Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 643 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 640. . y ■ f! i - ibre Blicke, er faßt die darbietende Rechte selbst, als wolle er das Motttein nelnnen; ohne es selbst zu wissen, zieht er sie saust zu sich. Tie Jungfrau neigt den .Hopf gegen den hochschlagenden Busen des Jünglings, mich er drückt einen reinen .Huf? ans die Rippen der reinen Iungsrau. Noch hielt er sie unisaßt, aber Rathanaja weicht zurück; sie entzieht sich seinen Armen, errötet tief und spricht: „Sieh, was mein Herz nicht wollte, Gott hat es so gesügt. Verbunden sind wir jetzt mit sestem Knoten, den Gott der Herr selbst schürzte. Jetzt aber eil' ich mein Gelübde zu lösen, dann bin ich Tein aus ewig!" Spricht's, reicht ihm die Hand und eilt dann fort mit geflügelten Schritten. Der Jüngling sieht ihr lange nach, schaut freudig gen Himmel und schlagt dann eilig den Weg nach En-Schemesch ein. Tie Sonne stand schon hoch am Himmel, da kam Nathanaja in die Gegend van Bethlehem, und als sie bei einem einsam stehenden Hänschen vorbei kam, nahte sich ihr ein ehrwürdiger Greis. Als das Mägdlein ihn gewahrte, verbeugte sie sich lies; denn es steht geschrieben: „Vor dem greisen Haupte sollst du ausstehen und das Angesicht der Alten ehren." Des Mädchens bescheidene Weise gefiel dem Alten, und er lud sie freundlich ein zum Mittagsmahl in feinem Hause. N'athanaja folgte dem Greise, ohne erst in sich dringen zu lassen; denn es ist ein allgemeiner Brauch in den Ländern gen Sonnenaufgang, den müden Wanderer zu laben und gastfreundlich das Haus zu öffnen jedem, der vorüberzieht. Nachdem ihr die Sklavin die Füße gewaschen hatte, setzten sie sich zu Tische, und als Nnthanaja nach dem Essen gedankt hatte für das gute Land, das Gott Israel gegeben, dankte sie dem Alten und setzte ihre Reise fort. Er aber entließ sw und segnete sie, ehe sie ging, und sprach: „Ter Gott unserer Voreltern lasse deinen Weg gelingen." Tie Sonne neigte sich schon gegen Abend, da stand Rathanaja ans dem Berge, der zwischen Beth-lehenuJehnda und Jerusalem liegt. Weit konnte das Auge umherstreifen. Tort im fernen Osten funkelte das Salzmeer, von hier aus schöner anzusehen als in der Rähe. Prachtvoll, spiegelglatt erblickte man die runde Wasserfläche, majestätisch umgeben mit hohen Gebirgen, die kühn die Stirn gen Himmel hoben; der Himmel über ihm glänzte rein, in durchsichtiger, lieblicher Bläue. Weiter hinaus sah man den Jordan schimmern zwischen undurchdringlichen Felsen; nur hie und da verweilte das Auge bei den fernen lieblichen Pflanzungen Jerichos, die unterbrochen waren von kahlen, nackten Gebirgen: zur Mittagsseile lag das Gebirge Inda, das kühn sich erhob über die andern alle, so >vie auch Juda, hervorragend unter seinen Brüdern. Als aber Rathanaja den Blick wandte gegen die RlilternachtSseite, da leuchteteil ihr voll MoriahS Höhen majestätisch entgegen die goldbelegten Zinnen de Tempels, wo der Ewige thronte in Pracht und Majestät. Glieder sank sie auf's Mnie, liefe Ehrfurcht im Herzen, von beckigen Schauern durchdrungen, fühlte sie demütig das R'ichts des Menschen, die unendliche Größe Gottes. Tort, dort thronte er also, dort lag das Haus, das er erwählt lmtte, hier im Thale die gottgeliebte Friedensstadt. „Heilige Stätte, du Ltadt, über die das Auge (Lottes wacht, Fürstin der Völker,^Königin der Städte, du Hans des Hochgebenedeiten, du cnp des Friedens lind des Rechts, fei hochgesegnet, sei mir willkommen! Nie kann sich Unglück deinen Mauern nahen, nie kann ein Unheil dir begegnen, deiil Helfer ist dir