Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 662 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 662. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. über die Landstraße, ltnb die semitischen Brüder verkünden, daß niemand dem wahren Gott gleiche. Da stürzt ein Unteroffizier herbei und ruft eifrig: „Tat seht nich, französche Lieder dürfen hier nicht jcsungen werden." Trotzdem man unter lautem Lachen dem Vaterlandsfreunde auseinanderfetzte, daß „Ln LsloUsnn" ein hebräisches und kein französisches Lied fei, fo war es doch um die feierliche Stimmung geschehen, und der Gesang wurde nicht weiter fortgesetzt. — Ein jüdischer Kaufmann begegnete nach dem Kriege im Jahre 1866 einem preußischen Tambour und war nicht wenig verwundert, auf dem Felle der Trommel die jüdische Inschrift zu lesen: „Erhebe Dich o Herr, daß zerstreut werden Deine Feinde!" „Wie kommt denn dieser Satz hierher?" fragte der erstaunte Kaufmann. Der Tambour antwortete: In der Schlacht bei Königgrätz wurde meine Trommel durchlöchert wie ein Sieb. Ich hatte gut herunffuchen, ich fand kein Pergament. Endlich bezeichnete man mir einen jüdischen Schreiber (Sopher), der welches haben würde, da er sich desselben zum Schreiben der Bibel und anderer religiösen Dinge bediene. Ich lause also zu ihm und finde ihn gerade, wie er aus ein Blatt Pergament die Worte schreibt, die Sie soeben gelesen. Ohne viel Worte zu machen, nahm ich es ihm fort, und fragte, was die Worte bedeuteten. „Es ist dies", sagte er, „der Anfang eines Gebetes, das die österreichischen Juden an Gott richten für den Sieg ihrer Armee. „Das macht nichts", erwiderte ich, „dieses Gebet wird auch unserer Arinec nützen können". — M usketier Rosenbau m. Ein Berliner Korrespondent der „Montags-Revue" machte nach dem Kriege von 1870/71, folgende interessante Mitteilung: „Da erzähle ich von: Ritter des eisernen Kreuzes, dem Musketier Rosenbaum, der eben im Begriff ist, den Ruhm des Füsilier Kutschke zu verdunkeln. Rosenbaum ist aus der Provinz Posen gebürtig. Die Wiege seiner Ahnen stand an den Usern des Jordan. Er rückt hinaus mit ius Feld, und da im preußischen Heere bekanntlich viel auf Ordnung gehalten wird, so fehlte auch im Kriege der tägliche Appell niemals. Eines Tages, es war in Nancy, hält der Hauptmann wiederum Appell ab und Rosenbaum musternd, fragte er mit gerunzelter Stirn: „Musketier Rosenbaum, warum sind Ihre Knöpfe nicht blank geputzt?" „Ach, Herr Hauptmann, ich bin nicht eitel!" entgegnete philosophisch der Musketier, wofür er drei Tage Mittelarrest erhielt. Aus der Haft entlassen, begegnete Rosenbaum seinem Hauptmann, hielt es aber nicht für nötig, diesen zu grüßen. „Warum haben Sie mich gestern nicht gegrüßt?" heißt es natürlich am nächsten Morgen. „Ach, ich glaubte, Sie sind noch böse, Herr Hauptmann!" war die Antwort. Aber Rosenbaum ist ein tapferer Soldat. Im nächsten Kampfe nimmt er eine Mitrailleuse, erhält das eiserne Kreuz, wird am Arm schwer verwundet und ins Lazareth gebracht. Dort erhalten die Verwundeten alsbald den Besuch eines frommen Feldprcdigers, der es für angemessen erachtet, die Leidenden also §n apostrophieren: „Wißt Ihr aber auch, weshalb Ihr so leidet? Wißt Ihr aber auch, was der himmlische Vater mit Euch vor hat, wenn er Euch hier verwundet werden ließ? Wißt Ihr aber auch —" Da wendet sich Rosenbaum mit schmerzverbissenem Lächeln zu seinem Nachbar und sagt, die unverwundete Achsel zuckend: „Bei die Schmerzen auch noch Rebusse!" — Das ist die Legende vom Ritter Rosenbaum und die Wahrheit zu sagen, ich habe schon viel weniger kurzweilige Legenden aus dem letzten Kriege mit anhören müssen." — Wir auch. Aphorismen »iid Zentrum,. 