Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 650. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Unser Programm. Der Central-Vcrein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin stellt für die bevorstehenden Wahlen zur Repräsentantenversammlung folgende Forderungen auf: 1. Errichtung je einer einfachen, würdigen Synagoge für den Westen jenseits des Leipzigerplatzes, für den Südosten zwischen Oranienplatz und Andreasplatz, für den Norden zwischen Schönhauser-Allee und Chanssecstraße, für den Stadtteil Moabit. 2. Dem Bedürfnis und dein Wachstum der Gemeinde entsprechend, Veranstaltungen für die hohen Feiertage zur völligen Beseitigung der in gewerblicher Absicht von Privaten eingerichteten, meist unwürdigen, das Judentum erniedrigenden Gottesdienste. 3. Entschiedene Bekämpfung aller Bestrebungen, die daraus Hinzielen, die hebräische Gebetssprache aus den Gotteshäusern gänzlich zu verbannen, und den Sabbat ans den Sonntag zu verlegen. 4. Gleichstellung der jüdischen Schüler bezüglich des Religionsunterrichtes mit denjenigen anderer Konfessionen. Erteilung von Religionsunterricht an sämtlichen Schulen durch hierzu qualifizierte Lehrer. Einheitlicher, von den Gemeindebehörden scstzusetzendcr Lehrplan und Beaufsichtigung des Unterrichts durch vom Gemeindevorstand zu bestellende Schulinspektoren. 5. Heranziehung sämtlicher, bisher noch nicht besteuerten, jüdischen Einwohner zur Gemeindesteuer durch Einschätzungskommissionen in den verschiedenen Stadtteilen, entsprechend den städtischen Einrichtungen, wodurch eine Entlastung der jetzt zahlenden Mitglieder herbeigeführt wird. 6. Geheime Wahl zur Repräsentanten-Versammlung. Beseitigung der bisherigen Listenwahl, nach welcher jeder Wähler 25 bis 20 Kandidaten nominieren soll. Einteilung der Wahlberechtigten in 5 Wahlkreise: jeder Wahlkreis hat 5 bez. 6 Repräsentanten bez. Stellvertreter zu wählen. 7. Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte und energische Abwehr der gegen unsere Religion gerichteten Angriffe. In eigener Sache. Der vorliegenden Nummer unsrer Wochenschrift, die, wie einige ihrer Vorgängerinnen, die Reise durch Berlin antritt, gestatte man uns ein kurzes Geleitwort mit auf den Weg zu geben: Die ernste jüdische Publizistik der Gegenwart, — die Publizistik nämlich, die ihre Thätigkeit nicht als ein Geschäft, sondern als einen Beruf auffaßt, — befindet sich in permanentem Kriegszustände. Sie kämpft unausgesetzt nach außen uird nach innen: — nach außen gegen den immer mächtiger werdenden Feind unsrer Genreinschast, nach innen gegen die erschreckliche Versumpfung unsres Gemeindelebens. Diese Auffassung publizistischer Pflichten hat uns allezeit geleitet; von dieser Auffassung publizistischer Pflichten werden wir uns auch in Zukunft leiten lassen, unbekümmert um Gönner und Gegner. Wein dieses schlichte Programm genügt, und wer Freund ist eines Blattes, das kein — Blatt vor den Mund nimmt, der wolle unsre Wochenschrift halten und lesen. Bestellungen nimmt unsre Expedition, Gr. Hamburger, straffe 2\, entgegen. Eiuzelexempl a r e zum Preise von 20 Pf. sind in allen Bahnhofs buchhandlungeu in Berlin zu haben. Redaktion und Berlag der A. j- 147 Unsere Taktik. *) Von Dr. S. Bernfeld. (Nachdruck, auch im Auszuge, untersagt). Ich habe in den letzten Tagen eine eigentümliche Erfahrung gemacht. Als ich in nreinem letzten Artikel eine» Feldzug gegen Mendelssohn, dessen Person und schriftstellerische Thätigkeit mir, rvie ich bereits hervorgehoben, durchaus sympathisch sind, als ich nun den Feldzug gegen die Legende Mendelssohn unternahin, war ich mir der Tragweite meiner Handlungsweise wohl bewußt und erwartete nichts anderes, als daß meine Worte und meine Ausführungen in vielen Kreisen Anstoß erregen werden. Alan trennt sich in der Regel nicht gern von alten, im Lause der Zeit liebgewordenen Sachen, nicht einnral von einem alten Schlafrock, geschweige beim von Ideen und Gedanken, die man bisher als uiiuiii-- stößliche Wahrheiten verehrt hat. Eine „Verwertung" der Begriffe ist keineswegs so leicht, wie es den Anschein hat. Ich fürchtete daher, wegen meiner Ketzereien Strafe zu erleiden und machte mich daraus auch gefaßt. Gesteinigt werden — ist ja ein herrlicher, biblischer Tod! Aber von alldem traf nichts ein; den Mendelssohn ließen sie mir ruhig; aber daß ich nebenbei und ohne Absicht, — denn niemals könnte ich die Geschmacklosigkeit begehen, mich mit jedem faden Gesellen direkt zu befassen, — auch einen Stern kleinster Größe gestreift habe — das schien unverzeihlich zu sein. Nun denn, ich will wiederum ein Bekenntnis ablegen: der Leser soll mich ganz und ohne jede Verstellung kennen. Wenn ich gesehen hätte, daß meine Worte überall Zu stimmung und Beifall gefunden, so hätte ich vor allem den ganzen Feldzug für überflüssig gehalten, denn es wäre doch die reinste und unverzeihlichste Zeitverschwendung gewesen, das zu sagen, was bereits die Spatzen vom Dache pfeifen; ferner, und man möge mir die Aeußerung verzeihen, wäre ich in diesem Falle gegen mich selbst sehr mißtrauisch geworden, denn das ist keine Wahrheit, die sofort Zustimmung und Anerkennung findet; das bringt keine geistige Bewegung und kein frisches Leben, was sofort und ohne jeden Widerspruch hingenommen wird. Nein, sehr geehrter Leser, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so wollen wir sofort einen im beiderseitigen Interesse liegenden Pakt abschließen: >a> schreibe, was mir mein Verstand und mein ehrliches, ml unsere Sache fühlendes Herz diktiert, und Du — in Ehe, im Gedicht und sonst in einem Buche duzt man P vertraulich — ärgerst Dich über mich oder zollst mir Velsnll, je nachdem Du es für geraten findest. Nur dürfen wir mw gegenseitig nicht stören; ich muß fortfahren, so zu schreibcm wie es mir ums Herz ist, und ich gedenke dies zu thun, v>-' *) Dieser Aufsatz wie der Aufsatz „Tic drei Moses" in b" sM Nr. bilden die Fortsetzung der unter dem Kollcktwtitel „um .sfiiltiu-" begonnenen Artikelserie. Ned.