nab!" Und als lie die Finnen des Heiligtums erblickte, da sprach sie: „Hochgepriesen seiest du, Ewiger, Schöpfer des Alls, Herrscher in Israel, (gnädig hast du diesen Berg erwählt vor allen Bergen deiner großen Welt, znm Lohn der Lindestreue der Heilgen Väter in der alteil Zeit. Ich kam hieher, Gerechtigkeit Bedrängten zu erflehen, uild nun, o Herr! nun fleh ich auch für inich! Tu hast doch selbst in unser Herz gelegt den reinen Trieb, das liebende Geinüt, ach Ewiger, erfülle meinen Wunsch!" Und sie blickte abermals hin nach Moriahs Zinnen, da ertönte von den Türmen des Tempels der Schall der Posaunen, zllin Zeichen des Vesperopfers. Als aber verkllingen war der Posaunenschall, da vernahm sie liebliche Töne der Harfe hinter sich, begleitet von dem Ehore einer größeren Menge. Wunderbar stinunte der Gesang zu den Gefühlen der Jungfrau. Jetzt näherte sich der Zug allnlählich, und da gewahrte Rathanaja, daß es ihre Brüder waren aus Inda, welche die Erstlinge ihres Erdreichs nach Jernsaleni dem Ewigen als Dankopfer brachten. Es war eine lange Reihe von Wagen, jeder zierlich geschmückt. Vor den Wagen gingen die jungen Stiere, die als Erstgeborene geweiht waren zuin Opfer am Altäre Gottes. Reinlich gewaschen und geglättet, die Hörner mit Gold belegt, festlich geschmückt mit Olivenkränzen, brüllten sie freudig, als ahnten sie, daß ihr Blut Gottes heiligen Altar benetzen sollte. Aus den Wagen lagen, zierlich geordnet, die ersten Früchte des Jahres in schön geflochtenen Körben von den biegsamen Zweigen der Weide. Mit Weinlanb waren die Körbe nmrankt und an den Ranken waren Schnüre befestigt, daran flatterten junge Tauben, auch zum Opfer bestimmt, ein Sinnbild himmlischer Liebe. Hie und da erblickte man wohl auch silberne und goldene Gesäße, welche die Reichen samt den Erstlingen, die sie enthielten, darbrachten. N'athanaja erkannte unter der Menge Verwandte ihrer Mutter aus Hebron; auch jene erkannten sie und freuten sich mit ihr. Cie erzählte ihnen, was sie nach Jerusalem führe; ihre Verwandten lobten sie darum und sie schloß sich dem Zuge an. Langsam ging es den Berg hinab; unten am Eingang in das Thal Hinnom machte man Halt, dicht bei einer großen Wasserleitung, die Salomo begonnen, Hiskijahu aber beendigt hatte. Man schickte Boten voraus in die Stadt und ließ sagen: „Ihr lieben Brüder, wir kommen, die Erstlinge zu bringen dem Herrn." Ta machten sich die die Aeltesten Jerusalems auf, feine Richter und Beamten und viele angesehene Männer, und gingen dem Zug entgegen. Sie empfingen sie freundlich und hießen sie brüderlich willkommen und führten sie hinein in die Stadt. Jetzt ging der Zug durch die tiefe Schlucht des Gehenna, vorbei bei den heiligen Gräbern der Vorfahren bis an die liebliche Ouelle Siloa, den von Gott gesegneten Born, der den Bewohnern der Gottesstadt ein unentbehrliches Erbteil ist. Sie traten dann, nachdem sie die Prachtgärten des Königs durchschritten und durch das Thor, das gewaltige, gegangen, in den unteren Teil der Stadt ein. Kaum aber hatten sie den Boden innerhalb der Mauern Jerusalems betreten, als der ganze Ehor mit lauter Sliinme sang: „Run stehe» unsere J-üße „Jerusalem in deinen Thoren „£, wünschet Glück Jerusalem, „Wohl ach cs deinen Trenndcn!" Rührend war es zu sehen, wie die Bewohner Jerusalems die fremdeu Brüder empfiugen. Kaum wurde es bekannt in der Stadt, daß die Erstlinge eingebracht würden, da schloß freiwillig der Kansmann den blinkenden Laden, der Handwerker die ruhige Weckstätte, um hinzugehen und die Brüder zu empfangen. Tie Fenster der Häuser füllten sich und die