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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-04 · 40 (4.10.1895) · p. Seite 641

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 641 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 641. der Heerstraßen Galiziens »der der Bukowina, Podoliens oder Beffarabiens beführt, so kann man eigentümlichen Wanderzügen begegnen. Zn Wagen wie zu Fuße zieht das „Volk (Lottes" in dichten Scharen daher, ■— Männer, Weiber, Greife, minder, meist mit nicht geringem Gepäcke beladen. Und wenn man sie um das Ziel ihrer Reise fragt, so erwidern sie alle, ohne Ausnahme: „Rach Sadagora". Sadngora, zu Deutsch: Gartenberg — welchen Namen es auch früher geführt — ist ein kleines, erbärmliches Nest mit engen, düsteren Gaffen und schmutzigen, niedrigen Häusern, eine halbe Stunde von Ezernowitz, der Hauptstadt der .Bukowina gelegen. Es ist fast ausschließlich von Juden bewohnt, die der Mehrzahl nach keinen Handel, kein Gewerbe treiben, die aber so glücklich sind, einen Geldmagnet in ihrer Mitte zu haben, der nicht nur selber viel anzieht, sondern auch so gnädig ist, für die andern etwas abfallen zu lassen. Dieser Magnet ist der Wunderrabbi von Sadagora, das Haupt der Ehaßidim. Die Ehaßidim sind eine der wenigen Sekten (?) des Judentums, und zwar die zahlreichste. Die Juden Galiziens, Kongreß-Polens, Südrußlands und der Donaufürstentümer gehören ihr mit wenigen Ausnahmen an. Der Ehaßib ist Askeliker und (Genußmensch zugleich, er ist der mystische GesühlSschwelger, der Mucker des Judentums. Indem er sich einerseits manche Entbehrungen auferlegt, so die zeitweilige Enthaltsamkeit von Wein und anderen Getränken, von den Freuden der Ehe n. s. w., weiß er sich doch zu gewissen Zeiten doppelt dafür schadlos zu halten. Die Gelage der Ehaßidim an manchen Festtagen, z. B. am Tage der Gefetzesfreude (Simclmt thora) arten geradezu in widerliche Orgien aus. Für die Fortpflanzung feines Geschlechtes sorgt der Ehaßid mit größter Achtsamkeit; unverheiratet oder kinderlos zu bleiben ist die größte Schmach. Er hält sich ferner für den Bevorzugten unter seinen Glaubensgenossen; er erwartet nicht nur bei der einstigen Ankunft des Messias besondere Genüsse und Ehren im neuen „Reiche Gottes", er hält sich auch jetzt in den „Tagen der Knechtschaft und Verbannung" für den edelsten Juden, der darum nach dem Tode an der himmlischen Tafel den Patriarchen Abraham, Isaak und Fakob zunächst sitzt, und von den vorzüglichen Engeln mit den schmackhaftesten Bissen bedient wird. Diese eigentümliche Selbstschätznng wurzelt in einer der sonderbaren Traditionen der Ehaßidim. Dieser Tradition zufolge sind sie diejenigen Juden, ans deren Mitte dereinst der Messias, der Welterlöser hervorgehen wird. Aber nicht stdem Ehatzid iteht es zu, den kühnen Traum zu hegen, seinen^Lenden könne solch' erlauchter Sohn entsprießen. Nur drei Familien giebt es, welche die Tradition zu solchem (Glücke prädestinirt hält. Diese drei Familien sind die des Wunderrabbi von Beiz in Kongreß-Polen, von Madvorna in Galizien, von Sadagora in der Bukowina. Der^ Rabbi von Sadagora ist der einflußreichste und berühmteste der heiligen Treizahl, daher auch der reichste. Er siainmt aus der Familie des Rabbi uou Belz. Der Urgroßvater des „jetzt regierenden Herrn" wunderte nach Sadagora ein und begründete da sein Reich. Er baute ein stattliches Haus, bildete feinen Hosuaat aus gelehrten Rabbinern und begann feine Regierung. Diese bestand und besteht noch heute für seine Nachkommen in zwei Geschäften, von denen das eine sehr leicht, das andere anscheinend sehr schwer ist: im Geldeininhmen und