Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 658 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 658. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. das Thema Antisemitismus — Anarchismus. An der Hand eines mit wahrem Bienenfleiß zusammengetragenen, geschickt und übersichtlich gruppierten Materials zeigte der Redner an einer Fülle von Beispielen, die einzelnen Stadien der antisemitischen Bewegung durchgehend und alle Schattierungen dieser Richtung nach allen Seiten stark beleuchtend, wie der Antisemitismus allüberall, wo und in welcher Gestalt er auch austritt, schließlich in Anarchismus übergeht und, indem er angeblich nur gegen die Juden zu Felde ziehen will, gegen Thron und Altar, Religion, Christentum, Kirche, Monarchie in gleichem Maße wütet. Redner fordert zum Schluß seiner mit reichstem Beifall aufgenommenen Ausführungen die jüdischen Mitbürger zu thatkräftiger Arbeit und Mitwirkung an den Zielen des Vereins auf. In der sehr angeregten Diskussion wurde noch manches treffende Wort gesprochen, insbesondere wurde von sachkundiger Seite hingewiesen auf die Bestrebungen der Vereine jüdischer Studierender und Soldaten. g. — Berliner Lehrerverein. In der am 5. Oktober abgehaltenen Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner Berlins" hielt Herr Flanier ein Referat über die beiden Religionslehrbücher von Apolant und Feilchenfeld. Apolants von wissenschaftlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten aus durchaus treffliches Buch wurde als ein für die Volksschule zu schwer verständliches Werk bezeichnet. Anknüpfend an eine Rezension von Bernhard Traubenberg, hob auch er die von diesem gemachten gegen die Einteilung der Pflichtenlehre in religiöse und sittliche Pflichten hervor, wonach es scheine, daß jemand religiös fein könne ohne Sittlichkeit. Der Referent ließ dem Werke volle Gerechtigkeit widerfahren, machte auf die vielen Vorzüge desselben aufmerksam und empfahl es besonders dein Lehrer selber zu seiner Vorbereitung. Die Trennung von religiösen und sittlichen Pflichten, die Apolant in feinem Werke macht, rief eine lebhafte und interessante Diskussion hervor, an welcher sich die Herren Dr. Adler, Flanter, Klein, Tichaner und Traubenberg besonders beteiligten und die zu dem Beschluß führte, den so wichtigen Gegenstand einer selbständigen Erörterung in einem besonderen Vortrage zu unterziehen, eine Arbeit, die Herr Klein bereitwilligst für die nächste Sitzung übernahm. Das Feilchenfeld'sche Lehrbuch erfuhr ungefähr die Würdigung, die der Jeschurun vor wenigen Wochen ihm angedeihen ließ. Die edle Darstellung, der ern'ärmende Geist, der es durchleuchtet, wurde gern anerkannt, dagegen erhob sich Widerspruch gegen das Werk als Schulbuch. Wiederuvl getreu dem Urteil Ihres Rezensenten, wurde das Buch als ein Segen fürs Haus bezeichnet, in welches es Licht und Wärme tragen könne und wo es der Leichtfaßlichkeit wegen gern gelesen werden würde. An die wissenschaftliche Sitzung schloß sich ein gemütliches Beisammensein, von dem man sich, da über die Lehrerwett die Stille der Ferienruhe gebreitet ist, erst in später Stunde loöriß. — Am ersten Tage des SukkotfesteS folgte Herr Dr. Maybaum in seiner gedankenvollen Predigt auch der Anregung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes betreffend die Sammlungen zu Gunsten derjenigen armen kleinen Gemeinden, denen die Fürsorge für den Religionsunterricht aus Mangel an Mitteln unmöglich gemacht wird. Die passendste Gelegenheit, den himmelschreienden Mißstand, der sich in der Thatsache ausdrückt, daß in Deutschland über 800 Gemeindchen ohne jegliche Veranstaltung für den Religionsunterricht existieren, vor