Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 638 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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,1 Seite 638. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 40. herzig sein wollen, selbst der dankbaren Ausgabe unterziehen und mit offenem Blick Umschau halten, wo es Not thut, und dann nach den gemachten Erfahrungen die Schenkungsbestimmungen und die Bedingungen für die Verteilung der Zinsen präzisieren, deine dann erst haben sie eine wirkliche Wohlthal vollbracht. Daß die Bestimmungen genau erfüllt werden, ist strengstens zu überwachen, besonders aber, daß der Termin und die Bedingungen für die Verteilung der Zinsen rechtzeitig vorher in geeigneter Weise publiziert werde, damit qualifizierte Bewerber sich melden können. Leider wird nach gedachter Richtung hin viel und schwer gesündigt. Wie ich schon in mctnm vorigen Artikel sagte, befinden sich die Ehrenämter der hiesigen jüdischen Gemeindeverwaltung leider nur in den Händen der Obersten der oberen Zehntausend und noch schlimmer ist, daß ein und dieselbe Person neben großen eigenen Berussgeschäften oft 4 bis 5 solcher Aemter verwaltet. Dies ist der wunde Punkt und hier muß der Hebel angesetzt werden. Die jüdische Gemeinde von Berlin hat soviel uneigennützige, selbstlose Mitglieder, denen es an der nötigen Einsicht und Zeit nicht mangelt und die sich gern in den Dienst der Allgemeinheit stellen würden, daß man es nicht nötig hat, einer kleinen Schar von Männern die Ehrenäniter als Domänen zu überlassen. Leider sind Eitelkeit und Ehrgeiz oft die einzigen Triebfedern für die Uebernahme eines Amtes. Kommt hinzu, wie es der Fall, noch eine unnötige Ueberlastung des Einzelnen, dann kann von einer gedeihlichen Entwicklung speziell der Armenpflege keine Rede sein. Hier Remedur zu schaffen, ist ein verdienstliches Werk. So wertvoll auch ein Meinungsaustausch ist, so ist es doch mit einer rein akademischen Behandlung der Frage nicht gut abgethan.. Solange der Gemeindevorstand aus diese Anzapfungen nicht reagiert und seine Vogel-Strauß-Politik nicht ausgiebt, wird es nicht anders werden. Wird aber in der angedeuteten Richtung einmal gründlich Wandel geschaffen, dann wird nicht allein die Zentralstelle, sondern auch noch anderer Ballast überflüssig sein! Y. Zu de» (ikHifiiiiimitöuiiilili'it in Wik». Wien unter der Herrschaft der Antisemiten! llnter dieser Parole haben die jüngsten Gemeinderatswahlen stattgesunden und haben sie ihr Ende erreicht. Lueger— König der österreichischen Hauptstadt! Es ist sehr begreiflich, daß die Juden sich von diesem Resultat wenig Gutes versprechen. Roch bevor diese Wahlen begonnen haben, wurden sie von dem mehr oder weniger ungewaschenen Pöbel ans offener Straße insultiert, beleidigt und angegriffen. Aber trotzdem dürfen wir sagen, daß sie in ihrer Furcht vor den kommenden Zuständen zu weit gehen. Wir sagen dies nicht, indem wir es willkürlich annehmeu, sondern stützen diese Ueberzeugung ans ganz bestimmte Thatsachen. Der neue Gemeinderat denkt z. B. nicht daran, von den Juden keine Steuern einzuziehen, weil seine Mitglieder in ihren Reden so oft behauptet haben, das Geld sei von den Juden aus unredliche Weise erworben und dürfe daher nicht in den Stadtsäckel gethan werden. E? ist auch nicht^richtig, daß es den Juden untersagt werden soll, sich an den Werken der öffentlichen Wühlthätigkeit zu beteiligen. Im Gegenteil