräht der Hahn schon auf dem Miste. Schadet all das ihr? Ich lache Sieh' den Geck, die Burgruine, Bietet mit verliebter Miene Neichtum, Adelswappcn ihr, /kennt sie seines Kreises Zier- Bald zählt sie gar zu den Frommen -- Mag es diesen wohl bekommen! . . . O, du gute alte Zeit, Wo es puncto Ehrlichkeit Leicht war einen schlecht zu machen, In Geschäfts- und Geldessachen Einen Schritt vom Weg zu bringen, Lax zu sein in Ehrendingen, Ein Prozentchcn mehr zu nehme». Sich der Lüge zu bequemen, lieber solche arme Schlucker Fielen gleich her Tugendmucker; Und die Hölle roch den Braten Trotz verschmitzter Advokaten . .' Heutzutag' muß ich zerbrechen Satanskopf mir, tot mich sprechen, Zn den ärgsten Freveln treiben, Um in meinem Amt zu bleiben- Mag ein Schuft dann schamlos lügen, (stott und Menschen frech betrügen, Arg verwechseln Plein und Tein, Ehr' abschneiden und vergiften Oeffentlicher Meinung Schriften- Haß und Zwist und Unheil stiften, Alle gegen alle hetzen: Zählet er nnr zur Partei, Wer und was sie immer sei: Klerikal, x-national, Oder christlich-sozial, Nenn' sie sich Antisemiten, Oder Feder-Maulbanditen — ,Sonst nichts'? hämisch lacht die Brut, ,Wen n er nnr nicht A e r g' rcs t h n t!' Leicht ward sonst mir das Verführen, Lust könnt' ich dabei verspüren. Aber jetzt trotz Müh' und Plag', Kommt für mich kein guter Tag. Welt und Satan, lieber Dalles, Fragen höhnisch: ,Jst das alles':'!' Darauf der Dalles: „Guter Mann, Da bin ich weit besser dran. Einst mußt' ich mich plagen, quälen, Wohnte blos in dumpfen Höhlen, Trock'nes Brot aß ich mit Schimmel, Ward vertröstet auf den Himmel, Stnmin blieb ich bei rohem Schmälsten, Ging einher in schlotterigen, Arg zerfetzten Lnmpenhüllen, Und ich mußt' mich krümmen, biegen, Um der Not nicht zu erliegen. Ich verbiß den (strimm im Stillen . . Jetzt hingegen, sieh' mich an: Stelle ich nicht meinen //kann? Aller Sorgen los und ledig, Frei und froh und laut geredig, Doch nicht protzenhaft geziert, Im Auftreten distinguiert, Die Gewandung elegant. In dem feinsten Restaurant Sich, wen findest Du da? Mich! Schließ' die feuerfeste Kassen Ans, wer in darin? I ch, ich! Gläubiger Hab' ich in /Nasse, Mehr Kredit noch; findest mich In den fashionablen Bädern; Ich kutschier ans Gnmmirädern. Sport und Nennen, wo gescheidter Oft das Roß ist, als der Reiter, Kennen mich; im Iockeyklub, Wo nach Schätzen keiner grub. Beim Ballet bin heimisch ich. Im Kongreß der Potentaten, Wo Volksboten auch beraten, Fehl', dem Geiste nach, ich nie Iezerhore, frag nicht, wie? Selbst die sogenannten Reichen Zittern bang vor meinen Streichen. An der Börse und in Banken, Ob Papiere stiegen, sanken, Freundchen, nimmer wnnd're Dich, Ta bin ich und wieder ich! And're sammeln, ich erwart' es Und verzehre ihr Erspartes- Ob im Fracke, ob in Blonsen, Trag' ich gleichen Tin» im Busen. Auch aus Marrens und L.st'alles Werken deutlich spricht der Dalles. — Früher stiller Kompagnon, Tauschen wir die Rollen schon! Ich bin Du und Dn bist ich. Dn vertrittst mich und ich Dich. Wirst Du auch bald überflüssig, Satan ist darum nicht müßig, Wird schon seine Rechnung finden. Ungeheuer wachsen Sünden /licht Verführung herrscht, nicht Geld! Dalles — ich — regier’ die Welt. N - Z. *) Das Wort suchcr, Verführer. Lalles bedarf der Uebersetzung nicht; „Iezerhore" (korrumpiert von Iezcr hara) bedeutet soviel wie „böser Trieb", Verlast Wirr. * Auch „Kriegserinuerungen". Israelitischen Soldaten begegnete es im Kriege 1870/71 eigentümlicher Weife einmal, daß ein hebräisches Lied, das sie sangen, für ein französisches gehalten wurde. Dieser launige Vorfall wird wie folgt erzählt: „Es war auf dem Marsche zwischen Chalons und Paris. Die Soldaten sangen vaterländische Lieder. An der Spitze des Regiments marschierte eine Anzahl jüdischer Soldaten, meistens Freiwillige. Sie unterhielten sich von der Heimat. Wären sie zu Hause, so befänden sie sich in der Synagoge, denn es ist Sabbat. Allmählich verstummt der Gesang der Soldaten und die Glocke des nahen Kirchturms verkündet die zehnte Morgenstunde. „Jetzt ist in der Heimat", meinte der eine, „die Synagoge bald aus, denn es schlügt gewöhnlich 10 Uhr, wenn der Schlnßgesang „Ln Kelohemi“ gesungen wird." Sofort stimmt ein anderer den erwähnten Schlußgesang an, und alle fallen kräftig ein: „Ln Lelolienn, sn Lackonvnu je.“ So hallt denn die morgenländische Melodie, von kräftigen Münnerkehlen gesungen

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