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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 656

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 656 (sequence 8)
Language
German
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Seite 656. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. soldung eines ständigen Chorpersonnls. Fortdauernder Fleiß, das Benu'lhen gute und begabte Knabenstimmen zu gewinnen, die Erweiterung der Männerstimmen, hatte schon nach ganz kurzer Zeit dein Chore eine künstlerische Bedeutung verschafft. Es wurden bereits schwierigere Piecen der Wiener- Partitur geübt und trefflich ausgeführt. — Ich schließe heute mit einer kleinen Episode: Bei der Aufführung eines fugierten Satzes, welcher an einem Freitag- Abend gesungen wurde, trat am Schluß des Gottesdienstes der erste Synagogen-Vorsteher, der Geheimrat I. A. Meyer, zu mir heran mit der Beinerkung: aber sagen Sie, was war das heute für ein Gesang? der eine kam früher, der andere später, es ging ja gar nicht ordentlich zusammen. Trotz meines jugendlichen Uebermuts, war ich vorsichtig genug den alten, würdigen und hochgeachteten Herrn nicht zu belehren und erwiderte ihm bescheiden: Herr Geheimrat, Sie haben ganz recht. Dieser Gesang ist heute zum erstenmale aufgeführt worden, die Sänger waren ängstlich und unsicher. Ich werde die Piece noch mehr üben, dann wird sie besser gehen und ihnen gewiß gefallen. Wir wiederholten dieses Fugato, und nachdem es drei oder viermal gesungen wurde, trat wiedermn der Geheimrat an mich heran und bemerkte: wissen Sie, das Stück ist sehr schön, und ich glaube sogar, daß das Nacheinandersingen ganz richtig ist, es muß so sein. Diese Selbstbelehrung des alten Herrn war für nüch in meiner amtlichen Stellung und bei der ausgeprägten "Neigung unserer Vorgesetzten, unberechtigte Kritik zu üben, zu allen Zeiten und in den schwierigsten Fällen von großem Vorteil und für die Sache äußerst förderlich. Der Rllblii von SniKipt«. (Schluß). Der geneigte Leser gestatte mir mm, ihn in die Wohnug des Rabbi von Sadagora zu führen, um dort sowohl den Wunderthäter selbst kennen zu lernen, als auch die, welcher solcher Ausflüsse seiner Göttlichkeit teilhastig werden. Ich habe den vor etwa zwei Jahren verstorbenen Rabbi in: Auge, unter dessen „Regime" ich Sadagora besuchte. Den gegenwärtig regierenden Rabbi zu schauen, war nur noch nicht beschieden. Vor dem Schmutze und dem Elend, die in den Straßen und Häusern Sadagoras herrschen, habe ich bereits gesprochen. Mitten unter den Häusern, durch einen weiten Raun:, jedoch aristokratisch von ihnen geschieden, steht, von einem wohlgepflegten Parke umschlossen, das Haus, richtiger der Palast des Rabbi. Es ist ein staatlicher Bau, in seiner Ornamentik sogar von feinem Geschmacke zeugend, wenn auch nicht von dein des Besitzers, so doch von dem des Architekten. Das Innere zerfällt in zwei Teile, den jeden: Pilger zugänglichen und jenen, der die Privatgemächer, dann die Prachtgemächer der Familie des präsumtiven Messias enthält. Der erste Teil besteht aus zwei aufeinanderfolgenden großen Sälen, die kahl und hoch, nur mit fortlaufenden Holzbünken längs der Wände möbliert sind, — dann einem dritten, kleinere:: Gernache, dem Empfangszinnuer des Rabbi. Die Privatwohnung ist mit fürstlicher Pracht, mit wahrhaft orientalischem Luxus ausgestattet. Die Prunkzimmer narnentlich blendend durch den^ uuerrneßlichen Reichtun: an edlen Metallen und Edelsteinen. Unter den Einrichtungsstücken giebt es wahre Kunstwerke, so einen kleine:: Tisch von getriebenen: Silber mit reicher Gold- und Edelsteinen-Ornamentik, — wenn ich nicht irre, eine Gabe der Judenschaft Mohilews zum Danke für die Abwendung der Gefahr eines bösen General-Gouverneurs — einen prachtvollen Kelch mit Rubinenverzierung, das Weihgeschenk eines moldauischen Millionärs, als ihm seine Millionärin einen Knaben geboren; einen prachtvollen Damascenersäbel mit diamantenübersäetem Griff u. s. w. — kurz das ganze bildet eine Schatzkammer, un: die mancher regierende Fürst den Rabbi beneiden könnte. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Rabbi wohl aus der kostbarsten Bernsteinspitze auf Erde seinen Latakia raucht. Diese soll, natürlich der Edelsteine wegen, mit denen sie geschmückt ist, zehntausend Rubel gekostet haben. In dieses Haus nun führte ich den Leser zur Zeit, wo es an: stärksten besucht ist, in den „heiligen Tagen" d. h. in jenen zehn Tagen, die zwischen dem jüdischen Neujahrsfeste und den: „Jon: Kippur," dem Versöhnungstage, liegen. Nähern wir uns den: Orte von welcher Seite iminer, wir finden die Straßen mit jenen Karavanenzügen bedeckt, deren ich in: Eingänge dieses Artikels erwähnt. Das Treiben und Drängen wird inuner größer, wenn wir das Städtchen betreten. Da bieten sich oft eigentümliche, interessante Bilder in Hülle und Fülle. Eben angekommene Pilger suchen eine Wohnung und feilschen mit den Sadagoraer Glaubensgenossen um den Preis einer solchen. Dort zieht eine ganze Schar in eine, endlich glücklich errungene Dachkammer ein; das Gepäck wird unter großen: Lärmen abgepackt und die mitgebrachten Kranken sorgsam herabgehoben; hier hat ein Sadagoraer einen großen Kreis von wißbegierigen Gläubigen un: sich versannnelt, die nüt freudigem Erstaunen die neueste Wunderkur des Rabbi vernehmen; an anderer Stelle wieder klagen einige Pilger einander ihr Leid, da sie sich vergeblich un: eine Audienz bei den: Rabbi bemüht. Dazwischen ruinänische Bauern und Bäuerinnen, welche Lebensmittel feilbieten; dann in moderner Kleidung Herren und Danien aus der Nachbarschaft, die aus Neugierde hergekommen. Ein fesselndes, bewegtes Bild. Der Lärm und das Gewinnnel nimint zu, je mehr mir uns der Residenz des Rabbi nähern. Auf den: Vorplatze vor den: Hause — der Park ist weislich zu der Zeit abgeschlossen — herrscht ein wahrhaft betäubendes Gedränge und Getöse. Nur not Gefahr unserer Rippen drängen wir uns bis zur Thür durch, an der die Menge Kopf an Kopf angestaut ist. Vor derselben stehen die Wächter des Paradieses, zwei Greise von recht ehrwürdigen: Aussehen. Es sind die „Gaboün" des Rabbi, seine Diener, die Helfer in seinem heiligen Berufe. Wenn Du den Rabbi sehen willst, so finb_ diese Männer für Dich sehr wichtig. Sie öffnen Dir die Pforten, aber nicht eher, als bis Du einen blanken „Zwanziger" in ihre stets offenen Hände gedrückt. Du befindest Dich nun in: ersten Vorsaale, in dem gleichfalls ein Gedränge und Gesunnne herrscht. Bis Du Dich an die Thür an: entgegengesetzten Ende des Saales durchgedrängt, hast Du jedenfalls Muße, die Gesellschaft zu inustern. Welch' bunte Menge! Alt und jung, reich und arm, Männer und Weiber; russische, polnische, rumänische, ungarische Juden. Ihre Stellung wie ihre Wünsche sind ver-

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