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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-04 · 40 (4.10.1895) · p. Seite 634

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 634 (sequence 2)
Language
German
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.,.. v ^'i'v'r.vf *H, >! Seite 634. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 'Nr. 40. Hiergegen glaube ich, daß man dein Judentume einen unermeßlichen Dienst leisten würde, wem: man endlich die i' eg e n d e Bl en 0 elSsohn gründlich und für immer zerstören könnte. Ich will die Person des sympathischen Schriftstellers ganz aus dem Spiele lasten; ich kann aber nicht verschweigen, daß mit ihm die verhängnisvolle Epoche im Judentum beginnt, die ganze glorreiche und ruhmvolle Per g äugen heit als einen Ballast zu empfinden, den man nicht schnell und gründlich genug von sich abwälzen kann. Noch nie hat das Judentum eiue solche Zeit der Selbstverkennung und der Selbstverachtung gehabt, wie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, die man als die Glanzpoche der Judenheit darstellt. Daß es nicht so geblieben ist, daß in der Judenheil noch immer einige Selbstachtung, wenn auch nur spärlich vertreten, vorhanden ist, verdanken wir nicht dem philosophischen Schriftsteller Mendelssohn — auch als Deuker waren Herz und B e n d a v i d bedeutender ---, sondern dem großen Z u n z, ferner einem Juden aus Italien, dem hochgestinunten, vielseitigen und leider noch immerzu wenig gekannten Saniuel David Luzzatto, und — ich bitte, nicht zu erschrecken! — zwei jüdischen Gelehrten aus Polen: dem bedeutenden Philosophen und historischen Erforscher des Judentums achman Krochmal und denn Kritiker Sainuel Iehudah N a p a p o r t. Auch G e i g e r, Michael Sachs und viele andere Jünger jener Heroen waren Zierden des modernen Judentums. Aber Mendelssohn, Zunz und Geiger zusammenstellen — das können nur die, welche jede landläufige Phrase ohne Prüfung hinnehmen, was freilich bequem ist und keine Blühe verursacht. Mögen doch alle, welche mit Moses Mendelssohn eine neue Kulturepoche des Judentums beginnen, mögen sie nur ZuuzenS Schriften lesen, oder sollte dies sich nicht mit der Würde eiites „gebildeten" Juden vereinbaren lassen, mögen sie wenigstens die Biographie Heine's von Adolf Strodtmann lesen, wo sie all die schmerzvollen Aeußerungen Zunzens über das Judenlunt finden können. Alan denke, daß dies vor mehr als sechzig Jahren geschrieben ward, zu einer Zeit, in der das Judentum noch nicht mit Stumps und Stiel ausgerottet war, wie heutzutage in Deutschland. Damals gab es noch in jeder größeren jüdischen Gemeinde Männer — nicht gerade Rabbiner — welche, sich mit der jüdischen Wissenschaft beschästigtend, das Judentum doch wenigstens kannten. Selbst Moses Moser, der Freund Heine's, hat einst das tiefschmerzliche Wort ausgesprochen, in einem nusgestopften alten Rabbi sei noch mehr Leben und Judentum zu finden, als in dein mordernen, reformierten Judentum. Und mit welchem Hohn Heine über den neuen Gottesdienst im Tempel zu Hamburg mit. den „orthographischen Gebeten" gesprochen hat, ist ja bekannt. Ich will vorläufig in wenigen Sätzen den Grund dieses Uebels kennzeichneit. Das Judentum hat eine ruhmreiche (beschichte, die drei Jahrtausende unlfaßt. Das Judentum hat in drei Weltteilen, in Asien, Afrika und Europa die Bekanntschaft aller Kulturvölker gemacht und infolge dessen ein .Reichtum an kulturellen Gütern gesammelt, wie kein anderer Stamm in der Geschichte; nun hat es sich darum gehandelt, den: jüdischen Stamm, uni mit Heine zu sprechen, das