Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 651 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 41. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 651. mir die Spalten dieses Blattes geschlossen werden, oder, wenn das Schicksal es will, daß mir die Ai'bcr aus der Hand fällt — und Du sollst nichts ungeprüft hinnehmen. Aergere Dich zuerst darüber, das schadet nichts, und soll, wie mir gesagt wird, zu guter Verdauung beitragen; bei kalter, ruhiger Ueberlegung wirst Du doch denken, ganz unrecht hat der Mann denn doch nicht, und schließlich sind wir einig und gute Freunde geworden, und dann kann die Freundschaft von Dauer sein, was ich meinerseits mit Freuden sehen würde. — Also wir wollen zuerst eine prinzipielle Frage erörtern: Ist es opportun und „zeitgemäß" in der gegenwärtigen so bewegten Zeit Fehler uub Schäden der Judenheit offenherzig und öffentlich zu besprechen, oder verlangt es unsere Pflicht, zu schweigen, wo der Tadel angebracht wäre? Diese Frage richtig zu beantworten, erheischt erst uns zuvor klar darüber werden, was wir denn eigentlich bezwecken. Mein Lieblingsschriftsteller S. D. Luzzatto führt in eineni seiner herrlichen Briese den Gedanken aus, daß alles Unheil der Menschheit davon stamme, daß in der Regel Sein und Schein verwechselt werden. Wenn das Judentum von außenstehenden Feinden angegriffen wird, so ist dies nur eine scheinbare Schädigung unserer Sache; denn in Wahrheit schmerzt es uns nur momentan, während wir uns dann zusammenthun und uns eng an einander schließen, was wir sonst nicht gethan hätten. Andererseits ist es nur Schein, wenn dir, Israel, stets Lobhymnen vorgesungen werden: alles sei in bester Ordnung, du, jüdischer Stamm, seiest fehlerfrei, und derjenige, der dich tadelt, wolle dich nur ärgern, an dir nur sein Mütchen kühlen. Liebte ich nicht meine Stammesgenossen, ich würde entweder schweigen oder schreiben wie all die jammervollen Lobhudler, die dem Judentum zum Schein.nützen wollen, es aber in Wahrheit verderben. Was sagen denn unsere Gegner, wenn sie die Vorwürfe lesen, welche von unserer Seite erhoben werden? Sagen wir etwa, oder denken wir es, daß die Juden ein minderwertiger Menschenschlag seien, daß unter ihnen verhältnismäßig weniger Edelmut, weniger Sinn für das Gute und Edle und weniger Streben nach Humanität vorhanden sei, als unter den anderen Konfessionen? Hier handelt es sich um rein jüdische Fragen; wir sagen: Ihr Juden erfüllt durchaus eure Pflicht als Menschen und Bürger; aber ihr thut es nicht als Juden. Wo soll da der Angriff auf das Judentum liegen? Ich gestehe gern zu, daß die Juden in der letzten Zeit durch ungerechte Angriffe empfindlich geworden sind und vor jedem Luftzug fürchten; aber lassen wir doch diese weibische Nervosität und seien wir Männer! Bemerken wir wunde Stellen an unserem Organismus, nun, dann frisch die Hand daran legen, die Wunde ausdrücken, auswaschen; ist eine ätzende Flüssigkeit nötig, um angesammelten Schmutz zu entfernen, nun, auch dies muß ertragen werden. Wir verhüten damit eine Blutvergiftung ltnb erhalten den Organismus gesund. Das wäre kein gewissenhafter Arzt, der merkt, daß sein Patient eine munde, krankhafte Stelle an seinem Körper hat und sich denkt: nein, ich sage es ihm nicht, denn mein Patient hört es nicht gern unb schließlich entläßt er mich und ich verliere mein Honorar, — und über solches Bedenken verlöre der arme Patient sein Leben. Nein, lieber Feser, schlimmsten Falls werde ich von Dir