Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 660 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 660. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Verhältnis bezüglich der christlichen Schüler beobachten müsse. Doch wurde bestimmt, daß im Falle die Zahl der christlichen Schüler nicht komplet sei» sollte, die vakanten Plätze jüdischen Schülern znfallcil dürfen. Thatsächlich wird aber diese Bcstimmnng des Ministers durch die Willkür des pädagogischen Rates der Handelsakademie zunichte gemacht. In diesem Schuljahre sind in der Handelakademie mehr als 40 Plätze vakant, und dennoch wurden die jüdischen Schüler, welche sich um diese Plätze bewarben, sämtlich znrückgewiescn. Der Direktor der Akademie hat zwar die Besetzung der vakanten Plätze durch jüdische Schüler befürwortet, der pädagogische Rat der Akademie jedoch wies die jüdischen Bewerber zurück. — Der Erzbischof Nikolai von Kiew weilte dieser Tage in seiner Vaterstadt No w o m i r g or o d , einem im Gouvernement Kiew liegenden und größtenteils von Juden bewohnten Orte. Er besuchte die dortige Synagoge, wo ihm von den Juden ein Pentateuch in hebräischer Sprache als Geschenk überreicht wurden. Bei dieser Gelcgenheit hielt _ der Erzbischof eine bedeutsame Rede, die das weitestgehende Interesse verdient. Er sagte: „Ich danke Ihnen allen für das gute Andenken, das Sic mir bewahrt haben, noch mehr aber danke ich für die mir in diesem Gotteshaus erwiesene Ehre. Gerne nehme ich das mir dargebrachte Geschenk entgegen. Dieses Buch ist den Christen ebenso heilig wie den Juden. Was mich persönlich betrifft, so kann ich mit reinem Gewissen sagen, daß ich von den hiesigen sowie von anderen Inden, denen ich in meinem Leben begegnet war, nur Sympathisches gesehen habe. Einigen dieser Juden, besonders meinen Schulkollcgen aus dem Gymnasium zn Slatopol, bewahre ich noch jetzt meine besten Erinnerungen. Zn meinem tiefsten Bedauern teilen nicht alle meine Konnationalen diese meine Ansicht; im Gegenteil, cs giebt in Rußland und auch im Anslande viele Leute, die den Juden keine Sympathien entgcgcnbringen und Ansichten bekunden, welche nicht zn billigen sind. Aus der Tiefe meiner Seele wünsche ich Ihnen allen Glück und Wohlfahrt und hege die Hoffnung, daß das Volk Israel, wie der Apostel Petrus sagte, nicht ans immer von Gott verlassen sein wird. O, gebe Gott, daß diese Zeit bald anbreche!" * St. Aus Amerika. Es ist nun etwas über eilt Jahr, seitdem der Gelehrte und ausgezeichnete Kanzelredner Dr. Alexander Kohut zu Grabe getragen ward. Gestern nun wurde das von der Gemeinde Ahavath Chefed errichtete Grabdenkmal in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung enthüllt. Sein ,Nachfolger Rabbiner Dr. Davidsohn, hielt eine der Feier entsprechende Ansprache, welche den Gefühlen der Grmeindemitglieder vollen Ausdruck verlieh. Unter anderem sagte er: „Das Judentum duldet keine Menschenvergötterung, es kennt keinen Dotenkultus. Und mag auch jeinand die höchste Stlife menschlicher Würde erklontmen haben und mit den herrlichsten Tugenden geschmückt sein, er bleibt für uns nur ein Sterblicher. Keine Teinpel erheben sich über die Gräber unserer Propheten, wir zeigen keine Reliquien von den Gebeinen unserer Propheten. Diese skrupulöse Vermeidung alles dessen, das abgöttisch erscheinen könnte, beeinträchtigt jedoch nicht unsere Liebe zu denen, die uns im Leben angehört und die auch noch im Tode durch den Geist ihrer Lehrer und das Unsterbliche ihres Wirkens teuer bleiben. In diesem Geiste stehen wir jetzt am Grabe des großen Toten, der nicht nur seiner Familie und seiner Gemeinde, sondern im besten Sinne durch sein Wissen der Welt angehörte. Es kann unsere Absicht nicht sein, durch das Monument den toten Kohick zu ehren. Was tot ist, kann nicht geehrt werden. Hub sollen wir den lebenden, den unsterblichen Kohut ehren? Befreit von seiner irdischen Hülle, ist er erhaben über die Ehrenbezeugungen der Menschen. Nein, wir sind hier um unserer selbst willen, um hier an dieser Stätte des Friedens, hier, wo jede niedrige Leidenschaft schweigt, unsere Seelengemeinschaft zu erneuern mit dem Geiste des Lehrers/' Herr Louis Apt, ein begeisterter Freund des Hingeschiedenen