Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 628 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 628. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Kundgebungen vor. Der Vorstand der Spnagogen-Gemeinde Oppeln schickt uns das Beileidsschreiben des Rabbiners Dr. Rippner in Glogau, „aus dessen Form und Inhalt Ihnen klargelegt werden soll, mit welcher Hochachtung der Schreiber des Brieses für den Verstorbenen erfüllt war." Dieses Schreiben lautet: Einem Wohllöblichen Vorstand spreche ich mein inniges Beileid ans.. Es tu* mir schmerzlich, daß ich durch einen Gerichtstermin, den ich morgen um 10V2 Uhr wahrzunehmen habe, verhindert bin dem hochverehrten Manne die letzte Ehre zu erweisen. Ter Tod des Dr. Wiener isr siir das ganze Judentum ein Verlust, denn selbst wer ihm nicht aus allen seinen Pfaden folgte, ja sogar wer manche dieser Pfade für Irrwege hielt, hatte Achtung vor der'Ueberzeugungstreüe, vor dem rücksichtslosen Wahrheilsdrange des seltenen Mannes; was er für recht erkannte, das verfocht er gegenüber einer Welt von Gegnern. Und diese Festigkeit der Gesinnung war etwa nicht die Starrheit des Hochmütigen, der von seinem Eigensinne nicht ließ. Tenn wer war bescheidener, nachgiebiger, von größerer Rücksicht als er, der jedem gern den Vorrang gewährte. Selbst die natürliche Ehrfurcht, die man jedem Greise, und vollends einem so gelehrten und weisen Greise gern zollte, ließ er kaum gelten. Nnr wenn er mit überkommenen Vorurteilen paktieren sollte, da erwachte sein Eifer, da erhob sich sein leidenschaftlicher Widerspruch: „Gott hat die Grobheit selber an sein Herz genommen, aus gradem Wege ist noch niemand umgekommen". Dies Wort Goethc's war gleichsam seine Lebensparole. Ein ehrlicher Mann sein, ist wenig und viel. Wiener war es in dem edelsten Sinne des Wortes. Der Feuergeist der alten Propheten loderte in ihm, die selbst vor den Mächtigen der Erde sich nicht beugte. Dabei hatte er das Herz eines Kindes, ich habe die angenehmsten und anregendsten Stunden in seiner Gesellschaft verlebt. Die Gemeinde, in der er soviele Jahrzehnte gewirkt hat, hat seinen Charakter, der dem Demant glich an Härte und leuchtender Kraft, gewürdigt und er war glücklich, daß er, der Kämpfer, mit seiner Gemeinde in Frieden lebte. Dr- Wiener wird in seiner Gemeinde, im Andenken seiner Freunde und in der Geschichte des jüdisches Geistes dauernd leben! Als wir in Nr. 36 schrieben: „Es ist bezeichnend für die sogenannten „Resorm-"Rabbiner in Deutschland, daß keiner Zeit und — Mut hatte, dem seligen Wiener einen Nachruf am Grabe zu hallen", da sahen die Eingeweihten sämtlich nach Glogau hin, da Herr Dr. Rippner der einzige schlesische Rabbiner von Ruf ist, der sich osten zur sreis. Richtung im Judentum bekennt. Dieses Schreiben ergänzt unfern Bericht in Rr. 36 und erklärt das Fernbleiben des Herrn Dr. R. Die andere Kundgebung rührt vom Verbände der Rabbiner Oberschlesiens her und ist vom Vorsitzenden, Rabb Dr. Eohn- Kattowitz gezeichnet. Sie lautet: „Herr Rabbiner Dr. Singer in Koblenz fühlt das Bedürfnis, den Rabbinern, welche bei der Beerdigung des Herrn Tr- Wiener s. A. in Oppeln anwesend waren, ohne demselben an seiner Bahre einen Nachruf zu widmen, in der letzten Nummer einer israelitischen Wochenschrift eine Vorlesung über Ansrand zu halten. Ter Verstorbene gehörte unserem Verbände an, der auch bei der Bestattung durch eine Anzahl seiner Mitglieder vertreten war. Wir halten es unter unserer Würde, Herrn Tr. Singer in der von ihm^ angeschlagenen Tonart zu folgen, nehmen auch von seinen Auslassungen nnr deshalb Notiz, um Mißverständnissen vorzubeugen und um nicht den Glauben zu erwecken, als ob unser Schweigen als Jiigcständnis zu deuten wäre. Eine Verteidigung dem Herrn Dr. Singer gegenüber halten wir tlicht für nötig. Wir glaulwn indessen bemerken zu sollen, daß nicht der extreme religiöse Standpunkt des Verstorbenen maßgebend für unser Verhalten war, sondern ausschließlich Momente örtlicher Art " Wir wollen Herrn Dr. Singer nicht das