Wunderthnn. Aber Rabbi Jossele, so hieß der Mann, muckte sich auch das letztere sehr leicht. Er sandte seinen Segen überall hin, wo mau ihn für einen schwer Erkrankten in Anspruch nahm, und segnete auch jeder ntann ohne Ausnahme, der sich in mißlicher Lage an ihn wandte. Genas nun der Kranke oder ging die Sache des Gesegneten sonst günstig, so hatte natürlich der Segen des Rabbi Wunder gethan; starb jedoch der Kranke und ging die Sache schief, so war es Gottes Wille so gewesen, und gegen den konnte freilich auch der Rabbi nichts. Tie Tare für solchen Segen war bei Rabbi Jossele, da die Firma noch neu war, eine sehr geringe, sie betrug einen Silberrubel. (Mehrbeträge wurden natürlich dankbarst aeeeptiert.) Der Absatz war groß, das Geschäft florierte; als der Rabbi starb, hiitterließ er feinem Sohne ein bedeutendes Vermögen. Der setzte das Geschäft gemeinschaftlich mit feinem Bruder fort. Immer mehr Juden siedelten sich in Sadagora an, das Haus wurde immer stattlicher. Weit aus Rußland daher kamen die Ehaßidim, ebenso aus Galizien und der Moldau, denn der Usus bürgerte sich ein, die Feiertage bei dem Rabbi zu verbringen. Mußte doch ein Gebet, das mail in jenen heiligen Tagen in seiner Nähe verrichtete, den meisten Anspruch aus Berücksichtigung vor Gottes Throne haben! Aber der massenhafte Ausfluß russischen Geldes nach Oesterreich inachte die Regierung des Zaren aufmerksam und unruhig. All' der Reichtum, den man sonst im Lande verzehrt, wurde nun .nach außen getragen. Dann ließ und läßt ja ferner auch bekanntlich Rußland seine Unterthanen nicht gern nach dem Auslande gehen. Run wußte aber der General-Gouverneur von Podolien, der seine Leute kannte, sehr wohl, daß das Verbot, die Rubel nicht mehr nach Sadagora zu tragen, um den Segen des Rabbi zu erlangen, nichts fruchten würde. Er sandte daher einen angesehenen russischen Rabbi „in vertraulicher Mission" nach Sadagora um den Wunderrabbi zu bewegen, nach Rußland zurückzukehren, und seine Wunder künftighin in seinem Vaterlande zu verrichten. Aber der Rabbi befürchtete entweder eine Verringerung des Kredits der Firma bei einer Veränderung des GefchäftSortes, oder er dachte daran, daß die russische Regierung sich in Zeiten der N'ot aus bedrohliche Weise seiner Kassette nähern könnte, kurz, erschlug die höfliche Einladung rund ab. Rußland aber ist bekanntlich sehr konservativ und hartnäckig in der Verfolgung seiner Pläne; eS forderte nun von der österreichischen Regierung die Auslieferung des Rabbi als russischen Unterthan. Nun war die 'Not groß in Israel. Denn der Rabbi sowohl wie sein Vater hatten im Drange ihrer irdischen und himmlischen Geschäfte vergessen, das österreichische Bürgerrecht zu erwerben und der Rabbi war noch dazu in Belz (Russisch-Polen) geboren! Aber man hals sich — durch Geld. Zehn Bauern, Insassen von Sadagora, leisteten den Eid daraus, daß nicht nur der Rabbi iu Sadagora geboren, daß auch seine Familie seit jeher im Lande seßhaft gewesen sei. Die Heimsuchung war vorüber, und das Wunderverrichten begann von neuem. Und der Ruf des Rabbi wuchs; auf Hunderte von Meilen hin wurde fein Segen, sein Richterspruch verlangt, immer größere Blassen wallsahrteten nach Sadagora. Als der Rabbi starb, konnte er seinem Sohne, dem neuen Rabbi, ein Vermögen hinterlassen, das ihn zum reichsten Manne jener östlichen Gegenden machte, und das will viel sagen, bei dem sprichwörtlich gewordenen Reichtum der rumänischen und russischen Bojaren. Und der Rabbi nutzte auch seinen Reichtum. Ein prachtvolles Haus war in Sadagora erbaut, Güter angetanst,^ aller Komfort des vor

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