Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 653 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 653. Jüdische Betrüger betrügen ebenso wie christliche — 0 h u e Unterschied der Konfession. „Es ist auch int ganzen wob! weniger direkter Diebstahl und Betrug, den wenigstens die Vernünftigeren den Juden vorwerfen, als daß diese mit Borliebe zu Geschäften sich drängen, die dein Offizier, Beamten, Landwirt uitb altpatrizischen .stanswann nichts Solides und Reelles zu haben scheinen. Die Juden werden vielfach Makler, Kommissionäre, Jobber, Agenten, haben Ramsch-, Abzahlungs-, Rückkaufsgeschäfte u. s. w." Das ist ja richtig. Die Erscheinung zu erklären würde mich zu weit führen. Ein Grund, an den die wenigsten denken, dürfte der sein, das; der während einer langen Reihe von Jahrhunderten überall in seiner Freiheit beschränkte Jude aus dem einzigen ihn; gebliebenen Gebiete, dem wirtschaftlichen, soweit auch nur dieses ihm frei war, gern frei und selbständig sein wollte und den Selbständigkeitsdrang ererbt hat. Der Jude ist nicht gern Bankbeamter, Angestellter für Lebenszeit, er disponiert lieber allein und frei in seinem geschäftlichen Berufe, und da er nicht immer Mittel besitzt, um als Kaufmann, Fabrikant, Bankier selbständig sein zu können, flicht er nach einer gewissen Selbständigkeit gewissermaßen in den Grenzgebieten des kaufmännischen Berufs. Daß die erwähnten Geschäfte unter allen Umständen linreell geführt iverden, kann kein gewisseilhafter Mensch behaupten. Es giebt „ehrliche Makler"; es giebt auch christliche Makler; die aus dem Prozeß Dickhofs bekannten stonnnissionäre waren fast sämtlich Christen. Man darf nicht ganze Stände und Bernfsziveige verurteilen. Dein alten Cicero haftete schon jedem Geschäft überhaupt etwas Schmutz an. Und in ihrem innersten Herzen halten die meisten Offiziere, Junker, Bureaukrateii noch heute deii Handel für etwas Anrüchiges, wenn sie borniert sind aus hergebrachter Gewohnheit, wenn sie etwas heller fiub; weil im Handel es nicht so nach dem Schnürchen geht und gehen kann wie es am grünen Tisch, iin Kasino wenigstens de»i äußeren Anschein nach zugeht. — Je moderner, komplizierter, vom uralten Tausch- und staiisgeschäst entfernter oder je iinbekannter ein Geschäftszweig ist, desto verdächtiger scheint er. Die Börse ist für die ineisten, selbst hochgebildete Menschen, der reine Sündenpfuhl, den man mit Stumpf und Stiel, je eher desto besser, ausrotten sollte. Die Wenigsten haben eine Ahnung, daß die Börse eine der nützlichsten und notwendigsten Institutionen ist, ja, daß Leute von ihr R'utzen ziehen, die niemals eine Börse auch nur gesehen geschweige denn sie betreten und Börsengeschäfte gemacht haben. (Schluß folgt.) tls lirrli|tflt! Es ist Herbst worden. Dichter Siebet hüllt des Morgens die Landschaft ein, daß man ihre Formen nicht unterscheiden kann, als ob die Welt wieder in ein Chaos verwandelt wäre. Endlich kämpft sich die Sonne durch, aber sie hat nicht das freudige Aussehen, „wie der Held, der die Bahn durchschreitet." Die ganze Natur atmet Schwermut, trotz des sonnigen Tages. Ein kühler Wind spielt mit den herabgefallenen fahlen Blättern der Bäume und einsam senkt die Aster ihr Sternenhaupt im Garten. Bald neigt die Sonne kampfesmüde als blutrote Scheibe wieder ihrem llntergange zu und sendet ihre schiefen Strahlen wie die letzten Grüße einer