Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 645 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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H-?'. Nr. 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 645. der mit „Kein Antisemit" Unterzeichnete, in sehr scharfer, verletztender Weise. In Oldenburg käme ans 104 Einwohner 1 Jude, es sei darum eine „Anmaßung", wenn „die" Juden bei Verteilung von Ehrenämtern berücksichtigt werden wollten u. s. w. — Wir stehen nicht an zu bemerken, daß Heide Eingesandts auf gleichem Niveau stehen; das eine wie das andere enthält zum mindesten eine Unbesonnenheit. _ * Mischehen. Dem kürzlich erschienenen neuesten Hefte der Kgl. Preußischen Statistik (Nr. 131) entnehmen wir die folgenden Daten über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1895: An Geburten wurden verzeichnet (die eingeklammerten Zahlen sind die des Vorjahres): beide Eltern jüdisch 8212 (8251) aus Mischehen 574 (568) uneheliche Kinder jüdischer Mütter 254 (254). Die Zahl der «Geburten aus Mischehen setzt sich solgendermaßen zusammen: jüdischer Vater evang. Mutter kathol. Mutter sonst christl. 213 38 h jüdische Mutter evaug. Mann kathol. Manu sonst christl. 245 60 13 * Hammerstein — ein Opfer der Alliance Israelite. Bezeichnend für den blinden ParteifanatismuS der Konservativen ist die Mitteilung des Korrespondenten der „Hamburger Nachrichten", wonach ihm ein hochstehender, durch und durch gebildeter ehrenhafter Konservativer allen Ernstes versicherte, Flora Gaß, die vielgenannte Dante in der Hammerstein-Assaire, sei Agentin der Alliance Israelite gewesen und habe in deren Auftrag den edlen Freiherrn zugrunde gerichtet. Der „Oesterr. Volkssreund" und ähnliche Organe nennen auch unverblümt den Freiherrn Woßu „Ein Opfer jüdischer Rachsucht." *t Aus Oesterreich - Ungarn. Dr. Bloch hat nun sein M a n d a t n i e d e rg e l e g t, obwohl eine aus seinem Wahlkreise ihm zugegangene Adresse ihn zur Beibehaltung des Mandates anssorderte. Wie vor fünf Jahren, so wird ihm auch bei dieser Ersatzwahl ein jüdischer Mitbewerber entgegenstehen: Dr. Loewenstein aus Lemberg, ein reicher Rechtsanwalt und Sohn des verstorbenen Predigers gleichen Namens. Die Chancen der beiden Bewerber sind unberechenbar. Dr. Bloch hat im Wahlkreise ebensoviel Anhänger wie -> Gegner, außerhalb des Wahlkreises fast nur Gegner. Diese setzen iich hüben und drüben einerseits aus Opportunisten zusammen, die vermeinen, eine aggressive Abwehr, wie Bloch sie stetch geführt, sei für eine Minorität eine große Gefahr; andererseits aus wahrhaft und Pseudo-Frommen, die die Ansicht vertreten, das ganze außerparlamentarische Leben und Auftreten des Abgeordneten dürfe den ehemaligen Rabbiner nicht verleugnen — ich darf mich aus leicht begreiflichen Gründen nur ans diese Andeutung beschränken. Der Mitbewerber Blochs hat wenig Freunde, aber, da er noch keinen Namen hat, auch keine Feinde, so daß, wie schon gesagt, die Ehancen der Kandidaten unberechenbar sind. In einem Schreiben an seine Wähler bewirbt sich Bloch wieder um das Mandat. Dem Polenklub würde er im Falle seiner Wahl kaum beitreten können. Die israelitischen Räte der Prager Produktenbörse haben bereits im Vorjahre anläßlich der Eröffnung der neuen Börse es angestrebt, daß die Hauptbörsentage statt am Dienstag und Sonnabend immer am Dienstag und Freitag abgehalten werden. Dieses Ziel ist auch erreicht worden. Durch diese Neueinrichtung ist vielen Börsenmitgliedern die Möglichkeit