aller Augen auszudecken, ist leider versäumt worden. Die hohen Festtage, die die ganze Gemeinde Israels in Hellen Scharen zum Gotteshause führt, wären der wichtigste Zeitpunkt, auf diesen Schaden im Hause des Herrn unsere Glaubensgenossen nachdrücklich hinzuweisen. Eine Abhilfe der Notlage, in der sich der Religionsunterricht befindet, kann nur auf breiterer Grundlage ins Werk gesetzt werden. Noch steht das Schlußfest aus und so mögen im ganzen Reich die Herren Rabbiner mit der ganzen Kraft der Rede zur Beseitigung oder auch wenigstens zur Linderung dieses Notstandes auffordern. Was nützen all die Abwehrbestrebungen, wenn die Fäulnis im Innern weiter um sich greift, was nützt das Ansstreuen all der guten Saaten, wenn inuner neues Unkraut aus der Erde wuchert? Den Rabbinern und Predigern ist hier eine Aufgabe in der innern Missionierung der zerstreuten Glieder unseres Volkes gesetzt, der sie sich uni so williger hingeben müssen, als ihre Kräfte nicht wie bei anderen Geistlichen durch eine äußere Mission zersplittert werden. — Reichenheimsches Waisenhaus. Der Bericht über das Neichenheimsche Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin (Weinbergsweg 11 c.) für das Geschäftsjahr 1891/95 ist soeben erschienen. In der Anstalt werden 79 Zöglinge verpflegt, und zwar 47 Knaben und 32 Mädchen. Die gesamten Ausgaben für das Waisenhaus betrugen in diesem Jahre 50120 Mark, die durch die Zinsen eigener Fonds und einein Gemeindezuschuß in Höhe von 26718 Mk. aufgebracht wurden. Die Ausgaben für Beköstigung betrugen auf den Kopf verteilt 0,4a3/10 Mark gegen 0,448/lo Mark im vorigen Jahre. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schule», doch wird nebenher in der Anstalt den Zöglingen Unterricht im Gesang und im Turnen erteilt. Außerdem besteht ein Handfertigkeitsunterricht für Holzarbeiten. Das Waisenhaus steht unter der Verwaltung eines Kuratorimns, dessen Vorsitzender Herr Louis M. Bamberger ist, und unter der Leitung des Direktors Dr. Jutrosinski — „Dem Volke muh die Religion erhalten bleiben". Der Ahlwardt-Mouiteur, der dieses viel gemißbrauchte Wort mit frommen Augenausschlag breitzutreten pflegt, hält sich gleichwohl darüber aus, daß in Berlin, nach der Forderung des Zentralvereins für die Interessen der jüd. Gemeinde „nicht weniger als vier neue Synagogen" gebaut werden sollen. Hierzu bemerkt die „Volks-Zeitung": Wir unsererseits würden es ganz in der Ordnung finden, wenn gewisse Freunde der Kaiser Wilhelm-Kirche, die sehr glücklich waren, als für diese Kirche auch jüdische Freunde der „Erhaltung der Religion" Beiträge von ca. 00,000 Mk. spendeten, nun auch ihrerseits' sich durch angemessene Geldspenden für den Ban der vier neuen jüdischen Gotteshäuser interessierten. Oder wollen die frommen Ehristcn in echt christlicher Bescheidenheit den Opfermut der tolerant ihren jüdischen Mitbürgern überlassen?" — Das Stöckersche „Volk" muß sich vom „Vorwärts" auffordern lassen, von folgender Mitteilung N'otiz zu nehmen: „In der Wilhelmstraße 30-81 existiert eine Firma, die sich Bairländische Berlagsanstalt H. Oberwinder nennt. Diese Firma betreibt wesentlich die Herstellung christlicher Erbaunngsschriften; auc» die Zeitung „Das Volk" wird voll der Gesellschaft verlegt und m deren Offizin gedrliekt. Am lebten Sonntag Bormittag gegen J MN degab sich ein Schutzmann der zuständigen Revierwache m o\c Arbeitsräume der Vaterländischen Berlagsanstalt H. Oberwmoel und konstatierte folgendes: Zwei Arbeiter waren am heilige Sabbat in der Stereotypie mit regem Eifer thätig; desgleM, mühten sich in der Buchbinderei am Tage des Herrn zwei llelM und drei Mädchen im Schweiße ihres Angesichts, um große --tapci