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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-04 · 40 (4.10.1895) · p. Seite 640

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 640 (sequence 8)
Language
German
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Seite 640. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 40. PMdoiwsW's RkchkiWslslitticht. Li'. LI. Petersburg, Mitte September. Alljährlich überreicht GeheimratKonstantin Petrowitsch Pobedonoszew, der allmächtige Oberprokuror des Heiligen Synod, dem Zar einen Rechenschaftsbericht, in welchem er die Lage der orthodoxen Kirche sowie jene anderer Konfessionen in: Zarenreiche eingehend schildert. Das charakteristische Merkmal dieser Rechenschaftsberichte jedoch ist, daß Pobedonoszew nicht so sehr die religiöse wie die sozialpolitische Seite jeder nicht orthodoxen Konfession im Reiche hervorkehrt, nnr aus diese Weise den Zar ans den Einfluß dieser Konfessionen auf die rechtgläubigen Orthodoxen aufmerksam zu machen. Es ist somit selbstverständlich, daß die Rechenschaftsberichte in erster Reihe die Politik der Regierung gegenüber den Anhängern der nichtorthodoxen Konfessionen im Reiche in erheblicher Weise beeinflussen. Und thatsächlich war und ist die Verfolgung der Andersgläubigen in Rußland, der wir seit einem Jahrzehnt zusehen, ein Produkt der Pobedonoszew'schen Rechenschaftsberichte. Aber keine nichtorthodoxe Konfession in Rußland hat Geheimrat Pobedonoszew in diesen Schriftstücken so staatsgesährlich und gemeinschädlich hinzustellen gesucht, wie die jüdische. Ein jeder seiner Rechenschaftsberichte, welche dem verstorbenen Zar Alexander III. unterbreitet wurden, zog neue Beschränkungen und Ausnahmsgesetze gegen die Juden nach sich. Tie Ausweisung der Juden aus den Dörfern war nnr die Folge eines Rechenschaftsberichtes, in welchem der allgewaltige Oberprokuror des Heiligen Synod den Aufenthalt der Juden in den Dörfern als für die bäuerliche Bevölkerung demoralisierend bezeichnete. Ebenso ist die Nichtzulassung von Jüdinnen zum Studium der Medizin in dem neuen medizinischen Institute für Frauen aus die Einflüsse Pobedonoszew's zurückzuführen. Aber noch niemals hat Geheimrat Pobedonoszew die russischen Unterthanen mosaischer Konfession vor dem Zarenthrone so anzuschwärzen gesucht, wie in seinem jüngsten Rechenschaftsberichte, dem ersten, welcher dem Kaiser Nikolaus II. unterbreitet worden ist. Blinder Haß spricht aus jeder Zeile des Berichtes, sofern er die Jaden betrifft, und man gewinnt daraus die Ueberzeugung, daß Pobedonoszew diesmal alle Mittel in Bewegung setzen will, um den neuen unerfahrenen Herrscher Rußlands gegen feine jüdischen Unterthanen einzunebmen. Wir werden später sehen, ob die von Pobedonoszew gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen aus Wahrheit beruhen, aber für den Zaren sind die Worte seines ersten Ratgebers maß- und ausschlaggebend, und deshalb hat der diesjährige Rechenschaftsbericht des bigotten Pobedonoszew unter den Inden in Rußland die größte Bestürzung hervorgerufen. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn sogar an allerhöchster Stelle die Absicht vorhanden wäre, die Verfolgung der Juden einigermaßen zu mildern, diese Absicht durch den Rechenschaftsbericht durchkreuzt werden würde. In dein Berichte, welchen der „Zerkownyi Wjestnik", das Organ des Heiligen Synod und des russischen Klerus, publiziert, lesen wir folgendes: „Der schädliche Einfluß der Juden tritt am deutlichsten zu Tage in Bezug aus die Religiosität jener rechtgläubigen Russen, welche bei den Juden im Dienste stehen. Minderjährige, die bei Inden einige Jahre im Dienste standen, vergessen