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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 627 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 39. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 627. seitigung der bisherigen Listenwahl, nach welcher jeder Wähler 25 bis '26 Kandidaten nominieren soll. Einteilung der Wahl^ berechtigten in 5 Wahlkreise; jeder Wahlkreis' 5 bez. 6 Repräsentanten bez. Stellvertreter zu wählen. 7. Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte und energische Abwehr der gegen unsere Religion gerichteten Angriffe. . Wir kommen aus diese Forderungen tnt einzelnen auösührlich zurück. — Das Kammergericht hat in einem weite Kreise interessierenden Prozesse des Vorstandes des hiesigen jüdischen Krankenhauses gegen den preußischen Steuersiskus die Entscheidung getroffen. Die Rentier Fischel'schen Eheleute hatten dem Krankenhause eine Vermächtnis von 1000 Mark mit der Auflage bestimmt, daß das Kapital unangetastet bleiben, die Zinsen aber „zu wohlthätigen Zwecken" verwendet werden sollen, Nachdem das Vermächtnis ausgezahlt war, forderte der Fiskus von dem erwähnten Vorstände eine Erbschaftssteuer von 4 Prozent gleich 40 Mark mit dem Hinweise ein, daß nach dem Wortlaut der betreffenden Bestimmung und der darin enthaltenen Klausel „zu wohlthätigen Zwecken" die Zuwendung doch aus Zwecke gerichtet werden könne, die in den Statuten des Krankenhauses nicht vorgesehen seien. Das Landgericht I verurteilte den Fiskus zur Zurückzahlung. Die Bestiminnng, daß vom Staate anerkannte milde Stiftungen von der Erbschaftssteuer befreit sein sollen, sei nach der Ansicht des (Berichts dahin auszulegen, daß solche Anfälle steuerfrei bleiben Jolleu, die in den Aufgabenkreis der bedachten Stiftung fallen. Hier könne die Bestimmung „zu wohlthätigen Zwecken" nur dahin ausgelegt werden, daß die Zuwendung allein nur für die wohlthätigen Zwecke des jüdischen Krankenhauses geinacht ist, denn dies ist nach seinen Statuten gar nicht in der Lage, Verntüchniffe und sonstige Gaben;rt anderen als statutarischen Zwecken, nämlich nur zu den in den Anfgabenkrcis des Krankenhauses fallenden wohlthätigen Zwecken zu verwenden. Der Fiskus legte hiergegen Berufung ein, welche jedoch in llebereinstimmnng mit der Rechtsaufchaunng des Vorderrichters vom Kainmergericht znrückgewiesen wurde. — Eines der jüngsten unter den jüdischen Instituten zu Berlin, die jüdische L e s e h a ll e, hat kürzlich das erste Halbjahr ihres Bestandes vollendet. Die Hoffnungen, denen man bei ihrer Eröffnung Worte verlieh, haben sieh in vollstem Maße erfüllt. Der Bestich der Lesehalle ist eilt über Erwarten zahlreicher gewesen, tretzdem die Berichtszeit zunl größten Teil in das Soinmersemefter siel und auch die Ferien" in den letzten Monaten die Zahl der Lesenden verminderte; haben doch von 1.3. 31. 8. 3o00 Besucher die Gelegenheit benutzt, die jüdischen Zeitungen zu lesen. Allerdings muß hervorgehoben werden, daß die jüdische Zeitungslitteratur aus der stanzen Welt in der Lesehalle deit Besuchern zur Verfügung sieht, es find außer deutschen und hebräischen, englischen und französischen, italienischen und holländischen Zeitungen auch .solche in spanischer, polnischer, russischer, ungarischer, uitd sogar niahrattischer Sprache vorhanden und der Lesende kann sich ebensogut aus jüdischen Zeitungen Nordamerikas wie Indiens oder Südafrikas über die Vorgänge itn Zudentum unterrichten. Es hat sich denn auch ein zahlreiches Stammpublikum herangebildet, das alle Woche ein oder zweimal znm Lesen kommt. L ie erft seit kurzer Zeit beitehende Bibliothek wird auch sehr bald reichen Zuspruch erfahren uub die zum 1. November in das Leben tretende Unterrichtsvermittelung darf daher auf die Aus dem Bureau des D. I. G. B. wird uns gethätige Sympathie aller derer rechnen, welche sich als jüdische Studente nin Berlin ihr Brot erwerben. Alles in allem darf die Verwaltung der jüdischen Lesehalle sagen, daß der thütige Professor Philippson mit ihren: Erfolge zufrieden fein kann. D. Z. schrieben: Auf den Wunsch verschiedener Lehrervereine wird die Dclegierten-Verfammlung des zu begründenden Lehrerverbandes für