Vergüngen der Widerlegung dieser orakelhaften „Rechtfertigung" rauben, und setzen sie ohne Glosse hierher. — Anders die dritte Kundgebung. Der in Mainz erscheinende „Israelit" des Herrn Oscar Lehmann, der von so aufrichtiger Abneigung gegen unser Blatt erfüllt ist, daß er ihm lieber zehnmal Artikel in zugeftutzter Fassung entlehnt, als einmal feine:: Rainen nennt, veröffentlichten der jüngsten Rümmer vom 24. d. Ms. eilte vom 13. September datierte Zuschrift aus Oberschlesien, die sich mit dem geschätzten Mitarbeiter unsres Blattes, Rabbiner Dr. Singer aus Koblenz, beschäftigt. Von Herrn Dr. Singer wird gesagt, daß er in seinem Artikel über das Verhalten der schlesischen Rabbiner bei der Beerdigung des Oppelner Rabbiners Dr. Wiener „das ganze Schimpslexikon" ausgepackt, das ihm „eigen zu sein scheine", daß er „gezetert" habe, und noch dazu „unter den ehrwürdigsten ftylistischen Windungen und Wendlingen", daß er „Blödsinn" vorgebracht, daß er wie Karlchen Mießnick oder Paula Erbswurst geschrieben, daß er „in den weitesten Kreisen rühmlichst unbekannt" sei, daß es eine „Anmaßung" von ihm sei. „andere Leute Anstand und Moral lehren zu wollen" — was doch nach meinem uitvorgreislichen Dafürhalten recht eigentlich die Ausgabe eines Rabbiners ist (oder sind Sie anderer Meinung, Herr Lehmann?), und daß man mit „eineln" Dr. Singer nicht rechte. Es heißt in der Zuschrift wörtlich: „Wenn dieser Herr (Dr. Singer) sich erdreistet, sechs deutsche Rabbiner, die in peinlichster Lage ihre Pflicht erfüllten, wie ein Straßenkehrer anzurempeln, so soll er gefälligst erst richtig deutsch schreiben lernen, so soll er Hannibal nicht mit Eatilina verwechseln, so soll er sich betragen, wie es unter anständigen und gebildeten Menschen Sitte ist." Der durch Akut und Annlut gleich ausgezeichnete, natürlich anonyme Korrespondent des Herrn Oscar Lehmann scheint hiernach der jedenfalls mit dem Reiz der 'Neuheit geschmückten Meinung zu sein, daß wie ein Straßenkehrer anrempeln dürfe, wer richtig deutsch schreiben gelernt hat und Hannibal nicht mit Eatilina*) verwechselt, daß ferner ein straßenkehrerinäßiges Anrempeln mit einem Betragen vereinbar sei, wie es unter anständigen und gebildeten Menschen Sitte ist. Herrn Dr. Singer bleibt es selbstverständlich überlassen, auch diesem geschätzten Kollegen zu antworten, dessen Auslassungen niedriger zn hängen ich nicht habe zögern wollen. Ter „Israelit" des Herrn Oscar Lehmann beschäftigt sich aber auch mit meiner Person und mit dem „Jeschurun", den er nicht nennen darf und deshalb als „ein von einem ehemaligen Kantor herausgegebenes jüdisches Blatt" bezeichnet. In der Thal: ich bin Kantor gewesen —- auch Lehrer und Prediger, und jetzt bin ich Herausgeber des „Jefchuruu". Was sind Sie gewesen, Herr Oscar Lehmann, ehe Sie das väterliche Erbe antraten? — Nichts, gar nichts! Und was sind Sie jetzt? — Sie haben sich nicht im geringsten verändert. ... L. *) Was die Verwechselung von Eatilina und Hannibal betriitt, so sollte der ungenannte Korrespondent des Herren Oskar Lclunaim sie nicht gar so' hart beurteilen, denn — sie ist ihm selbst begegnet. Herr Tr. Singer hatte im „Jeschurun" geschrieben: „Wie, Eatilina steht vor den Thoren Roms, und Ihr beratet!" Uiiser ungenannter Freund ist nun der Meinung gewesen, daß Herr Tr. Singer die v:clgebrauchtc Wendling „Hannibal ad portas“ im Sinne gehabt und fälschlich den agrarischen Hypothekenfeind dem geschworenen Römerfeinde untergeschoben. Das war etwas voreilig, soll aber gern damit entschuldigt werden, daß der Oberschlcsischc Berichterstatter des „Israelit nichts voi, Gonpil de Pröseln weiß, der in emer Sitzung der französischen konstitllicrenden Versainmlnng von 178!) das unrichtige, im zwischen jedoch zum geflügelten Wort gewordene Zitat vortrng: „Catilina est aux portes, et 1 ou delibere“. Wie gesagt, wir nehmen dem geschätzten Anomimns seinen Irrtum nicht übel. Air sind dazu um io weniger geneigt, als wir weit eher erstaunt sind, das Onintanerzitat von Hannibal ihm geläusig zu sinden.