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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-11 · 41 (11.10.1895) · p. Seite 652

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 652 (sequence 4)
Language
German
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Seile 652. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Antiskinitischk ilonuiirfc. Bon einem germanisierten Talnindjnden-*) I. Unehrlichkeit ist ein schwerer Vorwurf, der den Juden gemacht wird, und der so häufig wiederholt worden ist, daß man U)u kann: noch beweisen zu müssen glaubt. Er ist ein Axiom. Aber solchen Axiomen gegenüber, welche ganzen Volksstämmen gewisse Tugenden oder gewisse Fehler zuschreiben, ist der größte Skeptizismus angebracht. Gewiß hat jedes Volk, jeder Stamm seine Eigentümlichkeiten. Nur soll man sich sehr hüten, einem ganzen Volksstamme eine Vorliebe für Verstöße gegen die Hanptlehren der Moral oder für Uebertretung gewisser Strafgesetzbuchparagraphen zuzuschreiben, wenn nicht, wie beispielsweise in Rußland die Zustände die Bewohner zur Uebertretung gewisser Gesetze geradezu zwingen. Wie Frauen der Tugend schöner Geschlechtsgenossinnen zu mißtrauen pflegen, so ist man mißtrauisch prosperierenden Geschäftsleuten gegenüber. Prosperiert gar anscheinend ein ganzer VolkSstantni, eine Religionsgenossenschaft, eine Vereinigung, dann ist ntan gleich mit einem Makel für die gaitze Gruppe fertig. Das Volk koinnlt nicht auf den Gedanken, daß die Freimaurer etnaubcr unterstützen, nein sie müssen mit dem Bösen im Bunde stehen. Grieche ist im Englischen gleich Jude ein Synonym für Betrüger. Die Armenier, Ehinesen, Dankees stehen im Weltverkehr gleich den Juden in schlechtem Ruf. Die Engländer dichten den Schotten folgende Lebensregel an: Erwirb ein Vermögen; ehrlich, wenn es geht, aber — erwirb ein Vermögen. Jeden einzigen nicht auf den Glauben bezüglichen Vorwurf, den man in Deutschland den Juden macht, machen die Russen den doch nur durch ihre Intelligenz und Nüchternheit in Rußland prosperierenden Deutschen. Ntan braucht nur inrussischen Zeitungsartikeln, in denen über die Deutschen im Lande hergezogen wird, für „Deutscher" — „Jude" zu setzen, und die Artikel könnten ohne weiteres in jedem Antisemitenblatte stehen. Die Epitheta, die man braucht, wenn man voit einem etwas Gutes sagen will, ohne daß man eigentlich weiß, was man sagen soll, sind überaus charakteristisch für Völker und Klassen. Der Deutsche sagt von einem Alaune, von denn er sonst nichts zu sagen weiß, er ist ein guter Mann. Die Beainten sagen von einem verstorbenen Kollegen, er war ein pflichttreuer Beaurter, Offiziere betonen die kameradschaftliche Gesinnung, Juristen heben die Unparteilichkeit eines Kollegen hervor u. s. w. Man sagt, es sei eine schöne, und wenn das absolut nicht geht, eine liebe, eine reizende Frau. Man weiß so, nicht wie. die gelobte Person wirklich war, sondern auf welche Eigenschaften die Lobenden einen gewissen Wert legen. Rur die Juden sagen von einem Glaubensgenossen, von dem sie allgemein etwas Gutes sagen wollen, er sei ein „ehrlicher Jüd", ein „ehrliches Jüdchen", die Frau sei eine „ehrliche Jüdene" (Jüdin)., Das scheint mir anzudeuten, daß Juden auf Ehrlichkeit einen großen Wert legen. Aus dem Talmud ist bekannt, wie weit die Rücksicht ans fremdes Gut gehen solle. Ein armer Rabbi, so wird erzählt, hatte sich eilt Kleid geliehen. Als er durch ein Dornen- *) Berechtigter Abdrnck ans der Broschüre „Ernste Plaudereien über die Judenfrage". Verlag von Wilhelm!, Berlin. und Distelfeld ging, legte er das Kleid ab, und