Deutschland nicht am 7ten und 8t en Oktober d. I., sondern erst in den konunenden Weihnachtsferien stattfinden. —, Der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund versandte zu Rösch haschanah an sämtliche Gemeinden Deutschlands den folgenden Aufruf, der wohl einer besonderen Empfehlung nicht bedarf: In dem immer anwachsenden die Geister verwirrenden Kampfe um das tätliche Leben bietet der überwiegenden Mehrzahl der Menschen die Religion die wichtigste Waffe gegen Versuchungen aller Art. Wie verhält es sich aber mit der religiösen Unterweisung innerhalb des deutschen Judentums? Wir haben die traurige Thatsache festzustellen, daß achthundert kleine und kleinste Gemeinden des Religionsnnterichtes entbehren. Dieser schreiende Mißstand ist wahrlich nicht den Mitgliedern dieser Gemeinden zur Last zu legen. Stehen. doch ihre Pflichten mit ihren Kräften in solchem Widerspruche, daß die Mitglieder nicht selten bis zu 600 Prozent der Staatssteucrn aufbringcn müssen, um nur den dringendsten Kultusbedürfnissen zu genügen. Die jungen Leute ans solchen Gemeinden aber treten ohne religiöse und deshalb auch ohne sittliche Festigung in das Leben hinaus und fallen daher um so leichter der Versuchung zu ungesetzlichen Handlungen anheim. Wir mögen noch so sehr die Solidarität zurückweisen, die uns Inden aufgebürdet wird — sie wird uns immer wieder von außen aufgczwungen. Als schwache Minderheit innerhalb des großen Vaterlandes werden wir stets von der öffentlichen Meinung für jedes Vergehen des Einzelnen aus unserer Mitte verantwortlich gemacht werden. Aus dem Gesichtspunkte des praktischen Nutzen, mehr noch im Gefühle unserer moralisch - religiösen Pflicht müssen deshalb die mittleren und großen israelitischen Gemeinden Deutschlands für die Hebung und Verbreitung des Religionsunterrichtes bei den ärmeren Gemeinden Sorge tragen. Der Vorstand des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes hat nach Maßgabe seiner Mittel dem Uebel zu steuern gesucht, durch Sammlungen bei den Gemeinden und unter Mitwirkung privater Wohlthätigkeit ist es ihm in den letzten Jahren gelungen, hundert Gemeinden in allen Teilen Deutschlands, ohne Rücksicht auf ihre religiöse Richtung, zur Herstellung eines geregelten Religionsunterrichts, durch Aufbesserung der unzureichenden Lehrergepältci oder durch Heranziehung von Wanderlehrern zu verhelfen. Aber noch harrt die große Mehrzahl (700 Gemeinden) der Unterstützung; ihren herzbewegenden Klagen vermochten wir nicht abzuhelfen. Im Gegenteil, die Mittel, die wir zu dem gedachten Zwecke verwenden können, drohen zu versiegen. Wir. erwarten daher, daß jede irgendwie kräftigere Gemeinde der deutschen Judenhcir dazu beitragen wird, die große Wohlthat systematischer religiöser Unterweisung unserer gesamten Jugend zu gewährleisten. Wohl sind wir uns bewußt, daß die Mittel, die hierfür aufzubringen sind, sehr bedeutende sein müssen. Aber im festen Vertrauen auf die bewährte Dpfcrwilligkeit und die Einsicht unserer Glaubensgenossen im Deutschen Reiche sind wir der Hoffnung, daß es gelingen wird, das Ziel zu erreichen. Ter Unterzeichnete Ausschuß hat beschlossen, zu dem genannten Zwecke eine allgemeine Sammlung bei den Deutschen Glaubensgenossen zu veranstalten. Wir bitten Sie dringend, sich sowohl selbst durch eine Spende zu beteiligen, als auch unter Benutzung umstehender Sammelliste andere zu einer Gabe zu veranlassen. Tie verehrlichen Gemcindevorstände, Rabbiner und Lehrer mögen die Sammellisten für diesen wichtigen Zweck bei den Gemeindemitglicdern in Umlauf setzen und durch ihr belehrendes Wort auf die Wichtigkeit der Sache aufmerksam machen. Jede, auch die kleinste (habe wird willkommen sein. Tie verehrten Sammler wollen uns ihre Sammellisten gefl. unterzeichnet mit den Betrügen eiuseuden. Wie früher wird auch diesmal tvieder öffentlich Rechnung abgelegt werden. * Eine Ergänzung und eine „Rechtfertigung." Zu wacher: der schlesischen Rabbiner, deren eigentümliches Verhalten bei der Bestattung des sel. Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln in diesem Blatte kritisiert worden ist, liegen drei

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