Scheidenden von weiter Ferne. Wieder verschleiern graue Nebel den Blick und schaurig bereitet die Finsternis ihr Bahrtuch über die Sterbende. Der Jude hat die wehmütige Stimmung dieser Zeit zu seinem Kultus gemacht. Die Atmosphäre der „Gasse" war zu derselben wie die Todesahnung in einem Sterbehause, alles Ernst, Weichheit und Rührung, und dieses Empfinden steigerte sich bis zur Rüste des Versöhnungstages erreichte ihren Höhepunkt am Abend des Xol-^liclr«, bei dessen weicher Melodie sich das beschwerte Herz in Thränen auflöste. Der Jude von; Ghetto war ausgeschlossen von der Natur. Wie ein Bettler, gedemütigt stand er vor ihr; sie war ihn; nur Stiefmutter; durch die zweite Hand ließ sie ihm kümmerlich so viel Nahrung zukommen, mrt nur leben zu können. Er mußte durch List das Tauschmittel erringen, wofür er sich von ihren eingeborenen Kindern das Notwendigste oder die Brosamen aufklaubte, die von ihrem reichen Tische abfielen, um den die Erbgesessenen schwelgten. Keinen Fußbreit Bodens besaß er. Er konnte nicht säen und nicht ernten, weder pflanzen noch Lese halten; ihm lächelte nicht die Flur, ihm flüsterte nicht der Wald zu. Scheu und ängstlich schlich er auf den Landstraßen und Fußpfaden, und als Echo seiner Seufzer hörte er von allen Seiten nur das "Wort: „Fremdling!" widerhallen. Sogar Licht und Lust waren ihm nicht gegönnt und zur Zeit, wenn alles Lebensfülle und Lebenslust atmete, war er gerade an: gebrochensten und niedergeschlagendsten. Seinen Frühling füllte die düstere „Sephirazeit" aus, seinen Sonnner vertrauerte er in den „drei Trauerwochen". Hätte man da nicht meinen sollen, das Sterben der Statur berühre ihn nicht, oder er empfinde sogar Schadenfreude, wenn er sah, wie auch ihr Glanz vergeht und sie wie er verödet und gemieden wird? Und doch hatte keiner das Sterben der Statur so tief empfunden, wie der Jude des Ghetto. Es war, besonders an; Lol-MUrv-Abend, wenn alles in den Sterbekleidern in die Synagoge wallte, als ob der Tod auch durch die Gasse schritte, welcher doch die Natur in ihrem Leben so ferne stand. Aber diese jüdische Trauer bei der sterbenden Natur war eine hehre und heiligende, sie bildete gerade die Spitze des jüdischen Spiritualismus. Der allgemeine Tod gemahnte den Juden, daß die "Welt der Dinge kein Sein an sich ist, sondern einen heiligen Herrn hat, die Dinge also nicht das Hervorbringende sind, sondern die Kraft, die ihnen von ihrem heiligen Herrn gegeben worden ist, und wenn die Kraft von ihnen weicht, sie zu sein aufhören und vergehen und Himmel und Erde ebenso vergehen würden, wenn sie nicht von dieser Kraft getragen werden. Diese Kraft muß demnach über Leben und Tod aller Dinge gebieten und den Einzelnen zum Leben gedenken können auch im allgemeinen Sterben. Darum wiederholte der Jude in diesen; Jammer der sterbenden Statur so oft die Bitte um das Leben. In der Trauer angesichts der mit den; Tode ringenden Welt erfaßte der Jude sein Ich, hielt Einkehr in sich und folgte der Innern Nötigung, seine Bestimmung für ein ttberweltlicheS, unvergängliches, ewiges Sein anzuerkennen; er forschte daher nach, wie er gegen diese Bestimmuug gehandelt und wie er sich wieder erheben könne durch Heiligung seines Wandels. Schmerz und Trost lagen in seiner Trauer. Das ist jüdische Naturauffassung, und aus dieser datiert die jüdische Aera von der Schöpfung und fällt das jüdische