Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 085. pörung hervorries und mir zu einer energischen Abfuhr die Feder'in die Hand drückte. Nichtsdestoweniger öffnete es feine Spalten einen, Herrn .1 zu einer neuen Ungezogenheit; dieser hat es für gut befunden - jedenfalls im mutigen Pertrauen darauf, daß ich mich wie bisher, bei Anrempelnngen von dieser Leite damit begnügen würde, nur oie Nase fest zuzndrücken — Jagd auf mich zu machen, und dabei alles zuzu g e stehen, was ich in meinem Artikel in Nr. 87 des „Jeschurun" znm Gegenstand einer Anklage gemacht habe. Meine diesmalige Erwiderung hat auch nur den pädagogischen Zweck, einen Menschen, der die liebliche Manier kultiviert. anstatt eine Anschuldigung zu widerlegen, mangels Befähigung dazu, dem ehrlichen Mahner die Zunge entgegenzustrecken, mit einer Nute zu züchtigen, und wenn dabei für das jüdische Ahlwardt-Organ etwas mitabfällt, so schadet es auch nichts. An den Uebersender des Blattes, welches seit 80 Jahren von Ehrnbschneiderei lebt und das man feit ebenso langer Zeit in anständiger Gesellschaft nicht nennen darf, richte ich die ergebene Bitte, in Zukunft mein Bedürfnis nach Neinhaltung meiner Wohnung zu respektieren; für dieses Mal aber sage ich ilnn für die Zusendung herzlichen Tank, denn mir ist dein, Lesen der mehr behaglichen als witzigen Epistel des Herrn £ — nennen wir ihn Tartarin aus Tarascon — ein Mühlstein vom Herzeu gefallen. Mir war nämlich, da ich nicht wustte und noch jetzt nicht weist, wer die sechs ehrwürdigen Herren waren, welche am 27. August in Oppeln eine Trappisteu-Gastrolle gegeben haben, zu Mute, wie einein Menschen, der während einer stockfiustern Nacht eine unbeleuchtete Straße passieren must. Aus Furcht gegen irgend einen Klotz zu rennen, schlägt er mit dem Stock tastend um sich und schließlich trifft er einen — guten Freund. Auch ich fürchtete dieses Mißgeschick, was ich aufrichtig bedauert hätte, Herr4.' belehrt aber, daß ich keinen guten Freund getroffen habe, sondern einen andern. — Wer ist Herr X? Er ist einer der Sechs, die es wegen ihres Zartgefühls zu einer traurigen Berühmtheit gebracht haben, und da ihm ein anständiges orthodoxes Blatt seine Spalten verweigert hätte, da führte ihn der Instinkt ( Tmn 2Tiyr; lr>N) zu einem Blatte, welches der perfiden Absicht des Herrn gern eutgegenkam, der leidigen Angelegenheit eine Färbung zu geben, als hätte ich vom Parteistandpunkte aus eiuicze orthodoxe Gegner provoeiert, was natürlich nicht der Fall war, denn es waren ja, wie Herr F zugesteht, auch zwei „Orgelrabbiuer" — geschmackvoller Ausdruck — dabei. Ich P'Asi' überhaupt niemand um seiner Gesinnung willen au, ich achte und ehre eine tleberzeuguug in jedem Gewande; aber taktlos zu fein, hat niemand ein Recht, und man darf dieses Recht nicht mit dem jedem Staatsbürger zustehenden Recht, sich nach .Grüften zu blamieren, verwechseln. Nebenbei bemerkt, giebt eS heutzutage auch orthodox-schillernde „Orgelrabbiner" mit und ohne Aversion gegen „interkonfessionellen Ehor", welche auch von demselben Blatte von Zeit zu Zeit chaperomiert werden. Warum antworret X nicht in demselben Blatte und demselben Leserkreis, in und vor dem er sich angegriffen fühltet Der Redakteur hätte ihm sicherlich die Spalten'seines Blattes nicht verschlossen, wenn er in anständiger Form mit einer sachlichen Widerlegung gekommen wäre, anstatt - in _ richtiger Erkenntnis vom Werte seines Machwerkes — uni mehr als