12. Etwas mußt du haben, was dein Denken in Thätiqkeit setzt, etwas, was dein Herz bewegt, etwas, was deine Phantasie beschäftigt. Bietet es sich dir nicht, so suchst du es. Findest du cs nicht in dir, so suchst du es draußen; das ist vom Nebel. Wenige suchen es in großen, die meisten in kleinen Dingen, das ist von noch größerem Nebel. 13. Die Menschen rnachen ein gleich großes Lärmen von dem kleinsten Unrecht, das ihnen gethan wird, wie von dem kleinsten Recht, das sie thun. 14. Du glaubst volles Recht zu haben, dich über einen andern zu beklagen, und siehe da — er entgegnet dir mit schweren Klagen über dich, und wundersam — ihr habet beide Recht dazu. 15. „Nach dem Garten ist der Gärtner." (Sota 18.) Das heißt: Nach den Kinoern kann inan die Eltern, nach den Schülern den Lehrer beurteilen, überhaupt aber nach der Art der Arbeit den Arbeiter, nach der Handlungsweiß' den Menschen. Indes muß in allen solchen Fällen die höchste Vorsicht angewendet werden; denn es müssen die gegebenen Verhältnisse berücksichtigt werden, wie bei dem Garten die Fruchtbarkeit des Bodens, die freie oder geschützte Lage, die Mittel u. s. f. 16. „Nach dem Scharfsinn ist der Irrtum." Es ist ein sehr richtiger Satz, daß je größer der Scharfsinn, desto größer auch der Irrtum; denn der Scharfsinnige läßt sich allzu leicht, durch das Bewußtsein seiner Kraft verleitet, aus die Lösung von Problemen ein, die doch nicht zu lösen sind, und zugleich sucht er nach Einzelheiten, die ihn von der Erkenntnis des Ganzen abziehen, findet in Nebendingen eine Bedeutung, die sie in der Gesamtheit nicht besitzen. 17. „Steige eine Stufe hinab und nimm dir eine Frau; steige eine Stufe hinauf und wähle dir eine» Freund." (Jebam. 6.) Es ist gut, wenn die Frau zu dem Manne hinauf sieht, so tvie es wirksam ist, wenn wir einen Freund besitzen, vor dem wir Achtilng haben, so daß uns an seiner Meinung Vieles gelegen. Wenn die Frau an Rang und Reichtrnn über dem Manne steht, so gerät dieser in eine Stellung, welche unerträglich werden kann. Der au Geist oder Einfluß über uns stehende Freund aber wird uns wirklich fördern. 18. Fange wenig an, aber vollend' es — dann bist Tu groß und stark. Wer vieles ansüngt, führt wenig aus und wird in allem zu Schanden. 19. „Großes gewollt zu haben, ist schon genug" sagt ein alter Spruch. Wir sagen: die kleinste, wirklich voll brachte That ist mehr. (Nach Abot, 3,1.) Kries- und FtGtkaste». — Herrn D. S. Levison, Krähwinkel. Ihre Briefe konnten wir nicht brutfieit; für die ernsten Jcicrtage waren sie zu heiter »nd U>r die freudigen zu traurig. Jetzt, nach den J-csten, sollen Sic wieder m Worte konunen. — A n tw o r t auf die Jrage in vor. Nr. a) Die ein jährige Dienstzeit für Lehrer tritt erst mit dem Jahre 1U00 in Kraft, zsw dahin hat der alte Modus Geltung, b) Wo der Neligioiwuiitemm gesetzlich geschützt und obrigkeitlich beaufsichtigt wird, mimen oic Schüler auch am Sabbat an demselben tcilnehmen. Dr. U.