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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 626 (sequence 10)
Language
German
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Seite 626. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Vir. 39. jantitcn das Erbteil der Kinder Judas berührt. Sie ließ den Blick nmherftreifen, und als sie nirgends ein Obdach erblickte, löste sie die Schnüre des Mantels, nahm einen Stein des Ortes, legte ihr Haupt darauf, bedeckte sich mit dem Mantel und entschlief, und der Engel Gottes bewachte die reine, unschuldige Jungfrau bis die Sonne emporslieg im Osten . . . Als Nathanaja erwachte beim Ausgang der Sonne, machte sie sich schnell ans, und nachdem sie sich vor allem im Kidron die Hände und das Antlitz gewaschen hatte, so wie es seit undenklichen Zeiten Gebrauch ist in den Ländern gegen Sonnenaufgang, eilte sie fort, denn sie wollte noch heute Jerusalem erreichen, die Friedensstadt. Und wie sie im innigen Gebet zu Gott ruhig ihre Straße einhergeht, da rauscht es in dem nahen Weidenbusche; sie schaut aus und ihr Blick fällt auf einen Löwen, der in eilender Wut die Hecke darniedertritt. Wie er die Jungfrau erblickt, rollt er das starre Auge, zieht die vorderen Tatzen zurück, erhebt die hinteren Füße, wie zum Sprung bereit, sträubt die Mähne, schlägt mit dem gekrümmten Schweis rechts und links die Hecke, daß die zarte Weide sich beugt Und die Blätter ihn umfliegen, und brüllt, daß es widerhallt in dem fernen Gebirge Judas; Nathanaja sinkt nieder, schließt das Aug', denkt nur einen Gedanken, denkt an die gebeugte Mutter, und empfiehlt dem Ewigen ihre Seele. An der Spitze kühner Männer hatte aber ein edler Jüngling schon lange die Spur des Löwen verfolgt. Im Eifer der Verfolgung von den Seinigen getrennt, erschien er in diesem Augenblicke, gesendet von dem Beschützer der Bedrängten, ein Helfer in der Not. Als er den lang gesuchten Feind anschaute, leuchtete frohlockender Mut in seinem Auge; sorgsam maß er mit forschendem Blick den Ort, wo die Mähnen des Löwen das Weiche der Brust berührten, schwang dann spielend die schwere, gewaltige Lanze vom Holze des Baumes Schittim, beschlagen mit scharfem, tötendem Eisen, wohl zwei oder drei Mal um die Hand, und mit jugendlicher Kraft schleuderte er sie auf das scharf gefaßte Ziel, daß die Waffe zischend dieLuft dnrchschwirrte, und der Löwe, im Herzen getroffen, röchelnd zu Boden sank. Wie nun Nathanaja wieder zu sich kam und neben dein erschlagenen Löwen einen Mann erblickte, von schönem Ansehen und edler Gestalt, da verbeugte sie sich tief und sprach: „Gelobt sei der Gott Israels, der einer schwachen Jungfrau half durch den starken Arm eines gottesfürchtigen Königssohnes." Der Jüngling lächelte nnd sprach: „Ei, sage mir doch. Du verständige Jungfrau, woher weißt Tu denn, daß ich gottesfürchtig bin und ein Königssohn?" „Ich halte Dich für gotttessürchlig," versetzte Na thanaja, „weil Du eiltest, mir beizustehen, mir, die Du nicht kanntest, und weil ich an den Ecken Deines Mantels die Schausüden sehe, die Dich an die Gesetze Mosis erinnern sollen. Verrät nicht," fügte sie hinzu, „Tein lang herabfließendes, mit Purpur und Gold verziertes Untergewand, das hinabreicht bis auf die Sohlen der Füße, nnd in faltigen Aermeln Deinen Arm verbirgt, daß Du aus königlichem Blute bist?" „Ich bin," versetzte der bescheidene Mann, „von den Kindern