Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 636. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 40. gefällt es auch nicht, deshalb übe ich mich auch seit Jahren, um es zu verbessern. Da mir dies, wie Ew. Ehrwürden behaupten, bis heute noch nicht gelungen ist, so werde ich meine Uebnngen sortsetzen, und auch weiter schriftlich und deutschoffen kämpfen gegen alle diejenigen, welche gleich Simri handeln und den Lohn des Pinehas heischen — werde ich so lange schreiben, bis ich eine bessere Zensur, wenn auch nicht von Herrn X., erhalte. Was die Verwechselung von Hannibal und Eatilina betrisst, die Sie mir vorwerfen, darüber hat Sie der „ehemalige Kantor" bereits gründlich belehrt, und ich will seiner Erklärung noch hinznsügen, daß Sie den Satz, genau so wie von mir angeführt in Thiers: Geschichte der französischen Revolution Teil I. am Ende des dritten Kapitels finden. Wäre ich rachsüchtig oder auch nur schadenfroh, ich könnte Ihnen sagen, daß Sie von der französischen Litteratur so wenig verstehen, wie ich das Deutsche — aber ich will Ihnen keine Komplimente machen. Schließlich warum verhüllt Herr X. sein Antlitz? Entweder ist er so eingebildet, sich für so schön zu halten, daß sein Angesicht ebenso strahle, wie das von Mose, oder —- er muß sehr »tieft sein. Nach seinen — pardon — „geistigen" Kindern zu urteilen, nehme ich an, daß er sehr irtieß ist, und noch jung, sehr jung, sonst würde er Albernheit nicht für eine Widerlegung halten, sonst würde er nicht nötig haben halbe Artikel abzuschreiben, um einen „wortlosen" zusammenzuleimen. Schämt Euch, Ihr sechs Herren, einen solchen (rrPaO ungeschickten Verteidiger Eurer haltlosen Sache ansgewählt zu haben! Alan muß sich ja genieren, mit diesem in einen Streit sich einzulassen. Der bekehrt ntich sicherlich nicht, im Gegenteil, so lange es noch Leute in öffentlicher Stellung giebt, welche soviel Spreu produeieren, solange muß es auch litterarische „Straßenkehrer" geben. Ich bin auch ein solcher, und da Jom Kippur vorbei ist, so bleibe ich, mangels besserer Entgegnungen, weiter verstockt, unb nehme nicht ein Wort von meinem Artikel aus Nr. 37 des „Jeschurun" zurück. „Hier steh' ich au Deiner Schauerbrücke furchtbare Ewigkeit, empfange Deinen Vollmachtsbrief zum Glücke, ich bring' ihn Unerbrochen Dir znrücke!"- * * * öiiß-Kries tut Rabbiner De. Singer' " " .. Sie haben in einem Artikel: „Gewissenhaft oder taktlos?" sich über die Handlungsweise der sechs schlesischen Rabbiner bei der Beerdigung des sel. Dr. Wiener scharf tadelnd ausgesprochen, und man hat Sie nach Gebühr mit der wortlose n Verachtung eines drittehalb Spalten langen Artikels gestraft. Mögen Sie zunächst über diese contradictio in adjecto sich das — Lachen verbeißen! — Was aber, verehrter Herr Doktor, haben Sie sich um diese schlesischen Gedaulim zu kümmern, die sich, wie der anonyme Wortführer sagt: über ein „heiteres Erlebnis in ernster Zeit" köstlich amüsieren! Gattz recht ist Ihnen geschehen, denn zu einer Entrüstung hatten Sie, hatte fein Mensch Veranlassung. Giebt es denn etwas Bescheideneres, als diese sechs schlesischen Rabbiners Nicht einmal unser Lehrer Mose, von dein es doch heißt, er sei sehr bescheiden gewesen, war so bescheiden, denn an unzähligen Stellen heißt es: .