Lehrers, legte einen warmen Redetribut, der alle zu Thränen hinriß, ans die frische Grabstätte und der Rabbiner Stephen Wise schloß mit einem schwungvollen, tief ergreifenden Gebet.; — Die jüdische Ehantauqua-Gesellschaft, welche von : Rabbiner Dr. Berko witz in Philadelphia angeregt und ins Leben gerufen wurde, macht erfreuliche Fortschritte. Füni Lesekurse wurden eingerichtet und werden von zahl-; reichen Lesern mit Interesse verfolgt und ausgebeutet. Der : von Professor Gottheil hier in New-Pork ausgearbeitete Kursus, umfassend die Geschichte der Juden von Esra bis zur christlichen Epoche, erfreut sich großer Beliebtheit. Dr. H i r f ch von Chicago hat es unternommen, Lesestücke aus der t Bibel auszuwählen und zusammen zu stellen, um eine größere ' Vertrautheit mit dem ethischen Schatze des biblischen Schrifttums zu veranlassen. Jur nächsten Sommer soll die erste Sommer-Schule der jüdischen Ehautauqua eröffnet werden, und der Plan fand die Unterstützung der jüngst in Rochester stattgefundenen Rabbinerversamnrlung. Die Konferenz hat die Leitung des erziehlichen und religionsfördernden Teils dieser Schule übernommen und die folgenden Herren als Komitee mit der Ausführung beauftragt: Rabbiner Gottheil und Köhler von New-Pork; C. Fleischer, Boston; Ph. I. \l Gries, Cteveland; L. Großman, Detroit; M. Margolis, Cincinnati, mit Dr. Berkowitz, Philadelphia, als Vorsitzendem. Kier und dort. — In feierlicher Weise eingcweiht wurde kürzlich das von einem Mitglicde unsrer Gemeinde, Herrn James Simon, dem Verein für häusliche Gesundheitspflege zum Besten seiner Ferienkolonien geschenkte „Kaiser und Kaiserin Friedrich Berliner Sommerheim" in Kolb erg. j lim 111 /o Uhr vormittags versammelte sich in dem großen Speiscsaal j der Anstalt die Festversammlung. Als Vertreterin der Kaiserin Friedrich, der Protektorin des Berliner Vereins für häusliche Gesundheitspflege, war die Gräfin Perponcher erschienen. Ans Berlin waren; die Vorstände des Vereins und des Komitös für Ferienkolonien, der ‘ Geschenkgebcr mit seinen Verwandten, sowie der Erbauer des Hauses gekommen. Von Kolberg hatten sich der Bürgermeister, Mitglieder des : Magistrats und der Stadtverordnctcn-Versammlung, die evangelische und jüdische Geistlichkeit 2c. cingefundcn. Nach _ Begrüßung der Anwesenden durch den Vorsitzenden des Vereins für häusliche Gesundheitspflege, Herrn von Bimsen, übergab Herr James Simon das Heim an den Verein, dessen Vorsitzender das hochherzige Geschenk dem; Komitö für Ferienkolonien überwies. Hierauf hielt der zweite Vorsitzende des beschenkten Vereins, Herr Direktor Schräder, eine aus die festliche Veranlassung bezügliche Ansprache. Nach Schluß der Rede,; welche in ein Hoch auf die Kaiserin Friedrich ansklang, überreichte ei» Kind unter Führung der Oberin der Anstalt, Fräulein Nisbct, der greisen Mutter des Herrn James Simon mit einigen herzlichen Verse» einen Blumenstrauß. Ein Musikstück schloß die schöne Feier. An de» feierlichen Akt schloß sich eine Besichtigung der ganzen Anstalt, deren Einrichtung von allen Seiten als mnstergiltig anerkannt wurde. — Hammerstein's Reiseroute glaubt der „Vorwärts^ zu wisse». - H. habe sich schon vor einiger Zeit in Havre auf einem Salondanwfcr '. der Kompagnie Transatlantique nach Amerika eingeschifft. Man nimmt nun an, daß er sich dort nach Washington gewendet habe, woselbst ein ‘ Verwandter von ihm (Herr Legationsrat v. Kettlcr) im Reichsdienitc <. thätig ist. — Wird sich Herr v. Kettler freuen! — Das Ideal des Herrn Liebermann von Sonnenberg Nt der; flüchtige Freiherr Woßu. Die Antisem. Korresp. des Herrn v. L; erörtert in der Nummer vom 26. September den Fall Hamincrstcm > zum ersten Mal, wobei sie wörtlich schreibt: „Wie alles bei diesem außergewöhnlichen Menschen, so haben auch seine Vergehungen einen Zug ins Großartige". Diese Bewundcrnnll enthält nichts Wunderbares, denn was will die wech sc lreiche Vergangenheit des Herrn von Liebcrmann gegenüber den gralidwic» Leistungen seines freiherrlichen Gesinnungsgenossen bedeuten! — Personalien. Dr. Marens Dienstfertig, Prediger m Knttbiis ist am 3. d- M. verschieden. — Zum Rabbiner in Rogasen i)t 4-r. ■ Isaak Auerbach aus Halberstadt gewählt.