Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 655 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Mgemeinc Israelitische Wochenschrift. Seite 655. nach vielen vortrefflichen Leistungen in den Gemeinden der Provinz Posen, eines schönen Tages mit feinem singenden Orchester nach Berlin. W. hatte nur eine Empfehlung und zwar an L. I. Lewinstein; sie genügte aber, um ihn der ganzen Gemeinde zuzuführen. Lewinstein, Inhaber der ersten und größten Kattunfabrik in Europa, war ein sehr reicher und frommer Mann, von großem Einfluß, seltener Energie, und von echt jüdischer Herzensgüte. Um der Gemeinde eine Probe von den vortrefflichen Leistungen Weintraubs vorznfubren, betete er in der Privat-Synagoge des Lewinstein. Noch heute ist mir der Eindruck, den ich durch das musterhafte Ensembel empfing, frisch und lebendig in der Erinnerung. Mordechaj Perez, spater Kantor in Beuthen, Mosche Mirkin, später Kantor in Kopenhagen, der Blesse Weintraubs, bis vor wenigen Jahren Kantor in Frankfurt a. M. und andere hochbegabte Mitglieder, waren die treuen vortrefflich geschulten und schlagfertigen Sänger seiner Kapelle. Mit jeder Piere, die in der kleinen Synagoge des Lewinstein zum Bortrag kam, stieg die Begeisteruug der Gemeinde, und ich muß bekennen, daß ich Aehnliches von Juden nie wieder gehört habe. Einzig in ihrer Art waren die Borträge von Rossinischen Ouvertüren, welche in unnachahmlicher Bollendung von diesen Menschenstimmen exekutiert worden sind; mau war entzückt, begeistert, hingerissen. Tie Empörung des Gemeinde-Borsängers Lion und die von seinem Standpunkte gerechte Entrüstung über Entweihung des öffentlichen Kultus, die vielfachen Jntriguen, Schmähungen n. s. w. haben es dennoch nicht verhindern können, daß Weintraub an zweien Sabbaten in der Gemeinde-Synagoge den Gottesdienst leitete. In den echt-jüdischen, polnischen Phantasien hat sich Weintraub vor Beginn des Freitag-Abend-Gottesdienstes auch als Biolinist von der besten Seite empfohlen, und ohne Birtuose zu sein, verstand er es, diesem Instrumente die gemütvollsten Töne zu entlocken. Mit diesen Konzert-Kulten begann aber auch für Berlin eine neue Aera. A. L., voller Neid über die Erfolge Weintranbs, hat seinen ganzen Einfluß geltend gemacht, um durch das chorische Element den Gottesdienst zu reorganisieren. 1840 ließ der Borstand eine geschriebene Partitur aus Wien kommen, die noch heute in meinem Besitze ist. Mit dem Ankauf der Wiener Partitur im Manuskript hatte das große Werk, die Reorganisation des Gottesdienstes, begonnen. Ter erste ernste Schritt zur Bildung eines Ehors mar gethan. So mangelhaft das musikalische Berständnis des A. L. auch gewesen ist, erkannte er dennoch, daß nach den glänzenden Erfolgen Weintraub'S, der neu zu bildende Ehor nur dann auf die Teilnahme der Behörden und der Gemeinde rechnen könne, wenn feine Leistungen denen des Weintraubschen Gesang-Orchesters gleichen, oder annähernd ähnlich sich entwickeln werden. Um das möglich zu machen, hatte A. L. alle nur erdenklichen Mittel ersonnen. Sein erstes Borhaben, dem Weintraub die besten Kräfte für den Berliner Ehor wegzuschnappen, Ist nur in einem Falle gelungen: der Tenorist Mosche Mirkin blieb in Berlin. Tiefem ersten Stein zum Bau folgten nach und nach die noch fehlenden Steine, und nach kurzer Zeit wareu die Stimmen für ein gemischtes Toppet-Quartett beisammen. Nun begann die bitterste Not gesanglicher Hebungen. Tie Wiener Partitur war zwar kein Buch mit sieben Siegeln, aber