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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-04 · 40 (4.10.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Mo. 40. Jahrgang iv. m meine Nersl», 4. Hklober 1805. Herausgeber: Ä. Levin, ZSerfin. Jeschurutt. Bezugspreis: viertetjährt. 2 Mir. Erscheint an jedem Areitag. IZczngspreis für das Äustand: Mir. 2,r>0. beziehen durch die Post, Medaktion nnd Verlag: ck»r Aamönrgerstr. 21. Än',eigen, die Jeile 2.» Z'f,, nehmen alle Ailllonreu-Lrpeditioiieii sowie unser Bureau entgegen. JitljdU: Tic drei Rioses. Bo» Tr. L. Bernfeld. Tie Grösse i^oit Rabb. Tr. Singer. Bnsz-Briet an Robb- Tr. Singer in Koblenz. Bon Bar Minan. Letztes pro und aontra. Zn den Genieinderatswahlen in Wien. Pvbedonoszew's Rechenschaftsbericht. Ter Rabbi von Ladagora, laotisches. Rathanaja. Bon Tr. Earl Weil. (Gedicht. Bon R. - Wochenchronik. — Hier nnd dort. Briefnnd gragekasten. — Kalender. — Anzeigen. Die drei Wolcs. Bon Tr. S. Bern selb. Mit meinem ersten Artikel habe ich mich bei den geehrten Lesern dieser Zeitschrift eingeführt nnd ohne Zweifel haben dieselben bereits entdeckt, daß mir neben vielen anderen Fähigkeiten auch die diplomatische abgeht. Von verschiedener Seite wird mir nämlich oft gesagt, ich möge ja mit meiner Beurteilung der heutigen Zustände in der Judenheit ganz Recht haben, aber inan dürfe so etwas nicht öffentlich sagen; die nackte Wahrheit sei heutzutage nicht opportun nnd es gehöre ein allerliebstes Feigenblatt dazu, was wohl heißen will, viel Geschrei, viele Reklame und viel Gethne, und dahinter steckt nichts als ein jämmerlicher Brei, eine „breite Bettelsuppe", die man uns als gesunde, kräftige "Nahrung anpreist. Ich gebe ja gut und gerne zu, daß ich zum Diplomaten verdorben bin; ich nenne eine Katze eine Katze nnd unsere heutigen Zusläade — Stagnation nnd Niedergang. Wenn andere daran ihre Befriedigung finden, so will ich sie keineswegs in ihren Vergnügen stören; ich für meine Person trage ein „weit bessres Verlangen". „Ein Leichnam, meint der so viel zitierte "Nietzsche, ist für den Wurm ein schöner Gedanke, und der Wurm ein schrecklicher für jedes Lebendige". Vor einiger Zeit ist mir ein Rundschreiben, gezeichnet von vielen achtbaren und angesehenen Männern der Berliner jüdischen Gemeinde zu Gesicht gekommen, in dem aus den Fortschritt nnd die Entwickelungsfähigkeit des Judentums hingewiesen wurde, mit der stolzen Rücksichtsnahme darauf, daß die Berliner jüdische Gemeinde die Stätte sei, an der Männer wie Mendelssohn, Znnz und Geiger zum Ruhme des Judentums gewirkt. Ich null nur vorausschicken, daß ich zu der Tendenz jenes Rundschreibens, das wesentlich den lokalen Kämpfen innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde gewidmet ist, mit keinem Worte Stellung zu nehmen gedenke — ich müßte mich dazu mit einem größeren Grad von Unwissenheit ans diesem Gebiete legitimieren können, als eS leider durch eine verfehlte Erziehung bei mir der Fall ist. Die Männer Mendelssohn, Znnz und Geiger sind aber auch mir einigermaßen bekannt nnd würde ich mich sehr freuen, könnte ich dazu beitragen, daß bei ihnen die Geschichte zu ihrem Recht käme. Die Lehrbücher der jüdische Geschichte, die, insofern sie in einem korrekten Deutsch geschrieben sind — was man freilich nicht von allen sagen kann —, für die Kinderstube sehr geeignet und empfehlenswert sind, enthalten alle eine seitdem stereotyp gewordene Phrase, daß mit Moses Mendelsf o h n eine neue Kulturepoche für die Judenheit lwgonnen habe, eine Kulturepoche, die an Reichhaltigkeit und Lebensfülle alle ihr vorangegangenen übertreffe. Der Treppenwitz der Geschichte hat dabei eine prächtige Zusammenstellung. Da ist vor allem der große Moses, „Moscheh Rabbenu", der Bildner des jüdischen Volkes, dann Moses Jbn-Maimon und zuguterletzt Moses Mendelssohn. Bei der Bescheidenheit, welche die jüdische Geschichte von Epoche zu Epoche gezeigt hat, wird es mich nicht im mindesten wundern, wenn demnächst als die vierte Größe der Rabbi von Schilda erklärt wird, vorausgesetzt, daß er Moses und nicht Moritz heißt. Was Moses — „Moscheh Rabbenu" den Juden und der menschlichen Kultur gewesen ist, das begreife ich wohl nicht ganz, aber ich gebe mir wenigstens Mühe ihn zu begreifen. Es war dies ein Heros, dem man gleichen müßte, um ihn ganz zu begreifen, wie sich Jehndah Ha-Levi in anderer Beziehung ausdrückt. Mit Moses Jbu - Maimon haben die Historiker schon weniger Glück, weil das goldene Zeitalter der jüdischen Kultur größere und ausgezeichnetere Männer aufzuweisen hat. Zweifellos waren Salomo Jbn-Gabirol, Jehudah Ha-Levi und Abraham Jbu Esra tiefere Denker als Maimonides; als Philosph steht sogar GersonideS höher, während die ganze Persönlichkeit Jehudah Ha-Levi's, sowohl als Dichter wie als Religionsphilosoph, eher geeignet wäre, dem Zeitalter seine Signatur aufzudrücken. Indes muß in Betracht gezogen werden, daß Moses Jbn - Maimon das unbestreitbare Verdienst gebührt, die ganze wissenschaftliche Errungenschaft des Judentums unter Dach gebracht zu haben. Er, der so wenig Sinn für das Historische im Judentum besaß, war so systematisch angelegt, daß man S. D. Lnzzatto Recht geben muß, wenn dieser sagt, das Systematische in Maimonides sei unjüdisch gewesen; das Judentum lege nicht so viel Gewicht auf die Form wie auf die Gediegenheit des Inhalts. Moses Maimonides hat somit dem Judentum Logik und Methode zugeführt unb 'venu auch nicht die Wissenschaft, doch wenigstens die . Wi f s e ns ch a ft l i ch ke i t des Judentums gefördert. —-

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