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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 657

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 657 (sequence 9)
Language
German
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' t Nr. 41. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 357. z: schieden, und mir ein Band hat sie geeint und hieher cp'- führt: der Aberglaube! Sie alle erwarten von dem Manne dort die Erfüllung ihrer Hoffnungen, sie alle opfern mit Freuden ihre, bei manchem sauer ersparte Gabe, damit nur ihr „Quitte!" drinneu sich der Beachtung und Erfüllung erfreue. „Quitte!" aber (das korrumpierte „Quittung") heißt im Jargon jedes beschriebene Blatt Papier, hier speziell dasjenige Zettelchen, auf das jeder Wünsche und Bitten geschrieben, um sie dem Rabbi zu übergeben. Jeder Harrende hält auch einen solchen Papierstreifen in der Hand. Welche seltsame Tinge könnte man erfahren, wenn man sie lesen dürfte! Hat man sich glücklich in die Rahe der Thüre zum zweiten Wartesaale durchgedrängt und den dort postierten Pförtnern neuerdinds einen Obolus entrichtet. so kann man eintreten. Hier sind weit weniger Menschen, hier verstummen die Gespräche, hier bereitet sich jeder schweigend und mit Herzklopfen auf den Moment vor, wo er in des Rabbi Gemach treten werde. An der Thüre dieses Allerheiligsten stehen neue Pförtner, die natürlich abermals ihren Zoll fordern. Benutzen wir die nächste Gelegenheit, wo ein neuer „Quittelträger" eingelassen wird, um als unsichtbarer Zuschauer mit ins heilige Gemach zu dringen. Es ist ein kleiner sehr spärlich möblierter Raum; die Wände sind mit Bücherschränken voll Talmudfolianten bedeckt, in der Mitte steht ein Tisch, worauf zwei große Gefäße, für die „Quittel" und das Geld. An dem Tische aber sitzt in großem Lehnstuhle der Mann, den zu sehen Hunderttausenden von Menschen das höchste Glück ist, sitzt der Wunderrabbi von Sadagora, aus dem mächtigen „Tschibuck" (lange türkische Pfeife) mächtige Rauchwolken ausstoßend. Er ist ein ältlicher Mann von hohem Wüchse, mit nicht unedlen Zügen, die indes auch nicht einen Schinnner von Intelligenz und Geistesregsamkeit verraten. Man sieht, wie stumpf und gleichgiltig dieser Mann den dargereichten Zettel überblickt, wie er auf die mündlich vorgebrachte Bitte gewöhnlich nur ein und desselbe monotone: „Gott wird es zum Besten lenken," erwidert, und wird das Gerücht begreiflich finden, daß er halb blödsinnig sei. Und aus diesen Mann richtet sich die Hoffnung von Millionen, dieser Mann ist all' den Verblendeten fast nicht mehr der sichtbare Statthalter Gottes auf Erden, nein! — die Gottheit selbst!.Naht die Stunde des Gebetes, oder will sich der Rabbi in den Schoß seiner Familie zurückziehen, dann wird die Gcldeinnahme und Seaensspenduna unterbrochen. Der Rabbi soll sehr an seiner Familie . hängen, die er auch in den „heiligen Tagen" von den Gütern zu sich beruft. Zur Zeit meines Besuches weilte nur noch der älteste Sohn im Hause, um sich würdig zur Geißel seiner Glaubensgenossen vorzubereiten. Und eine Geißel, ein Verderber der Juden jener Gegend ist der Rabbi, nicht etwa des materiellen 'Nachteils, des Aussaugesystems wegen, das er so trefflich organisiert, nein — hundertmal mehr uni des geistigen Schadens willen, den er ihnen zufügt. Ter Rabbi ist mit die Hauptursache, warum sich die Juden des Ostens nicht emporraffen können aus jenen Fesseln, die jahrhundertelanger