entlassen; aber das kann mich nicht abhalten, vorläufig gewissenhaft meine Pflicht zu erfüllen. Ich habe gegen meinen Willen und ohne Absicht eine lokale Frage der Berliner jüdischen Gemeinde berührt, wodurch ich ebenfalls auf einer Seite Anstoß erregt habe. Nun, ich habe es nicht beabsichtigt; ist es aber doch geschehen, so weine ich darüber nicht. Rach Beifall habe ich nie gegeizt, und nachdem ich das gesagt, was ich zu sagen für meine Pflicht gehalten, kommt es mir nicht im mindesten darauf an, was man davon hält. Ach, Frau Nachbarin, meinte Frau Müller, wenn sie gestern nur meinen Mann zum Bürgermeister gewählt hätten; die halbe Stadt hätte ihre Freude daran gehabt. — Run, antwortete Frau Schulze, jetzt hat die andre halbe Stadt ihre Freude daran. Wir Juden erkennen niemanden als unfehlbar an, am allerwenigsten dürfen „liberale" Männer einen solchen Glauben beanspruchen. Ich habe alles sin Judentum der strengsten Kritik unterzogen, und vor irgend einem „liberalen" Berein sollte ich Halt machen?! Und nun habe ich doch einen Vorzug, daß ich das verteidige, was vorhanden ist, was sich bewährt hat, während die anderen nur Zukunftsmusik blasen, gegen die ich mich immer skeptisch verhalte. Nichts in der Geschichte ist willkürlich und zufällig, sondern nach einem ewigen Gesetz entwickelt; die Geschichte hat ebenso Experimente gemacht wie die Natur, bis sie etwas Dauerndes geschaffen hat. Ich habe mein gutes Recht, zu behaupten, das Judentum kann nur so bleiben, wie es sich bisher durch Jahrhunderte erhalten hat; ich habe für mich die Erfahrung. Ihr, die ihr das Gegenteil behauptet, seid mir den Beweis schuldig; ich habe das Recht ihn zu prüfen, finde ich ihn nicht stichhaltig und ausreichend, so verwerfe ich ihn rundweg und keine Autorität in der Welt soll mich daran hindern. Ra, ich will etwas verraten. Ich habe im Laufe dieses Sommers einem guten Freunde zulieb und weil mir mitunter auch Langeweile ärztlich verordnet ist, gewisse Versanunlungen besucht, bescheiden im Hintergründe stehend und an der Debatte mit keinem Worte teilnehmend. Soll ich aufrichtig sein, so muß ich gestehen, daß die Debatten mich keinesivegs bescheiden machen konnten, und trotzdem ich schmerzlich den Niedergang des Judentums seit Jahren beobachte, habe ich mir eine günstigere Vorstellung von der ganzen Angelegenheit gemacht, und oft war ich versucht, gegen mich selbst zu polemisieren, und die Sache nicht so schal und sade ausarten zu lassen. Schließlich ist man doch berechtigt, etwas anderes als Wiedcrgekautcs vorgesetzt zu bekommen. Das öffentliche Leben braucht nicht immer rituell zu sein; und wenn wir das Wiederkäuende sonst für „rein" halten' und bei Tisch bevorzugen, im geistigen Leben stehe ich nicht auf diesen: streng orthodoxen Standpunkt. Lassen wir die Scherze! Ich frage mich täglich, wofür ich mir den Bart zupfen und gefallen lassen muß, als „Jude" ein Bürger zweiter Klasse zu sein. Manches Mal werfe ich einen Blick auf das blaffe, nervöse Gesichtchen meines Kindes und mit tiefem Schmerz denke ich: Armes Kind, du wirst kämpfen und leiden müssen. Das Judentun:, wofür es zu kämpfen und zu leiden haben wird, darf aber kein Leichnam sein, sondern das, was es vor hundert Jahren gewesen und für welches unsere Vorfahren mit Freude ihr Leben gelassen. Und mögen alle Streiter männlichen und weiblichen Geschlechts meine Ausführungen als anmaßend finden — nun, aus den: Altar der Liebe zu meinen: Stanune kann ich auch dieses Opfer bringen.