Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 654 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 654, Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. 'Neujahr zur Zeit des Wechsels der Erscheinungen, um aus dem Zeitlichen das Ewige, aus dem Vergänglichen das Unvergängliche und aus dem 'Niedrigen das Heilige zu erkennen. Die Ghettoriegel wurden weggeschoben, der Jude trat hinaus in's allgemeine Leben, assimilierte sich mit den Völkern und lernte deren Anschauungen von Welt und Natur, und diese heilige Zeit ringt ihm nur, den Ausfrus ab: Es herbstelt! Es „herbstelt!" Auch in diesem Ausruse liegt der ganze Jammer des Erdenlebens, aber ohne Trost und Erhebung. Dem Heiden war ursprünglich der Mensch nichts weiter als ein Naturwesen und er suhlte sich von der Natar nicht gesondert, sondern als ein integrierender Teil von ihr. Jedes 'Naturwesen war ihm aber eine Parallele von Gott und der Begriff eines Schöpfers, folglich auch der Begriff des Moralischen und Heiligen fremd. Er kannte keinen Richter über seine Handlungen, keine Richtschnur für sein Handeln. Das im Judentum wurzelnde Ehristentunl konnte diese pantheistische Naturanschauung nicht ganz ausrotten. Ist sie doch in der Sprache zurückgeblieben. Schon das Wort natura enthält den Begriff von Selbstschaffen, Erhalten, Zerstören u. s. w.; noch deutlicher liegt aber diese Vergötterung der Natur in der Phrase: „Die Wohlthaten, die wir von Gott und der Natur" oder gar „von der Natur empfangen haben", als ob die 'Natur etwas geben könnte, was nicht Gott ihr erst gegeben, als ob die Natur selbstständig oder mindestens eine Parallele von Gott wäre. Vom Pantheismus zum Materialismus ist aber nur ein kleiner Schritt. Der zerspitterte Gott kann leicht vernichtet werden, und so ist der moderne Heide, der das Ehriftentum als jüdisch verwirft, materialistisch, und der Jude, der sich ihm anpaßt, mit ihm. Es „herbstelt!" Wer zu dieser Zeit gerade Entbehrungen leidet, verzweifelt sofort und wirst das Leben weg. Zu keiner Zeit des Jahres giebt es so viele Selbstmorde, wie im Herbst. Es ist ja so leicht, die allgemeine Katastrophe milzumachen; alles stirbt, der Tod ist verlockend. Es „herbstelt!" Wem es zu dieser Zeit wohl geht, denkt an Theater, Konzerte, Bälle und Gesellschaften, gleichsam um die düsteren Gedanken wegzuspotten, zu trotzen dem Tode, anstatt zu beten zu Dem, der über Tod und Leben gebietet. Es „herbstelt!" „Essen und trinken wir, komme es, woher es kommen mag. Genießen wir das Leben, so lange wir können und durch welche Mittel wir es können, int Tode ist ja ohnedies alles aus." So denkt der moderne Heide und der mit ihm assimilierte Jude angesichts der sterbenden Natur, während der alte Jude fastete und sich kasteiete. Jetzt stoßen uns diese modernen Heiden wieder von sich: „Ihr gehört nicht zu uns!" Ja, sie haben recht. Wie der Himmel von der Erde, sind unsere Gedanken über Gott von den ihrigen verschieden. Kebren wir darum wieder zu unserer. 