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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 625

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 625 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 89. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 828. Nathauaja aber schob, als sie ihr Kämmerlein erreicht batte, behutsam den hölzernen Niegel in die vorstehenden Neise, blickte besorgt durch das Gitter, ob niemand lausche, und eilte dann, sich zur Neise zu kleiden. Sie mars zuerst um das kurze Ksoueth, am Busen verbrämt mit künstlichen Stickereien, ein Werk ihrer Hände. Noch mar der Fuß entblößt bis über das Knie, aber die Aermel des Ksoueth schlossen dicht am Gelenke der Hand. Nun ergriff sie schnell das Untcrgewand, das in zierlichen Falten herabsiel bis aus die Sohlen der Füße, weiß, von Wolle gewebt, eine Arbeit des kunstverständigen Mädchens: zierlich waren auch Blunlen eingewirkt am Nande des Kleides, himmelblau und hochrot. In Falten sielen die weiten Aermel, verziert mit purpurnen Fäden, herab und verbargen den schönen Arm der Jungsrau. Sie schnürte sodann die Sohlen an die Füße; zierlich umgab die Schnur den sein gesormten Fuß, aber sie verschmähte es, ihn zu schmücken mit Spangen und Glöckchen, denn sie dachte: man möchte Böses von mir denken. Jetzt flocht sie das lange Haar in Zöpse, wand sie vielmals künstlich um den Scheitel, denn lang und dicht waren die schwarzen Haare; barg den reizenden Schmuck des Hauptes unter die netzförmig gewebte Haube aus schimmernder Leinwand, denn auch diese verstand sie zu weben, befestigte daran den Schleier in der Mitte der Stirn und an den Schläfen, so daß er dem Auge den Blick gestattete, warf das Oberkleid über, das sie gänzlich verhüllte, und nun war sie fertig. Ta bleibt sie plötzlich sinnend stehen, zieht den Fuß zurüa, eilt hinab in den Hof, lockt mit der Stimme, und vom platten Tache des Hauses fliegen ihr zwei Tauben auf die Hand. Sie seufzt erst, lächelt dann, bindet ne fest und verbirgt sie unter den Mantel. Nun öffnet sie leise das Psörtchen des Gartens, denn sie wollte der zärtlichen Mutter den Lummer des uochinaligen Abschieds ersparen. Aber die Mutter hatte sie belauscht; eben als 'Nathanaja sich umwandte, um durch das Thürchen zu schlüpfen/ergriff sie die Tochter am Saume des Oberkleides. „Böse Tochter," schalt sie mit gutmütigem Tone, „willst Tu mir so entlaufen? Willst Tu die alte Mutter verlassen ohne den Abschiedskuß? Ach, steht Tir der Sinn mehr nach den feingelockten Jünglingen Jerusalems, als nach der alten besorgten Mutter?" 'Nathanaja sah die Mutter wehmutsvoll mit ihren großen, blauen Augen an und schwieg. Ter Mutter aber that das Wort wehe, das sie gesagt hatte; sie umschlang den Hals des Mädchens und drückte sie an ihre Brust. „Meine gute Tochter, laß Tich tiicht bekümmern, was meine Lippen sprachen; mein Herz war nicht dabei." Tie Tochter warf den Schleier zurück, umfaßte die Mutter, drückte ihr einen heißen Kuß auf die Lippen, streichelte ihr die Waltgen tind sprach: „Mutter, Tu kannst mir nicht wehe thun; teuerste Mutter, weiß ich doch, wie Tu mich liebst!" Sie sinken einander in die Arme; fest drückt die Witwe die geliebte Tochter an das Herz, fest umschlingt die Tochter der Mutter Hals. Jetzt reißt sich die letztere los, noch einen Kuß drückt sie, wieder znrückkehrend, der Mutter auf die Hand, lägt den Schleier fallen, schließt das Psörtchen und verschwiitdet im Schatten der hohen Palun n. Tie Witwe aber wendet das thräneude Auge liach der Stelle hin, wo die Tochter