Israels so wie Tu, liebliche Jungfrau, und das ist mein höchster Stolz. Ich fürchte Gott und ehre seine Lehre, die gleich ist für ganz Israel. Du aber, Mädchen, Du Königin unter Zions Töchtern, die Du blühst wie die Rose in Jerichos Gefilden, wie die Aloe aus Hermons Hügeln, Du, der Jehvva den Weisheitsgeist verliehen, zu erkennen Verborgenes und Verhehltes, komm mit mir in meiner Mutter Haus. Ich will Dich zum Weibe nehmen nach Mosis und Israels Recht, denn ich erkenne wohl, Gott hat es so gefügt. Doch warum sprichst Du nichts, Du fronunes Mädchen? Willst Dil mich nicht, so sag' es geradezu, dann muß ich meine Liebe im eignen Herzeit vergraben. Liebst Du vielleicht schon einen andern Mann?" „Nicht doch, mein Herr," sprach Nathanaja, „ich liebe weder einen andern Mann, noch mag ich es verhehlen, daß Du mir teuer geworden bist. Dank ich Dir doch das Leben, wie sollte ich es nicht gern mit Dir teilen? Aber sieh, mich bindet eilt Gelübde, ohne Aufschub hinzugehen nach Jerusalem, uin bei dem König Gerechtigkeit zu erflehen für einen arinen Bedrängten von unfern Brüdern aus Juda. Auch habe ich daheim eine alte Mtitter, die ich weder verlassen kann noch will." Ta versetzte der eole Jüngling: „Fern sei es von mir, Tn gottesfürchtige Jungfrau, Dich zu verhindern, Dein heilig Gelübde zu vollziehen; denn es stehet geschrieben: „Alles, was Deinen Lippen entfährt, sollst Du vollführen." So gehe hin nach Salem, ich werde dort Dich wiederfinden. Uitd diese Spange ninnn von meiner Hand zum Zeichen meines Versprechens, nnd gieb mir dagegen das Kettlein von Deinem Halse, damit ich wisse, daß Tu mid; nicht verschmähst. Das übrige ivird Gott fügen." (Forts, folgt). Wochen- Shronik. Berlin, den 17. September. * Berliner Nachrichten. Der Z e n t r a l - V e r e i n für die Interessen der jüdischen Gemeinde stellt für die bevorstehenden Wahlen zur Nepräsentantenverfantmlnng folgende Forderungen auf: 1. Errichtung je einer einfachen, würdigen Synagoge für deit Westen des jenseits des Leipzigerplatzes, für den Südosten zwischen Oranienplatz und Andreasplatz, für den Norden zwischen Schönhauser Allee und Ehausseestraße, für den Stadtteil Moabit. 2. Dem Bedürfnis und dem Wachstum der Gemeinde entsprechend, Vermehrung der gottesdienstlichen Veranstaltungen für die hohen Feiertage zur völligen Beseitigung der in gewerblicher Absicht von Privaten eingerichteten, meist unwürdigen, das Judentum erniedrigenden Gottesdienste. 3. Entschiedene Bekämpfung aller Bestrebungen, die daraus Hinzielen, die hebräische Gebetsprache aus den Gotteshäusern gänzlich zu verbannen, und den Sabbat ans den Sonntag zu verlegen. 4. Gleichstellung der jüdischen Schüler bezüglich des Religionsunterrichtes mit denjenigen anderer Konfesiionen. Erteilung von Religionsunterricht an sämtlichen Schulen durch hierzu qualifizierte Lehrer. Einheitlicher, von den Gemeindebehörden festzusetzender Lehrplan und Beaufsichtigung des Unterrichts durch vom Gemeindevorstand zu bestellende Schnlinspektoren. 5. Heranziehung sämtlicher, bisher noch nicht beteuerten, jüdischen Einwohner zur Gemeindesteuer durch Einschätzungskommissionen in den verschiedenen Stadtteilen, entsprechend den städtischen Einrichtungen, wodurch eine Entlastung der jetzt zahlenden Mitglieder herbeigeführt wird. 6. Geheime Wahl zur Repräsentanten-Versammlung. Be-

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