-12-2 -iss1*, „und Mose s p r a ch "; diese aber bekennen selbst freimütig, „ihre Reden hätten nur die Feier verzögert." Offenbar konnten sie nicht erwarten, bis die Erde den sel. Wiener bedeckte, denn welche Feier hätten sie sonst gemeint. Das war doch ein schönes, erhabenes Wort, eine der lieblichsten Blumen ans dem Thal der Rednerblüten, das Bekenntnis im Jsmaelit: durch die Grabreden wurde die Beerdigung verzögert. Das Wort läßt uns eine Perspektive sehen, die ein ganz neues Bild uns aufrollt. Nach dieser Nutzanwendung werden die schlesischen Rabbiner keine Traurede mehr halten, denn die Feier könnte verzögert werder. Reichstag, verschließe vor dieser Weisheit deine Pforten, schicke nach diesem Rezept deine Boten nach Hause, denn durch die Reden könnte die Gesetzgebuitg verzögert werden. Eingeladen mußten die Aintsgenossen zu der Beerdigung eines hervorragenden Rabbiners werden. Welche Angst der Vorstand in Oppeln dabei entpfand, können wir erst ans den Worten Ihres Gegners ermessen. Die Möglichkeit lag doch vor, daß von den sechs Rabbinern Einer reden würde. Sie beschlossen zu schweigeir uird — nun kommt es, passen Sie gut ans: „hocherfreut über diese Weigerung sandte der Vorstand gar ein Mitglied zur Begrüßung der Rabbiner"! Und Sie tadeln diese Herren! Giebt es denn eine rührendere Selbsterkenntnis als dieses Bekenntnis?! Was haben Sie denn geglaubt und erwartet, daß die Herren reden sollten? Ihr Gegner, der Ihnen und sich den Standpunkt so klar gemacht, giebt es ja selbst zu, daß man den g e g e lt s ä tz l i ch e n r e l i g i ö s e lt Standpunkt hätte betonen müssen. Sie, Herr Doktor, kennen - offenbar die homiletische Litteratur nicht, Sie wissen nicht, daß in keiner Samntlung von Leichenreden, vortzHanse bis Güdemann eine Rede enthalten ist, die ein junger schlesischer Rabbiner an der Bahre eines Resormrabbiners halten könnte. Woher hätte inan also den Stoff nehmen sollen? Und wie mm, wenn wirklich etwas in der einschlägigen Litteratur vorhanden wäre unb zwei von ihnen hätten das Gleiche benützt? Würden Sie Ehaldäisch verstehen. Sie könnten sich trösten mit den Worten: 8i duo faciunt idem non est idem. Tie Herren haben sich überwunden, haben Selbstzucht bewiesen. Was trüben Sie ihnen das erhebende Bewußtsein, daß sie dort hochgeehrt, ehrfurchtsvoll begrüßt wurden, daß man ihnen nicht etwa die Bank der Orchim, sondern Ehrenplätze angewiesen, daß man ihnen erlaubt im Ornat durch die Straßen Oppelns zu ziehen. War das nicht ein schöner, frommer Anblick? Recht ist Ihnen geschehen, wie koimnen Sie dazu, Hannibal mit Eatilina zu verwechseln und dadurch zu beweisen, daß Sie kein Deutsch verstehen. Würden Sie Lateinisch verstehen, so hätten Sie das Wort Hamlets beachtet: p x> ah ry~ n» D’öztn nss? Sie sprechen schlechtweg von sechs Rabbinern, jetzt missen Sie, daß auch zwei — O r g e l-Rabbiner dabei waren. Orgelrabbiner! hören Sie, bis jetzt hatten Sie wohl von dieser Spezies keine Ahnung. Ob die zwei ihre Orgeln bei sich hatten? Dann ivaren es sicher trattsportable Drehorgeüi, warntn haben sie diese tticht gedreht? Das wissen oie wieder nicht, — und da wollen Sie etwas wissen?! Hütten Sie diese Orgelrabbiner in Ihrem Artikel betont und das Zähneverbeißen unterdrückt, so brauchten Sie nicht unser schönes Berliner Papier ztt Ihrem Artikel, das Mainzer Löschpapier hätte mit Wollust die Orgelrabbiner, die nicht 337^