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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-04 · 40 (4.10.1895) · p. Seite 639

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 639 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 639 .Konsorten in puncto der Juden ebenso eine ungeheure Enttäufdnüu] erleben werden, ivie bezüglich aller übrigen glänzenden Versprechungen, mit welchen diese Herren den „dummen Merl von Wien" geködert haben. Gewiß, an kleinen Quälereien und Demütigungen wird es nicht fehlen. Aber selbst diese können wesentlich eingeschränkt werden, wenn unsere GstnlbeuSgenosseu klug ilnd vorsichtig sind und die Angriffspunkte so viel als möglich vermindern. Bis jetzt schon waren viele der antiseniitischen Drohungen leere Spiegelfechterei. Was sollte es zum Beispiel heißen, ivenn einer ihrer Führer in einer Wählerversammlung ansries, man werde vor allem sämtliche jüdische Beamte ano der städtischen Verwaltung hinanswerfen! Seit Jahren wurde kein Jude mehr in städtischen Diensten angestellt und die wenigen jüdischen Konzipisten, die noch von früher der vorhanden waren, wurden von dem liberalen Stadtrat so gründlich präteriert, daß selbst Herr Lueger die Sache nicht besser machen könnte. Und nach eines und vielleicht das Wichtigste! Die Gutsituierten, die Neichen nub Bemittelten werden die Wirkungen des antisemitischen Stadtregiments weniger zu spüren haben, aber der kleine jüdische Geschäftsmann und Gewerbetreibende kann in seiner Existenz durch Steuerplackereien der antisemitischen Bezirksausschüsse, durch Abfall christlicher Kunden x. zu leiden haben. Diesen kleinen Leuten Stütze und Hilfe zu bieten, ist die heilige Pflicht unserer wohlhabenden Glaubensgenossen! Alle Mittel der Wohlthätigkeit, über welche wir verfügen, müssen sofort für interne jüdische Zwecke mobil gemacht und konzentriert werden. Unverzüglich muß an die Schaffung eines großen Hilfsfonds zur Unterstützung notleidender jüdischer Geschäftsleute und Gewerbetreibender geschritten werden. Ueben nur in unserer Mitte jene Brüderlichkeit, welche unsere Feinde draußen verleugnen. Die kleinen, mühselig nur ihr Dasein ringenden Juden, das sind die vorgeschobenen Posten in diesem Kampfe. — Für sie muß gesorgt, und zwar ausreichend gesorgt werden, sie müssen einen festen Rückhalt finden in den Großen und Neichen! Aus denn, organisieren wir uns! Mau wird vielleicht an Juden keine Heimatsberechtigung verleihen. Aber erstens wird es kaum noch einen unserer Glaubensgenossen nach der Ehre und dem Vorteil gelüsten, unter solchen Umständen die Zuständigkeit in Wien zu erwerben, und zweitens enthält das neue Heimatsgesetz so feste und unumstößliche Bestimmungen für die Erwerbung der Heimatsberechtiguug, daß an denselben Herr Lueger und seine Getreuen nichts zu ändern vermögen. Bleibt noch die Schule. Die Juden haben bisher mit der liberalen Partei getreu den interkonfessionellen Charakter der Volksschule verteidigt, nicht weil sie damit ein jüdisches Interesse vertraten, sondern weil die Jnterkonsessionalität eine Axiom des Liberalismus war. Der Gemeinderat hat auf die Schulversassung gar keinen, auf die Schulverwaltung nur einen sehr beschränkten Einfluß. Aber vom rein jüdischen Standpunkte hat die Aussicht aus die konfessionelle Schule für uns gar nichts Schreckhaftes. Was auf diesem Gebiete durch eine antisemitische Stadtverwaltung verdorben werden kann, trifft nicht das Judentum als solches, sondern den Staat, und wir glauben, dag dieser wohl nötige Vorsorge treffen wird, damit hier die antisemitischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der neue Zustand der Dinge bietet sonnt keine Veranlassung, daß unsere Glaubensgenossen verzagen. Wenn sie die Selbstüberwindung besitzen, sich so viel als möglich auf sich selbst zurückzuziehen und nicht durch mutivilliges, ostensibles Auftreten den Haß zu verschärfen, wird der Sturnr machtlos an ihnen vorüberbrausen. Warten wir ruhig die weitere Entwicklung ab, exponieren wir uns nicht für diese oder jene politische Richtung, sondern bleiben wir kühle und nüchterne Beobachter des sozialen Kampfes, der sich vor unseren Augen abspielt, und sparen wir unsere Kraft für die Zukunft. 0. AV\ „liep! bep!" so heitzt die Losung, — Sic rnfen's fraitf und frei — Und „Nieder mtt den Huden!" So tönt das Heldgeschrei. Und weil just ein bangerer Mit seinem Häckchen naht, Entschließt sich rasch ein Recke Zu stolzer Heide,ithat! Er ballt die Haust zum Schlage Und streckt mit wucht'gcr band Den achtzigjähr'gen Alten bin an den Straßenrand. Hiel auch der Schlag zu kräftig, Mer fragt da viel darnach? — Es war ja nur ein Hude, Dem dort das Auge brach. Hagt mir des Volkes Menge Nicht von dein blutigen Hleck, Tragt mir den armen Alten Nicht allzurasch hinweg! Laßt den Erschlagenen liegeit, Daß er gewürdigt sei Als echter Befähigungsnachweis Der v o l k s b e g l n ck n n g s p a r t c i! Julius Hrennd. Das war in Mien ein Hubel — IVie könnt s auch anders sein? Es stoß der Schnaps in Strömen, Hn Strömen stoß der Mein! Man leerte immer wieder Die Gläser bis zum Rest, Man feierte allerorten Ein lauten Siegesfest. Mas man in stillen Träumen Gehofft seit langer Zeit, Das ward noch übertroffen von schönster Mirklichkeit. __ Rie hatte man sich früher So in, Erfolg gesonnt, Das Volk war noch viel d ü in m e r Als je inan glauben könnt! Rein Blitzstrahl der Erkenntnis bat seinen Sinn erhellt. Ls ging in alle Hallen, Die man ihm aufgestellt. Mas ist es, das die Menge So wundervoll ergötzt? lvas ist es, das in Taninel Die ganze Stadt versetzt? (Volks-Ztg.> Mie heißt die Hrendenknnde, Die durch die Straßen fliegt? „Die Antisemiten haben Hn all eil R reisen gesiegt!" Und rings in vollen Schänken Legt stolz der Hührer Schar Den weinesheitzen Hörern Ein Bild der Zukunft dar: „Run kommt die Zeit der Blüte, Run weicht der alte Bann, Rcnii brechen für euch alle Die „gold'nsn Tage" an! bört, was mit klugen Morten Der Volksbeglücker spricht: Die Leiden, die euch quälen, Uilheilbar sind sie nicht! Dafür, daß es znr beilung Die besten Mittel kennt, Bringt den Refähigungsn ach w eis Das „neue Reginrent!" Die Kneipen sind geschlossen, Das edle Heft ist aus, Hni Siegestanmel trollen Die Mäkler sich nach bans.

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