Aberglaube um sie geschlagen, warum sie noch in jener düsteren Nacht verharren, in der sie einst verharren mußten, in der sie nun gegen den Willen der Regierungen verharren wollen! Der Rabbi trägt die Mitschuld daran, warum dieses einst verachtete Volk noch heute verachtet wird, denn er ist der personifizierte Widerstand gegen Fortschritt und Licht, gegen den Segen, den eine neue, bessere Strömung im Judentume bringen würde. Er handelt freilich, wie er handeln muß, denn mit jenen Tagen des Lichtes wäre seine Dunkelherrschast dahin; möge aber das Volk, das verblendete, irregeleitete, unglückliche Volk sich bald zur Klarheit cmporraffen, zum Verständnisse des Geistes einer besseren Welt. Möge der Tag nicht lange mehr auf sich warten lassen, wo man nur noch achselzuckend gedenken wird — des Ahnherrn des Messias. M. R. Wochen-Shronik. Berlin, den i). Oktober. * Berliner Nachrichten. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Auf einen neuen Äoup des sog. liberalen Wahlvereins möchte ich Ihre Anfmerksamkeit lenken. Seit einiger Zeit versendet der Verein an Mitglieder der Gemeinde ohne Auswahl, ich möchte beinahe sagen: ohne Unterschied der Konfession, die Mitteilung, das) der Vereins-Vorstand beschlossen habe, sie (die Mitglieder) zu Vertrauensmännern des Vereins zu ernennen und das; er darum für die bevorstehenden Nepräsentantcnwahlen ans ihre thatkräftige Mitarbeit rechne. Daß hierbei manch lustiges tchU pro quo vorkommt, indem beispielsweise eifrige Mitglieder der orthodoxen Sondergemeinde mit der angegebenen Auszeichnung bedacht werden, ist ebenso unvermeidlich wie erheiternd. Neu ist dieser Tric im allgemeinen nicht. Wir haben Aehnliches bei politischen Wahlen in einein niederschlesischen Wahlkreise auwenden gesehen: In Ermangelung einer straffen Organisation auf dem Lande, wurde jeder Bauer und Besitzer, dessen Adresse irgend zu ermitteln war, benachrichtigt, daß er zum Vertrauensmann der propagierten Partei ernannt sei, und gebeten, für die Verteilung von Flugblättern und Stimmzetteln Sorge zu tragen. Der Erfoa überstieg die kühnsten Erwartungen; die biedern Baue r n fi'chlteu sich durch das Vertrauen ihrer städtischen Mitwähler hochgeehrt und wirkten eifrig für eine Partei, der sie nach ihrem Wesen und Denken fern standen. Wie schon gesagt: neu ist dieser Trie im allgemeinen nicht, neu ist er höchstens in seiner Anwendung bei Repräsentauteuwahlen in Berlin. — Neue Religionsschute. Die neue (vierte) Religionsschule der jüd. Gemeinde wird am 13. d. M. in den Räumen der 187. Gemeindeschule (Gerhardstr. 4—5) eröffnet werden. Die Leitung der Schule ist dem Semiuarlehrer Herrn I. Mareuse übertragen worden. Der Unterricht wird wöchentlich zwei mal: Sonntag von!)—1 und Mittwoch 3—6 erteilt werden. — Versammlung. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat nach Ablauf der Sommerferien nunmehr seine Winterkampagne begonnen. Bereits in der vergangenen Woche traten in den verschiedenen Stadtteilen die einzelnen Gruppen zusammen, und am letzten Sonntag fand. eine Konferenz statt, die von Delegierten schlesischer Gemeinden recht zahlraich beschickt war. Die erste große öffentliche Versammlung des Vereins fand am 7. d. M. im Saale der ^Gesellschaft der. Freunde statt. Dieselbe erfreute sich eines äußerst zahlreichen Besuches. Der Vortragende Dr. med. Pariser behandelte in seinem Vortrage •,,J±atöik

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