zwei Dpalten mit wortloser Verachtung für die Aufdeckung der nicht aus der Welt zu schaffenden begangenen Feigheit —- die in Oppeln begomrene „Worllosigkeit" fortzusetzen. Doch richtig, der „ehrwürdige" Herr konnte sich nicht herablassen, in dem Blatte eines „ehemaligen Kantors", zu schreiben. Das ist für mehrere hochangesehene Rabbiner verschiedener Richtung mit besserem Geschmack kein Hindernis; ich befinde mich also, ohne daß ich mit allein einverstanden zu sein brauche, was andere schreiben et vice versa, in sehr guter Gesellschaft. Deshalb sah ich dieses Verbrechen unter mildernden Umständen an, und kam der aus ehrlicher Entrüstung hervorgangenen Bitte des gesch. Herrn Redakteurs sehr gern nach, das uunachahmenswerte Gebahren der lieben 0 Herren zu geißeln. Ich that dies umso lieber, als ich, wie der Redakteur wustte, mit dem gottseligen Wiener sehr befreundet war und von diesen; mein Charakter besonders geschätzt wurde. Was hätte Herr X. angesangen, wenn ich nicht die bei ihm und seinesgleichen so übel angebrachte 'Noblesse besessen hätte, meine Schilderung der begangenen Ungehörigkeit mit Namen zu zeichnen und mich seinen persönlichen Jnvektiven, die an mich nicht hinanreichen, zur Zielscheibe zu bieten? Ich hätte thatsächlich besser gethan, dies zu unterlassen, denn diese Herren haben bei der Bilanz für ihre Passiva kein Auge und verlieren bei jeder ehrlichen Kritik die Fähigkeit, unbefangen zu urteilen, deshalb werden sie in der Regel massiv grob und unverschämt. Was erwidert denn Herr X'< Sind die Herren dadurch gerechtfertigt, das; der Vorsitzende des Oppelner Synagogenvorstandes es mit feinem Takt verstanden hat, dem Stachel die giftige Spitze zu nehmen? Ist es nicht wahr, daß die Herren dasasten „wie Stumme, die nicht den Mund öffnen können"? Ist es nicht wahr, daß sie angesichts der Majestät des Todes diese verhängnisvolle Taktik beraten und beschlossen haben? Rede stehen, meine Herren, und sich nicht hinter dem Schürzenbande des oberschlesischen Rabbinerverbaudes mit seinen hochtönenden und nichtssagenden Tiraden verkriechen! Ist es nicht wahr, daß die Herren sich gewaltige Blößen gegeben haben, die ich nur in die rechte Beleuchtung gerückt habe? Warum haben sie nicht vorgezogen, zu Hause zu bleiben, da doch die in Oppeln bestehenden religiösen Reformen weltbekannt sind? Was hat auch der „interkonfessionelle Chor" in diesem Falle zu sagen? Fand in der Synagoge ein Gottesdienst statt, dann durften sie ihm bei solchem Chor von ihrem Standpunkte aus überhaupt nicht bciwohnen — selbst in der ersten Reihe nicht. War's kein Gottesdienst, was hinderte sie am Reden? Denn daß der gegensätzliche religiöse Standpunkt des Verklärten ein Hindernis gewesen wäre, ist den Herren wohl nicht Ernst. Hätten sic den Ehatham Soser zu dieser Frage gründlich studiert, sie würden herausgesunden haben, daß sie bei einem derartigen Gottesdienst nicht zugegen sein, wohl aber zur Zeit hereinkommen und eine Leichenrede halten durften. Womit haben sie dem Verstorbenen ihre „Verehrung" erwiesen? Daß sie „im Talar" anwesend waren?! Wirklich eine überwältigende Ehre! Hätte der sel. Wirner es vermocht, er würde gewiß über diese Ehrwürdigkeit von Schneiders Gnaden gelächelt, oder ihre Repräsentanten anö dem Tempel gejagt haben. Herr F. erklärt — jedenfalls zur Entschuldigung für sein tapferes Benehmen —, daß ihm mein Deutsch nicht gefalle! Wahr, sehr wahr, wackerer Schwede; unter uns gesagt: mir