Entreebillet für die moderne Welt zu verschaffen, und um dieses zu erreichen haben unwissende und kleinherzige Männer den ganzen Reichtum Israels, seine ruhmreiche Vergangenheit und seine litterarischen Schätze verworfen, um ja den anderen „gleich" zu sein. . . . Um von den anderen verstanden zu werden, wurden die herrlichen hebräischen Gebete durch miserable deutsche ersetzt. Wenn man heutzutage sagt, die hebräischen Gebete werden nicht mehr verstanden, so muß ich dies als durchaus zutreffend erklären; ich selbst höre ost klagen: man habe nichts von dem Gottesdienst, man verstehe ja nichts davon. Aber daß es so weit hat kommen können, ist sehr zu bedauern. Da mir viel daran liegt, nicht zu den fanatischen Orthodoxen gezählt zu werden, so will ich unzweideutig aussprechen, das; ich sowohl deutsche Gebete wie zeitgemäße Reformen des Gottesdienstes billige; nur möge man mir zuvor die Männer nanthast machen, welche heutzutage j ü d i s ch e Gebete, sei es in welcher Sprache immer, komponieren können. Ich sage ko m p o n i eren, weil in den alten, ehrwürdigen Gebeten Israels die ganze Tonleiter aller menschlich-religiösen Empfindungen enthalten ist, welche der geschichtlichen Entwickelung des Judentums entsprechen*). Seien wir doch aufrichtig: In einer Zeit, in der die ganze jirdisch e Intelligenz in der Hauptstadt des deutschen Reiches kaum einen l efens werten Leitartike l über die geringfügigste Tagessrage — das Juden tu m betreffend - zustande bringen kann — und wir Juden sind doch in dieser Beziehung so wenig anspruchsvoll — werden keine „orthographischen" Gebete entstehen, die einem zivilisierten Brenschen munden. Rach dieser Richtung hin dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben. Ich für meine Person habe an eueren Zeitungen genug und kann ich es schon jetzt sagen: Sollte ich für mein ganzes Leben aus dem „Hause des Herrn" verbannt bleiben — die „orthographischen Gebete" von Berlin werde ich nie litib nimmer beten. Und schließlich bin ich auch ein Teil von Israel, obivohl ich nicht im Tiergarten wohne. Die OrSßk I. Bon Rabb. Tr. Singer, Koblenz **) Vor einigen Tagen erhielt ich die Zuschrift eines Freundes, welche die Mitteilung enthielt, daß ich einer Sendung von ihm gewärtig fein möge, und er schloß mit der Mahnung: Aber Vorsicht beim Oeffnen! Meine Aufregung gönne ich nicht dem Edlen von Hammerstein; ich dachte an alle möglichen Sprengstoffe, und als die harmlos aussehende Sendung ankam, zog ich Handschuhe an, verurteilte Umschlag und Inhalt zu einem Wasserbade, öffnete.G. s. T. es war nur Schmutz, der gar nicht zu entfernen war, der auf dem Papierblatt so innig klebte, wie nur Dummheit und Gemeinheit zusammenhängen können. Die Handschuhe waren unrettbar verloren, verdorben durch die Berührung mit dem aus dem Kanalisations-Hohlraume der jüdischen Journalistik stannuenden Blatte, demselben Blatte, welches, wie ich höre, in einer früheren No. selbst über eine in Oberschlesien begangene Ungezogenheit berichtet hatte, die allgemeine E>n- *) Ein schönes Wort von Rapaport lautet: „Tie (hebräiichciu Gebete in dem lep bardischen Ritus verklären das Berhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer; die in dem aschkenafischen Runs das Verhältnis Israels zu seinem Gott." Ein schönes, Wort, das IM, indes, wie ich anderweitig Nachweisen will, nicht in so strenger Eiiiteilnng der verschiedenen Riten, sondern auf die ganze hcbr- Liturgn' anwcndcn läßt. , **) Mit dieser Erwiderung und der folgenden Laüre pt die leioigc Angelegenheit für uns erledigt. 1

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