wird es ihnen gestattet sein, jede, auch die größte Summe zu denselben beizusteuern. Finden wohlthätige Veranstaltungen im Theater statt, so soll es sogar keiner Theaterkasse gestattet sein, einem Juden einen teuren Platz, wenn er solchen fordert und bezahlen will, vorzuenthalten. Auch die antisemitischesten Zeitungen werden nach wie vor Inserate von Juden annehmen und sie genau so gern wie die von Andersgläubigen gegen Zahlung des Jnsertionspreiscs veröffentlichen. Wir betonen dies ausdrücklich, um auch nach der merkantilen Seite hin die aufgeregten Gemüter beruhigen zu Helsen. Hierhin gehört auch die Versicherung, daß die Chefs der Warenmagazine, welche Antisemiten sind, beschlossen haben, an Juden, welche einen Einkauf machen wollen, auch unter dem Scepter Luegers das Gewünschte auszuliefern. Sind die Käufer reich, so wird ihnen auch wie bisher Kredit gewährt. Aus bester Quelle können wir sogar versichern, daß der Jude, welcher sich ein Hans bauen lassen will, zu diesem Zwecke ein Grundstück wird kaufen, einen Baumeister finden und die nötigen Baumaterialien anschaffen können. Tie Händler und Meister, welche durch den Bau ihre Geschäfte machen, haben ausdrücklich erklärt, daß sie sich darin nicht stören lassen, sondern nach wie vor Lieferungen und Aufträge aller Art auch für zahlungsfähige Juden ausführen werden. Alan ersieht hieraus, daß man doch allzu ängstlich ist. Hoffentlich trägt dieser Brief dazu bei, beruhigend zu wirken, jedenfalls aber die Versicherung zu verbreiten, daß die Antisemiten, wie aus Obigem hervorgeht, durchaus nicht ßo schwarz sind, wie sie gemalt werden. Doch im Ernst gesprochen: Die antisemitische Herrschaft in der Wiener Ratsstube ist zur greifbaren Wirklichkeit geworden und binnen wenigen Wochen schon wird Dr. Karl Lueger den Platz des Bürgermeisters der Reichshauptstadt einnehmen. Der Wille der christlichen Bevölkerung hat sich so ausdrücklich nmnisestiert, daß es der Negierung an Vorwänden nicht fehlt, von ihrer bisherigen Verhaltungslinie nicht abzuweichen. Sie wird den Gemeinderat nicht auflöfen, sondern vielmehr regieren lassen. Wir zweifeln nicht daran, daß auch Herr Lueger bestätigt werden wird, und es ist auch herzlich gleichgiltig, ob er selbst auch in aller Form die Würde des Stadtoberhauptes bekleidet oder ob eine Marionette vorangestellt wird, welche ja wieder nur Herr Dr. Lueger dirigieren würde. Und nun, nachdem an der Sache nichts weiter zu ändern ist, erhebt sich die Frage: „Was geschieht mit uns Juden?" Während der Wahlkampagne sind gegen uns die fürchterlich sten Drohungen ausgestoßen worden, und das Mindeste, was man uns in Aussicht stellte, war das Lebendiggebratenwerden. Werden die Herren Antisemiten ihre Drohungen nunmehr, da sie die Ri acht in Händen haben, zur Wahrheit machenk Wird etwa ans dem Platze vor dem Rathause, dicht unter dein Fenster des neuen Bürgermeisters, Tag und Nacht ein Scheiterhaufen lodern mit lebendigen jüdischen Fackeln? — Oder wird Here Lueger eine neue Stadtguardia organisieren, welcher die Ausgabe zugewiesen wird, Nacht für Nacht ein Paar Judenfamilien auszuheben, ihr Eigentum zu konfiszieren und unter das christliche Volk zu verteilen? Mir einem Worte: Wird es jetzt wirklich den Inden an Leib und c^eele, an Hab' und Gut gehen? Lächerlich! Kein ernster und vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß die ehrsamen Wähler der Herren Lueger und $!! fi - Ü | i. jj i