Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 637. einmal ein '-hnnl der Anerkennung für den größten Reform rabbiner hatten, heimgelenchtet. Wie kommen Sie, ein Rabbiner, dazu Ihre Artikel dem Platte eines ehemaligen Kantors anznvertranen Ein Kantor gebärt vor den Omed; Zeitnngsschreiben ziemt nur einem Buchdrucker, damit sich erfülle das Wort: Alles, was nicht fingen und nicht (vor-)beten kann, giebt jüdische Zeitliilgeil beraus. Es bat ein neues Jahr begonnen; gehen Sie in sich (iüht nicht von uns); bessern Sie sich und — andere. P a r Ri in an. Letztes >»'" >mi> rontr». Zttr Konzentrier,,,tgsfrage. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Zuschrift in Ihrer vorletzten Rr. über die.Konzentrierung der Wohlthätigkeit soll nach Ihrer Absicht die Diskussion schließen. Das ist zu bedauern, denn meiner Meinung nach sollten die jüdischen Plätter gerade für solche Fragen ihre Spalten zur Verfügung stellen*). Und abgesehen von uieinem Standpunkt und dem des Herrn Gegners halte ich es überhaupt für erfreulich, wenn in Rede und Gegenrede für eine solche Frage sich so lebendiges Interesse zeigt. Sie geben allerdings den Trost, daß die Frage in anderer Form wieder ausgenommen werden kann. Alt diese Möglichkeit möchte ich anknüpfen. Augenscheinlich müßte die zentralisierte bnreankratifche Wohlthätigkeit um so ungünstiger gegen deit jetzigen Zustand abstechen, je mehr dieser zu loben ist. Die Frage kamt iticht dahin gestellt iverden, ob die Konzentrierung der Wohlthätigkeit mt sich gut und ideal ist, sondern wie sie sich zu den bisherigen Zuständen verhält. Run ist es ja nicht leicht, über die zur Zeit geübte Privatwohlthätigkeit ein Bild zu gewinnen, wohl aber gestatten die Berichte der verschiedenen Vereine ein Urteil darüber, ob int allgemeinen mit dem Herzen gegeben wird, oder, was hiermit gleichbedeutend ist, mit dem Verstand. Ist in den Gaben u'td Beiträgen am Vereine Planmäßigkeit, Verstand und stiebe zur Sache erkennbar, so könnte es zweifelhaft sein, ob inan eine so erfreuliche Initiative durch eine bnreaukratische Organisation schädigen dürste. Zeigen diese Beiträge aber häufig gedankenlose Routine, so iväre eine organisierte Routine schließlich noch vorzuziehen. Ich schlage daher vor, die Diskussion vorerst aus die Frage zuzuspitzen, inwiefern die Beiträge an wohlthätige Vereine aus Verständnis oder Routine Hinweisen. Es ist das ein umfassendes Thema, ans dem ich nur eine Frage herausgreise und meinem Herrn Gegner unterbreite: Ist es richtig, eine wohlthätige Stiftung, wie eine Aktiengesellschaft derart zu verwalten, daß möglichst große eiserne Fonds angesammelt werden? Oder ist nicht vielmehr möglichst viel Geld in der Weise zinsbar anznlegen, daß es für die Bedürftigen verwendet wird':' Die Antwort ist klar, es muß möglichst viel Geld verwendet _ werden. Was geschieht in Wirklichkeit? ■ Es wird möglichst viel thesnnriert. Wenn die Altersversorgung bei- *) Lehr gerne, aber jede Zcituiigspolemik muß ein Ende haben- Wir haben darin,, diele Zuschrift gleich mit einer Erwiderung versehen laßen, un, den Schluß der Debatte herbeizusiihren. Red. spielsweise — abgesehen von ihren Gebäuden ■— zwei Millionen Mark eisernen Fonds besitzt, jährlich etwa hunderttausend Mark für diesen aufkommen, während anderweit Huitderte halb verhungern und Mühe haben, ein Obdach zu finden, so ist das augenscheinlich ein Mißverhältnis. — Und auch das halte ich zum Beispiel für ein Mißverhältnis, daß Vereine, wie die zur Unterstützung und Ausbildung von Handwerkern, dem Pauperismus Vorbeugen, vernachlässigt werden und ein kümmerliches Dasein führen. Auch hier bewahrheitet sich der Satz: „Wer hat, dem wird gegeben." Institute die reich sind bekommen viel, solche die wenig haben nur wenig. Da sonach aus der öffentlichen Wohlthätigkeit zu erkennen ist, daß nur in verschwindendem Maße ans einer verständigen Prüfung der vorhandenen Bedürfnisse, großen Teils aber planlos gegeben wird, ist anzunehmen, daß gleiches in der privaten Wohlthätigkeit der Fall ist. — Die Frage der Zentralisierung würde daher schlimmsten Falles nicht lauten: Routine oder Verstands sondern: Private Routine oder bnreaukratische^ Ich halte es aber für leichter, die Routine in einem Zentralinstitut zu bekämpfen, als einzeln in einigen tausend Mitgliedern der Gemeinde. Haben wir zu dieser Vorfrage Stellung genommen, so können wir von neuem an die Diskussion der nunmehr enger begrenzten Hauptfrage Herangehen. X. Verehrter Herr Redakteur! Durch die vorstehende Zuschrift ist die Diskussion über das Thema: „Konzentrierung der Wohlthätigkeit in Berlin" wieder eröffnet und ich darf nur daher in der Frage wohl ebenfalls das Wort erlauben. Aus dein vorstehenden Artikel meines Herrn Gegners, wie er sich zu nenneil beliebt, obgleich er es im Grunde genommen gar nicht zu sein scheint, geht hervor, daß auch er merkt, daß „etwas saut im Staate Dänemark" ist, jedoch würde es zu weit von der ursprünglich zur Diskussion stehenden Frage absühren, wollte ich nlich aus das meinenl Herrn Gegner betretene Gebiet begeben. Ich kann mich zu der Anschauung, daß mit dem Herzen und mit dem Verstände geben, so weit es sich um „jüdische" Ariilenpslege — und speziell mit dieser haben wir es hier ja zu thun — handelt, nicht bekenneil. Durch meinen früheren Artikel wollte ich nichts weiter bezwecken als: 1. gegen die ilillner mehr um sich greifende nicht jüdische Art des Gebens mtb 2. gegen die Bloßstellung der „verschämten" Arinen, welche, wie ich wohl bewiesen habe, durch die neue Zentralstelle nur gefördert werden, den lebhaftesten Protest zugleich im Rainen aller Gteichgesinnten Anlegen. Ich bin, gleich meinem Herrn Gegner, dagegen, daß die Wohlthätigkeits- Inftitute unnötig große Snmmen nnsainmeln, anstatt sie ihrem eigentlichen Zwecke — Unterstützung Bedürftiger — nutzbar zu machen. Der Grund für diesen Uebelstand ist aber an anderer Stelle zu suchen. Tie Geschenkgeber, namentlich diejenigen, die größere Zuwendungen an WohlthätigkeitSanstalten machen beziehungsweise zu macheil die Absicht haben, sollten sich entgegen der gegenwärtigen Praris vorher darüber vergewissern, in welcher Weise sie durch ihre Schenkung den Bedürftigen am besten dienen können. Sie sollten sich, wenn sie wirklich groß-