sein halbnackter Körper wurde über und über blutig gerissen. Ein ihn begleiteter Schüler fragte, warum er gerade beim Betreten des Distelfeldes das Kleid abgelegt habe, während doch das Umgekehrte das Richtige wäre. Ja, sagte der Rabbi, der Körper ist inein, der kann ruhig Risse bekonunen. Das Kleidungsstück gehört aber einem Fremden, dem ich es, wenn es zerrissen würde, nicht ersetzen könnte. — Es werden im Talntud zweifellos noch inehr Stellen sein, die zeigen, welchen Wert die jüdische Ethik auf Ehrlichkeit legt. Darum fällt es nur aber natürlich nicht ein, behaupten zu wollen, daß es nicht auch jüdische Diebe und Betrüger und sonst unehrliche Juden giebt. Ich behaupte nur, daß die jüdische Religion bantit ebenso wenig zu thun hat, wie die christliche mit den Dieben oder andern Verbrechern unter den Christen. Rach der für das Jahr 1890 vorliegenden letzten Kriminalstatistik zeigen die Katholiken im allgeineinen eine größere Kriminalität als die Evangelischen, und die Christen eine größere als die Juden. Auf 100000 Personen der strafmündigen Zivil-Bevölkeruirg gleicher Kategorie konunen 1038,8 evangelische, 1238,1 katholische, 1108,9 überhaupt christliche uitd 867,4 jüdische Verurteilte. Die Juden übertreffen aber die Christen in der Kriminalität bei Beleidigung, Erpressung, Betrug nnb Urkundenfälschung. Alan sieht, die Juden koinnten auch in der Statistik nicht schlecht davon. Daß sie bei Betrug, Urkundenfälschung, Erpressung und Beleidigung die Christen übertreffen, hat nichts mit dem Judentum, sondern mit ihrer Beschäftigung zu thun. Herzöge, Prinzen und Grafen finbet man nicht unter Einbrechern. Im kaufntännischen Leben ist die Versuchung zu Betrug, Fälschung u. s. w. gerade eine sehr große. Gehörte nicht ein so unverhütnismüßig großer Teil der Juden dem Kaufmannsstnnde an, dann würden auch in dieser Deliktenrubrik die Juden günstiger stehen. In der That ist der Beruf eilt sehr wichtiger Faktor der Kriminalität, und es fallen itach der Gruppe der Berufslosen die meisten Verurteilten auf die Gruppe Handel und Verkehr. Freilich sagen selbst gemüßigte Antiselltiten, die Jilden seien so schlau, weshalb sie viel öfter als christliche Angeklagte freigesprochen werden. Allerdings konunen auf jüdische Angeklagte viel mehr Freisprechungen als auf christliche. Aber der Schluß, daß darum die Inden die Freisprechung ihrer Schlauheit, nicht ihrer Unschuld zu verdanken haben, ist doch eilt äitßerst verkehrter, gefährlicher, freilich nur zu moderner. Abgesehen davon, daß er nicht sehr respektvoll der Justiz gegenüber ist — was indessen auch ganz nrodern ist — liegt es doch, zulltal nach dem Fall Buschoff, viel näher anzunehinen, daß in solchen antisenlitischen Zeiten, wie wir sie seit einer langen Reihe von Jahren in Deutschland haben, die Animosität gegeit die Jtldeit viele zu unbegründeten Denunziationen, leichtfertigen Altklagen und kriminellen Verfolgungen hinreißt, tlitd darum erst bei strenger, tlnparteiischer öffentlicher Untersuchung die Angeklagten öfter freigesprochen werden wüsten. ' Vorurteilslose wissen, daß es Betrüger in allen Konfessionen nnb Rationen giebt. Die in meinem Hause verkehrenden Kinder eines höheren preußischen Offiziers pflegten im elterlichen Hause, wenn sie etivas genteinsavt erhielten, zu sagen: „Aber jüdisch teilen", lieber diese seltsame Paraphrase des bekannten „christlich teilen" befragt, sagten sie: die Juden betrügen wenigstens nut Fremde, nicht ihre Brüder. Ich glaube, ich darf dieses unbeabsichtigte Koinpliment ablchnen-

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