ihren Blicken entschwand, sinkt dann nieder aufs Knie, hebt das Antlitz gen Himmel und spricht schluchzend die Worte TavidS: „Zctz säum empor nach jenen Berqcn, Wo kommt mir Hilfe her? Vom Ewipui toinmt meine Hilfe, Ter Himmel schuf und ttrde! Er läßt nicht pleiten Deinen T"ß, Tein Hüter schlummert nicht. £ nein, er schläft, er schlnmmert nicht Ter Hüter Israels! Er sei Tein Hiiter, er beschatte Dich Zu Deiner rechten Hand! Dir schadet nicht des Tags die Sonne, Der Mond Tir nicht des 'Nachts! Ter Herr behüte Tich vor Nebel, Hüte Deine Seele! Behüte Tich, Du gehst. Du kommst, Wie jetzt, so alle Zeit!" Nathanaja wandelte eiligen Schrittes dahin durch den wohlbekannten Palmenhain, von dem früher die Stadt den Namen führte (Ehazian Thamar). Toch nicht ging sie den den Pfad, der links sich hinzog, sondern erstieg geradeaus den Berg, der bedeckt mar mit der Fülle der köstlichsten Trauben, berühmt in Israel und Juda; brach im Geheu gar manche schwärzliche süße Beere des rankenden Weins, und erfreute sich am Gedeihen des köstlichen SurekastockeS, der Beeren ohne Körner trägt. Als sie nun die Staffeln des Hügels hinabgegangen war, folgte sie dem Fußpfad, der sie bei der Höhle vorbeiführte, wo David seinen Feind Saul in seiner Hand hatte, es aber nicht wagte, Hand zu legen an den Gesalbten Gottes. Träumend folgte sie dem Wege, dachte an das heilige Gelübde, das sie gethan, an des armen Benoni Unglück, an der alten Mutter Kummer und, so ungern sie es auch gestand, au die Pracht der Gottesstadt. Als sie nun einige. Stunden vertieft in Gedanken gewandelt, da empfand sie plötzlich ein Beengen der Brust, eine Schwere des Atems. Sie fckaute auf und erstarrte über denn Anblick. Bor ihr lag die stille, öde Fläche des Salzmeercs; Totenstille rings umher, da sah man kein bewimpeltes Schifflein fahren, keine Flöße sich auf den Wassern wiegen, keinen Vogel an den Usern, kein menschliches Antlitz weit und breit. Dort unten bahnte sich der Bach Kidron durch ungeheure Steinschluchten seinen Weg, schauerlich anzusehen von dem Vorsprung des nackten Felsens von Kalkstein. Kein Blümlein, kein Grashalm rings umher, nichts als der nackte, kreideweiße Boden, und dort unten in dem öligten (Gewässer des Meeres furchtbare Schreckgestalten aus feurigem Bitumen, dort ein Stier ohne Kopf, hier ein Fisch mit dem Nachen der Hyäne. Das ist das Land, das der Ewige verstoßen, belegt mit seinem Fluch, Sodoms Gefilde, früher blüheud und reich, nun ein verpestetes Meer, Tod und Verwesung verbreitend: der Felsen selbst, aus welchein sie stand, der Kalkstein selbst war durchdrungen von Bitumen, ein Gräuel dem frommen Mädchen, ein Werkzeug in den Händen der Zauberer und der Schwarzkünstler, ein Stein, der entzündet, zur Kohle glüht und dennoch nicht verbrennt. Und dort im Süden, dort lag ihr liebes Engedi, eine Safe in der Wüste, ein Eden mitten im von Gott verfluchten Lande, und während hier nur das Gräßliche, Entsetzliche sie umgab, winkten ihr dort freundlich die wohlbekannten Palmen der Vaterstadt. „Und dennoch", dachte Nathanaja in ihrem Herzen, „ist es besser zu wallen an den Ufern des von Gott verwünschten Meeres, mit dem Bewußtsein, dem Unglücklichen zu Helsen, als daheim zu sitzen im freundlichen Hause der liebenden Mutter und den Unglücklichen unterdrückt zu wissen neben nrir." Sie wandte sich links und folgte, kletternd von Schlucht zu Schlucht, den vielfachen Krümmungen des Kidron, und als die Dümnterung herankam,^da war sie an deimOrt, tvo die Grenze der Ben-

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