'Natmanschauung zurück und erfassen wir im atU at'm df/t c j{1 SM sie t/'?ms erch .als ein Vernnnstwefen, das nur vermMt TiuttH pcl; 'Kliff "ihren Gesetzen nicht ganz W; n'jn'jjir'jm nh3 sn SAbilpnjch'nmun Jbdxtnfbß hnixmmiffE ojoid xnßorj xd oiur v(bxm rjfJnd oitbfxu, ö'jirbf jrmixßilb$. (bnid oxutöi xnrb(h:j rxi'mi (bi] vj xiux dnu .'xouxnX 'xoniof ni xn^ij} t]o*il? dxnr ^r'jmfbS .sbdiml'ß ftohxjd 'X'jfoid 8xxri drux ^milffxstsiimiitM 'ubsidiij sti tzxiD xchsidüj 8vd tllös dxnx gxlu]cföchV xtd nocx M'xIL 'xchsidüj oid Aus Alt-Knli». Zwei Kantoren. Erinnerungen von weil. Prof. L. Lewandowski. I. Es war im Jahre 1838. Der Kultus in der damals einzigen Gemeinde-Synagoge, Heidereutergasse, lag sehr im Argen. Der Leiter und Träger desselben, der Vorsänger Ascher Lion, war ein höchst intelligenter Mann, mit vielfachen Kenntnissen ausgerüstet, sehr gebildet, sehr klug und fähig genug, um sich eine hochgeachtete Stellung in der Gemeinde und in der Gesellschaft zu erzwingen. Lion wurde 1817 aus Strelitz, wo er einfacher Chasan gewesen, an den damals gegründeten Jakobson'schen Tempel berufen, — eine Auszeichnung,' die wenigen Kantoren jener Zeit zuteil werden konnte, denn sie war einzig und allein die Folge seiner hohen Bildung. In diesem Tempel hatten Zunz und Mannheimer die Kanzel inne. Bekanntlich wurde der Tempel, durch gehässige Denunzationen verfolgt, von der Regierung geschlossen und L. wurde Kantor der jüdischen Gemeinde. Bei seinem Uebertritt zur Gemeinde-Synagoge hatte er ernstliche Hindernisse zu überwinden; denn der Orthodoxie schien es höchst bedenklich, ja gefährlich, einen Mann an das geheiligte Betpult zu stellen, der mit Orgelklang auch deutsche Gebete sang und rezitierte. Auch der zeitige Rabbinats-Verweser, Weil (Rabbi Me'ir ben Szimcha) hatte gegen die Anstellung L.'s schwerwiegende Bedenken, und er äußerte, — ob tut Scherz oder im Ernst, das ist heute nicht utehr zu bestintmen, — daß A. L. nach seiner Beurteilung und seinem Verständnis, eigentlich kein Kantor sein kann. Er meinte: die Chasanim sind meist ungebildet, Ascher Lion ist ein Gelehrter; die Ehasanim sind zuuteist Narren, L. ist ein sehr kluger Mann; die Ehasanim erfreuen sich einer großen Kinderschar, L. ist kinderlos; die Ehasanim leben in drückendeit materiellen Verhältnissen, L. ist reich; die Ehasaniut haben Stimme und sind gesangskundig, L. hat weder Stintute, noch fattit er singen. Man ersieht aus dieser Beurteilungsweise klar und deutlich, welchen Wert der Rabbi aus die notwendige Begabung gelegt hat, die ein Ehasan besitzen muß; Stimme und die Kunst zu singen waren für ihn unerläßliche Reguisiten. _ A. L. hatte, trotz des Mangels eines natürlichen Stimmklangeö, die Gemeinde, d. h. diejenigen Mitglieder, welche dem Tempel abgeneigt waren, in vollem Maße befriedigt. Zur Unterstützuitg des utusikalischen Teils im Kultus gehörte der alte Bassist Kasper, von dem die Sage ging: er brumme nur deshalb so griinmig in der Synagage, weil er von seiner Ehehälfte zu Hause mißhandelt werde, und eia Sopranist, dem später die Auszeichnung eines Königlich preußischen Musikdirektors zuteil wurde. (Der Vers, dieser Erinnerungen, der sel. Lewandowski. Red.) Vom Standpunkte der Kunst und nach heutigen Begriffen mußten diese Gesangsleistungen einen weniger religiösen, dafür aber einen mehr komischen Eindruck machen. Da erschien das Jahr 1838 und mit ihm eine entschiedene Wendung zum Bessern: Weintraub, der später berühmte Kantor der Königs- Rachdem er die int Fluge durch- OIO