Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 659 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4L Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 659. j eines kirchlichen Kalenders, sowie »och grünere Quantitäten frommer Jngendschriften zu falzen und einznbinden. Diese Sonntagsarbcit in dem frommen (Geschäfte bedeutet nicht allein eine Verletzung der! göttlichen, sondern auch ein Vergeben gegen die weltlichenFsteietze, { eS war nämlich nicht die polizeiliche Genehmigung zur Sabbat- > schändnng eingeholt worden" ' Wäre Aeh'nliches von einem jüdischen Geschäfte berichtet ' worden, das „Volk" würde sicherlich in religiös-epileptische; Zuckungen verfallen sein. — Berichtigttligsverfahren. In Nr. 83 brachten J wir, wie unsere Leser sich erinnern, einen Artikel unter dein i Titel „Koscher". Ans diesem Artikel drechselte die „Staats- ' bürger-Zeitung" das folgende Znterfilet: „koscherer Schwindel wird jetzt vielfach betrieben. _ Koscherer Schwindel — was ist darunter zu verstehend Unter „koscher" ver- : stehen die strenggläubigen Inden solche Speisen, die ihnen zum Genuß erlaubt sind. Gleichwohl finden sich in jüdischen Blättern koschere Anpreisungen, die sich von vornherein als schwindelhaft ererweisen, wie z. B. Anempfehlungen koscherer Kochherde, ritueller; jüdischer Schächtmesser, koscherer Zigarren, bei denen beiläufig die Spitze nicht mit Kleister, sondern mit Eiweis geklebt ist, ferner von ' rituellen Jom-Knpper-Schuhen, koscheren Sesseln rc. Es ist für! den jüdische» (Geschäftsgeist bezeichnend, daß er sich i bei seinen schwi n d elh aften Re k lamcn selb st desWortes ' koscher bedient." i Der tendenziöse Schluß veranlaßte uns von der Zeitung j die Aufnahme einer Berichtigung zu fordern, die mit Nennung :! von Namen feststellte, daß die in Betracht kommenden Firmen ' sich ausnahmslos in — nichtjüdischen Händen befinden.! llnsre Freundin in der Lindenstraße schwieg die fatale Be-! richtianng einfach tot. Wir sahen uns darum geitötigt, die Hilfe der Staatsanwaltschaft anzurnsen, die nunmehr; gegen den Nedakteur Dr. Bachler das BerichtignngSverfahren eingeleitet hat, so daß die Berichtigung, wenn auch etwas verspätet, demnächst erscheinen wird. — Kein „Jridenblatt" ist das „Kleine Journal", l Der Chefredakteur und Verleger des Blattes, Verfasser der i „Ballhaus - Anna" und Nechtsanwalt beim Landgericht I. ' Dr. Leon Leipziger veröffentlicht i-n der „Kreuzzeitnng" , eine Berichtigung, in der er feststellt, „daß der Besitzer und Chefredakteur des „Kleinen Journals", der erste und zweite politische Nedakteur, der erste und zweite Feuilleton-Nedaktenr, . ' der erste und zweite Lokal - Nedakteur, unser Musik- und; Schauspiel-Kritiker, unsere Korrespondenten in Wien, Paris,;• | Petersburg, Sofia u.f. w. durchweg Christen find." — Wir | nehmen hiervon mit Befriedigung Notiz. , _ f Bus Oesterreich Nugarn. Tic Gemein d eratsw ah len in Wien werden hier in der gesamten Presse eis uiib trans der 1 | Leitha noch immer diskutiert. In Budapest, wo die Presse keine Zensur zu fürästcn hat, ist es seit geraumer Zeit offenkundig, daß die « antisemitische Bewegung, in deren Banne die Haupt- und Rcsidenzi stadt Wien ist, unter dem Patronat des Wiener Hoies steht und sich l. der Nlnerstütznng allerhöchster Personen erfreut. Graf Moritz Esterhazy . und (straf Ferdinand Zichy, die Führer der ungarischen Volkspartei, - sorgten auch wohlweislich dafür, daß diese Thatsachen jedermann bekannt wurden, ja sie lieferten in verschiedene Redaktionen sogar allerlei ' Schriftstücke, die hierauf Bezug hatten, mit der ausgesprochenen Ab- , sicht, daß sie zur Veröffentlichung gelaugte». So wurde es denn in l Pest allgemein bekannt, daß an der Spitze der antisemitischen Wahli bewegnng eigentlich die - Erzherzogin Maria Theresia stand,; die ihren ganzen Einfluß ansgcboten, um den Sieg der Antiliberalcn - noch glänzender zu gestalten. Es heißt, daß die Erzherzogin für - diesen Zweck sogar große Geldsunimen — man spricht von drei s Millionen Gulden — verwandt habe. Auch von den treibenden . Motiven dieser den Inden so feindseligen Stimmnng ver>antet so ' manches, und neben den politischen Ursachen wird auch eine lehr 1 romantische erwähnt. Man erzählt sich nämlich, daß die hohe Frau den Inden deshalb so gram sei, weil es — eine Jüdin gewesen, i - welche das Eheglück ihres Sohnes Erzherzog Otto vergiftet. ' Ueberdies übe auch der Beichtvater der Erzherzogin, ein eingefleischter Antisemit, großen Einfluß auf die Prinzessin sowohl, wie auf die Stimmung des Hofes, der in Lueger einen wahren Kreuzritter