leider viel schlimmeres, sie war ein Buch mit vier Schlüsseln, die allen ein unlösbares Rätsel gewesen sind. Tie instrumentalen Kenntnisse des A. L. beschränkten sich auf die allerersten Anfänge in der Bioline, — er spielte dieses Instrument grundsätzlich nur pizzicato; der Gebrauch eines Biolinbogens schien ihm überflüssig und luxuriös — und auf die künstlerische Behandlung seines alten Piansorte, das er mit - einem Finger zu pielen verstand. All die virtuosen Künste konnten jedoch nichts nützen, — die vier verdammten Schlüssel blieben ungelöst. Was war da zu machen? Die Autorität des neu erstandenen Ehor-Kamors durste nicht, und am allerwenigsten jetzt, bei Beginn eines so schwierigen Baues, untergraben werden. Und so entschloß sich A. L. zu der kühnen That, eine Notentafel zu kaufen, aus welcher in verschiedenen Schlüsseln die Namen der Linien und Räume ganz korrekt verzeichnet waren. Seine physische Kurzsichtigkeit, leichte Reizbarkeit und gänzliche Unsicherheit waren oft die Veranlassung zu den heitersten Szenen; denn so oft über die Namen der Noten ein Streit entstand, lief A. L. eiligst zu seinem Orakel, der Notentasel, und in seiner Erregung verfehlte er die Systeme, benannte die Tenorschlüssel mit denen anderer Schlüssel, und wenn ich nicht, ihn schützend und schirmend, in der mildesten Form eine Entscheidung herbeigeführt hätte, wäre der alte würdige Herr der Lächerlichkeit anheimgefallen. Die ersten Uebuagen gingen gut vonstatten. Die Sopranisten lernten leicht und schnell, die Altisten wurden gepaukt, der Tenor war bei Mirkin in sicheren Händen und der Baß? — ja der Baß war durch den alten Kasper und durch eineu jungen Burschen, der kaum die Mutation überstanden, vertreten. Daß der siebzigjährige Gemeinde-Baß nach Noten singen mußte, war ein schweres 'Verhängnis und augenscheinlich als eine Strafe vom Himmel diktiert. Am meisten hatte er nüt Takt und Rhytulus unerbittlich zu kämpfen. Seine kindliche Gutmütigkeit und der durch feine Frau anerzogene Gehorsam machte ihn für die neue Gesangssorm nach und nach tauglich, und ich niuß es zu seiner Ehre aussprechen, daß er in der ersten Zeit eine Stütze des Chors gewesen ist. Freilich sind bei den Uebungen mit ihm possierliche Dinge vorgekommen. Das Erlernen der Baßnoten konnte ihm nicht zugemutet werden, er sang nur mechanisch und wem: er, im Ensemble durch die anderen Stimmen gestört, die vorgeschriebenen Töne nicht treffen und sesthalten konnte, durch den Leiter daraus ausiuerksam gemacht wurde, dann mar seine Lernbegier wahrhaft rührend. Er ging aus jede Korrektur ein und war sichtlich bemüht jedesmal feine Fehler zu erkennen und — insoweit es ihm möglich war — richtig zu singen. Wenn ich ihm sagte: aber lieber Herr Kasper, Sie singen ja c, es steht aber ±‘ da, da brummte er freundlich und erwiderte: nun! dann werde ich singen f. — Nach vielen Monaten ernster Studien war der Ehor genugsam eingeübt. Die Resultate unseres Fleißes wurden in einem Freitag-Abend-Gottesdienst der Gemeinde zur Beurteilung vorgeführt, und ich muß dem Ehor das Zeugnis geben, daß er, in Rücksicht aus die 'Neuheit, gute Leistungen zu verzeichnen hatte. Die Erinnerung an den Jakobsonschen Tempel traten lebendig vor die Seele des A. L. und seine Rezitative trugen den Charakter eines ganz modernen Kantors. Tie Gemeinde- Behörde, überzeugt von der Notwendigkeit den Chorgesang beim Gottesdienst stabil zu machen und sichtlich von den Leistungen des Chores erfreut, gewährte die Nüttel zur Be-