ihre rechtgläubige Religion völlig. Aber auch bei Erwachsenen iverden die religiösen Ueberzengungen durch den Einfluß der Juden erschüttert. An Samstagen und Sonntagen find die im Dienste bei Juden stehenden Orthodoxen der Möglichkeit beraubt, die Kirche zu besuchen: an Samstageir nicht, weitste im Handel und in den Branntweinbudcn die Juden ersetzen müssen, welche ihre Feiertage streng halten; an Sonntagen nicht, weil die Juden an diesen Tagen, die gewöhnlich Markttage sind, aus die Hilfe ihrer Dienstboten besonders angewiesen sind, und ist es den orthodoxen Bediensteten streng verboten, an Sonn- und Feiertagen zur Messe zu gehen, unter Androhung von Strafen oder Stellenverlust. Aus diese Weise hören die Orthodoxen die in ein jüdisches Haus geraten sind, aus, die Gotteshäuser zu besuchen, entwöhnen sich vom Anblick der Heiligenbilder und vernachlässigen . ihre Feiertage und alle kirchl'chen Gebräuche. Bei der Beichte der bei Juden im Dienste stehenden Rechtgläubigen vernehmen die Geistlichen mit Entsetzen die wütenden Lästerungen, welche die Juden gegen das Ehriftentum, den Erlöser und gegen die Gottesmutter ansstoßen, und welche durch diese Dienstboten sich unter das. Volk verbreiten können. Die in jüdischen Fabriken arbeiten, den Ehristen werden von den Juden durch verschiedene Mittel demoralisiert; unter anderen! werden sie gezwungen, an Feiertagen zu arbeiten. Die Inden haben die Fabriken und Etablissements mit einem Ring von Branntweinbuden und Wirtshäusern umgeben und locken dahin die Fabriksarbeiter, welche sich dort einem ausschweifenden Leben hingeben, ihr Geld und ihre Gesundheit verlieren. Sie verlassen die jüdischen Fabriken als moralische und physische Krüppel, die zu nichts mehr fähig sind." Woher Pobedonoszew diese seine Angaben geschöpft, darüber schweigt der Bericht. Aber wir sind in der Lage, den Beweis zu erbringen, daß der Oberprokuror des Heiligen Synod es mit der Wahrheit nicht sonderlich ernst nahm, als er dem Zar Nicolaus II. seine Denunziation über die Juden im Reiche unterbreitete. Abgesehen davon, daß der Bericht selbst innere Widersprüche ausweist (wie z. B. die Tatsache, daß Pobedonoszew im ersten Teile seines Berichtes darüber Klage führt, daß die bei Juden bedienstcten Orthodoxen die Kirche nicht besuchen können, und wenige Zeilen weiter von den ■ Blasphemien der Juden gegen das Ehriftentum erzählt, welche die bei Juden bedienfteten Orthodoxen bei der Beichte dem Geistlichen zu erzählen wissen) ist es in Rußland jedermann bekannt, daß die jüdischen Fabriken am Samstag um fünf Uhr Abends gesperrt iverden, um erst Montag Früh wieder geöffnet zu werden. Wenn die Arbeiter also die Kirche an Sonntagen nicht besuchen, so ist es gewiß nicht infolge des jüdischen Einflusses. Wer die jüdischen Fabriken zu Moskau einmal besucht, der wird unsere Angabe bestätigen können, daß in jedem Arbeitsraume einer jeden Fabrik .Heiligenbilder vorhanden sind, um den orthodoxen Arbeiten! die Möglichkeit zu geben, das Frühsonne das Vor- und 'Nachtischgebet zu verrichten. In der Moskauer Stahlgießereifabrik des Juden Malkiel besteht eine Schule, in welcher die minderjährigen Kinder der orthodoxen Arbeiter Religionsunterricht genießen. Aber bei Pobedonoszew handelte es sich nicht um die Wahr heit; er wollte um jeden Preis die Juden anschwärzen, und dies dürfte ihm auch gelungen sein. Die unhaltbare Lage der Juden in Rußland wird durch derlei phantastische Berichte eben noch unhaltbarer gemacht. Jlnblri 11011 ZudWni. Wenn man im Frühling, kurz vor dem Eintritt des Paffahfestes, oder im Herbste vorZ dein Verföhnungstage eine

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