sieht. Rach alledem hält man es hier für mehr als wahrscheinlich, daß Dr. Lueger, an den die Erzherzogin nach den Wahlen sogar ein eigenhändiges Glückwunschschreiben gerichtet, die Bestätigung des Monarchen als Bürgermeister erhält. — Die Talmud- Thora-Schule der israelitischen Knltnsgemcinde Prag tritt mit dem neu beginnenden Schuljahr 1895-96 in das 40. Jahr ihres Bestandes. Die israelitische Knltusgeineinde-Repräscntanz hat eine Erweiterung und Reorganisierung dieser Schule vorgenommen, hat die Schulklassen vermehrt und die Schulränme zweckentsprechend adapiert. Die Talmud-Thora - Schule, die aus einer Knaben- und Mädchen-Abteilung besteht, dient nicht nur als wirksamste Unterstützung des obligaten Religionsunterrichtes, sondern hat auch den Zweck der Heranwachsenden Jugend gründliche Kenntnis in den Büchern der heiligen Schrift und der hebräischen Sprache zu vermitteln. In den 8 aufsteigenden Jahrgängen der Knabenklassen waren im Schuljahre 1894—95 884 Knaben und in den 5 aufsteigendcn Klassen der Mädchenabteilnng 212 Mädchen eingeschrieben. An der Anstalt wirken 6 Lehrkräfte. Die Anstalt steht sowohl unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiners als Schnlinspektor als auch unter staatlicher Inspektion. — Tie Talmud-Thora-Schule begeht im neuen Schuljahre im Laufe des Monats Oktober eine seltene Doppelfeier: Der erste Lehrer, der bei Gründung der Anstalt im Jahre 1856 angestellt wurde, Herr Benedikt Donat, feiert nebst seinem 70. Geburtstage auch das seltene Fest seines 40 jährigen Amtsjnbilänms als Lehrer dieser Schule. — In den letzten Tagen tauchte wiederholt die Nachricht auf, daß Baron Hirsch seine in Wien und Galizien für arme Gewerbetreibende ohne Unterschied der Konfession errichteten Wohlthätigkeitsinstitute aufgelöst habe. Die Nachricht ist in dieser Form unrichtig. Weder das in Wien, noch die in Galizien bestehenden Wohlthätigkeitsinstiinte wurden aufgelöst, sondern blos reorganisiert- Das Wiener Bureau wurde von Baron Hirsch monatlich mit 10,000 fl. dotiert- Das galizische Institut erhielt 12,000 fl. monatlich. Tie Leitung des Wiener Institutes war einem Tameükomitee anvertraut. Baron Hirsch hat nunmehr die Leitung des Institutes aus sachliche» Erwägungen einein ans drei Herren bestehenden Komitee übertragen. Tic Reorganisierung besteht hauptsächlich darin, daß nunmehr blos unverzinsliche rückzahlbare Darlehen gewährt werden. Gegen einen Darlehensnehmer, der zahlungsunfähig geworden, werden auch in Zukunft keine gerichtlichen Schritte ergriffen werden. Doch soll jeder, der seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen ist, die Berechtigung verlieren, ein zweites Mal die Hilfe des Institutes in Anspruch zu nehmen. Die neue Leitung nahm ihre Thätigkeit bereits Dienstag den 1. Oktober auf. Das neue Bureau befindet sich in der Weihbnrggasse. — Dem Hanse der Magnaten in P e st wurde am Donnerstag das Rnntinm des Hauses der Abgeordneten, betreffend den Gesetzentwurf über die Rezeption des israelitischen Glanbensbeken ntniises, unterbreitet. Nach Verlesung des Nnntiums erklärte der Alterspräsident, die Vorlage werde nunmehr der königlichen Sanktion unterbreitet werden. * r Ans Üinstland. Wie der halbamtliche „Warschaivskij Dneivnik" meldet, ist im Generalgnberninm im Weichsclgebietc ein Projekt anstzearbeitet worden, _ wonach sämtliche im Nordwestgcbiete liegenden Städtchen in Dörfer verwandelt werden sollen. Die Anregung zu diesem Projekte ging vom Wilnacr Generalgonvernenr Orscheivskij ans, der die Durchführung dieses Planes im Interesse der Banernschait als wünschenswert erklärte. Durch diese Verfügung würden abcr^dic Inden hart betroffen werden, denn mit der Verwandlung der Städtchen in Dörfer verlieren sie das Wohnrecht in letzteren und würden somit gezwungen, ihre alten Wohnplätze zu verlassen. Es ist somit begreiflich, daß die Meldung des „Warschaivskij Dnewnik" unter den in den Städtchen des Nordwestgcbietes lebenden Juden große Bestürzung hervorgcrnfcn hat. _ Ans guter Onelle verlautet jedoch, daß (straf Schnwalow, der Ehef im Weichsclgebiete, die Durchführung dieses Projektes erst dann zu befürworten geneigt wäre, wenn die Juden, welche nunmehr in den Städtchen leben, keinen Schaden von der Umwandlung derselben in Dörfer davontragcn, d. h. wenigste auch in den Dörfern belassen würde». ^'.---Bekanntlich wurde vom Finanzministerum die Verfügung getrosten, datz die in Odessa begehende Handelsakademie, welche durch die Mittel der in Odessa lebenden Inden und Ehristen erhalten wird, bei der Aufnahme von jüdischen Schülern ein gewisses prozentuelles