nicht benommen, dem samstägigen Gottesdienste beiznwohnen und auch die Börsenbesncher aus der Provinz sind nicht mehr genötigt, ans geschäftlichen Rücksichten am Sonnabend nach Prag zu fahren. Bemerkenswert ist, daß auch die nichtjüdischen Börseräte dem kundgegebenen Wunsche einhellig ihre Zustimmung gaben. — Aus Sayb u s ch, dem galizischen Städtchen, das infolge eines „Gewohnheitsrechtes" keinen Juden in seinen Mauern duldet, wird berichtet, daß dort seit längerer Zeit die vom Bahnhof in die Stadt führende Koczinskogasse der traurige Schauplatz alltäglicher Judenkramalle ist. Jeder polnische Jude, der über die Straße geht, wird mit Straßenkot und Dünger beworfen, beim Barte und den „Peies" gezerrt und wenn er sich wehrt, gründlich geprügelt — all dies in Gegenwart, ja unter dem Gaudium von Saybuscher zuschauenden Bürgern. Die besser situierten polnischen Juden nehmen zur Passierung dieser Straße einen Fiaker und fahren an den gefährlichen Stellen eiligst vorüber. Am ärgsten sind die Marktjuden daran, die im Wagen auf hochgeschichteten Warenhaufen nur langsam die Straße vorwärts kommen können. — Es wird nicht lange dauern, und auch dieser schöne Brauch wird von den wackern Saybuschern als „Gewohnheitrecht" proklamiert werden. — Am 24. September beging Rabb. Dr. Kapserling in Budapest das Jubiläum seiner 25jährigen Thütigkeit als Seelsorger und deutscher Prediger der dortigen israelitischen Religionsgemeinde. Die Gemeinde gründete aus Anlaß des Jubiläums eine den Namen des Dr. Kayserling tragende Stiftung in der Höhe von 4000 fl., deren Zinsen als Prämien für Vorzngsschüler der neu zu erbauenden israelitischen Bürgerschule zur Auszahlung gelangen sollen. Ferner gründete der Frauenverein auf den Rainen des Dr. Kayserling und seiner Gattin eine Stiftung von 5000 fl. zum Zwecke der Erhaltung eines Waisenmädchens, mit dem Bemerken, daß die Nominierung des Schützlings dem Jubilar und seiner Gattin zustehe. Außerdem wurden dem Jubilar seitens der Gemeinde und von Privaten zahlreiche Festgaben überreicht. — In H.-Szoboßlo wurde jüngst eine Synagoge eingeweiht, und zwar wurde die Funktion nicht von dem Rabbiner, sondern vom Vorsteher der Gemeinde vollzogen, weil der Rabbiner sich geweigert hatte, in ungarischer Sprache zu predigen, und auch einem andern Rabbi nicht gestatten wollte, ungarisch zu predigen. Die Gemeindemitglieder beschlossen darum, die Tempelweihe ohne Rabbiner vorzunehmen und dies geschah auch in der That. Vorsteher Wolfgang Adler hatte den Vortritt beim Umzug nüt den Gesetzesrollen und er zündete in der Synagoge das „ewige Licht" an. — Vor kurzem wurde von einem u n g a r i s ch e n Antisemitenblatte gemeldet, daß das etwa sechsjährige Töchterchen Julie des Landmannes Johann Balazs in Garam-Kis-Sallo im Honter Eomitat in das Gewölblokal des Ignaz Adler um Branntwein geschickt worden war und seither verschollen blieb, bis man fünf Tage später die Leiche des Kindes fand, welche entsetzlich zugerichtet war. Mehrere klerikale und oppositionelle Blätter benützten den Vorfall, den sie als „Ritualmord" hinstellten, um gegen die Juden zu hetzen. Diese menschenfreundlichen Absichten sind aber, gewiß zum Leidwesen der agitationssüchtigen Finsterlinge, rasch genug zunichte geworden; denn 'der Mörder des Kindes ist bereits gefangen und hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. Wie nämlich „Fövarosi Lapok" aus Jpolysag telegraphisch gemeldet wird, i)t der Thäter des Mordes in Garam-Kis-Sallo •vt \