Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 624 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 624. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Ans iwn Ghetto in ilfiiülotl St. New - Uork, 10. September. Die Vereinigung jüdisch-orthodoxer Gemeinden, welche seiner Zeit den Rabbiner Jacob Joseph, den „Wilnaer Maggid", herüber kommen ließ und ihn als Dberrabbiner („Raw hakolel“) "Rew-Porks in alle Welt hinausposaunte, hat sich ausgelöst. Dem Rabbiner wird kein Gehalt mehrbezahlt und eine jede Gemeinde treibt es für sich, so gut es geht. Es handelte sich damals, eine Autorität zu berufen, um einen Mann, welcher die Aussicht über die Schächter und die Metzger führen sollte, damit das Fleisch, welches den Leuten verkauft wurde, auch strikte koscher sei. Eigentlich war es eine Anzahl Metzger, die den ganzen Plan ausheckten und ausführten. Die Religion war nur der Deckmantel, die Hauptsache war der Profit, welcher dadurch herauskam, daß das Syndikat, welches den Rabbiner kontrollierte, auch den Fleischverkauf kontrollierte, da die Fleischer blos von solchen Großschlächtern kaufen konnten, welche die Approbation des Oberrabbiners und dessen Zeugnis hatten, daß die angestellten rituellen Schächter geprüft worden und autorisiert sind, nach traditioneller Vorschrift zu schlachten. Es war iticht lange nach Antritt seiner Funktion, daß Rabbi Jacob Joseph aussand, daß er das Werkzeug einer gewissen Elique war, aber es war zu spät. Run wurden die sogenannten Plombes cingeführt, das heißt aus Blei hcrgestellte Abzeichen mit der Autorisation des Oberrabbiners, welche einem jeden Ochsenviertel und jedem geschlachteten Stück Klein- und Federvieh angehüngt werden mußten. Da ging nun die Revolution los. Die nicht gut befundenen Schächter und die nicht dem Ring angehörenden Metzger stießen in das große Horn und weigerten sich, in einem freien Lande sich einer Autorität unterzuordnen; ein neuer Verband wurde gegründet und der Tanz unter den konkurrierenden Fleischern ging von neuem und mit größerer Heftigkeit los. Der Oberrabbiner wurde indessen krank und nun, da er von den Gemeinden abgedankt ist, haben ihn eine Anzahl Großschlächter engagiert und zahlen ihm ein Gehalt von 2000 Doll., um die Aussicht über die von ihnen angestellten Schächter zu führen. ■)lnn ist ein neuer Rabbi angekommen, welcher nicht importiert worden, sondern aus freiem Antriebe herkam, und welcher als ein wahres Wunder von Gelehrsamkeit und Beredsamkeit gepriesen wird. Er ist noch ein vergleichsweise junger Mann, erst 39 Jahre alt und die Ostseite, trotzdem für den Eintritt in die Synagoge eine kleine Summe zu entrichten ist, drängt sich förmlich in das Gotteshaus, um sich an den wunderbaren Vorträgen des GotteSinannes zu erbauen. Tiefe Vorträge werden regelmäßig nach dem Abendgottesdienst am Samstag und Montag gehalten, und da er keine Anstellung hat, so muß er von den Eintrittsgeldern leben. Der Mann versteht auch sein Geschäft. Seine Themata sind nicht der kasuistischen Litteratur der Vergangenheit entnommen, sondern er greift in das frische Leben und spickt seine Reden mit passenden Gleichnissen aus, wodurch er seine Zuhörer packend fesselt. So sprach er dieser Tage über das Unrecht, in einem freien Lande sich geheimen politischen Gesellschaften anznschließen und sprach etwa wie folgt: Ein Bürger, welcher unter einer tyrannischen Regierung lebt und in beständiger Furcht ist, daß er in jedem Augenblick von seinen Unterdrückern beraubt iverden kann, hat guten Grund, im geheimen thütig zu sein tind vielleicht manches zu thun, was mit seinen! Gewissen nicht ganz vereinbar ist. Seine Entschuldigung für das Uebertreten der Landesgesetze beruht in dein Umstand, daß diese Gesetze von seinen Feinden gernacht wurden und zwar mit der Absicht, ihn zu verfolgen und zu unterdrücken. In Rußland findet der Jude eine Entschuldigung und zwar eine berechtigte in der Umgehung von schmachvollen Gesetzen. Aber hier in diesen! freien Lande, wo alle gleich vor dem Gesetze sind, ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse, müssen die Gesetze einem jeden heilig sein und von einem jeden befolgt werden. Indessen ist eine neue Vereinigung von orthodoxen Gemeinden im Werke, wovon Herr Sarasohn, der Herausgeber der „Jüdischen Gazetten", Präsident sein soll, und soll Rabbi Maslianski, so heißt der junge Prediger, die Rabbinerstelle erhalten. (Herr MaslianSki hat uns aus der Reise uach England resp. Amerika hier in Berlin besucht, und wir müssen gestehen, daß wir in ihm einen ganz hervorragenden Volksredner bewundern gelernt haben. Red.) Feuilleton. itatliminjn. Novelle ans biblischer Zeit. Von Tr- Karl Weib (Fortsetzung.) Als nun das Jubeljahr verflossen war und der harte Amnionite den armen Benoni doch nicht hatte ziehen lassen, da sprach Nathanaja zu ihrer Mutter: „Siehe Mutter, ich habe ein Gelübde gethan dem Herrn. So laß mich nun hinausziehen gen Jerusalem, daß ich dem Könige das Unrecht des Ammoniten klage und die Menschenfurcht der Aeltesten unserer Stadt." Die Mutter weigerte sich zwar erst, als aber das Mädchen daraus bestand, sagte sie: „Run denn, in Gottes "Namen, wenn niemand sich der Bedrängten annimmt, so kann der Herr auch wohl Hilfe schaffen durch ein schwacher jen. Ich bin zu alt, mit Dir zu gehen, wenn ich gleich vor meinen! Tode gerne noch einmal Gottes Tempel schauen möchte. Der Herr, der Abraham führte aus Padan Aram, der unsere Voreltern in der Wüste vierzig Jahre lang speiste mit der Manna des Himmels, der gesprochen durch feinen Dieuer David: „Aus dem Munde der Säuglinge und der Lallenden vergrößert sich mein Reich," er schicke seinen Engel vor Dir her und führe Dich gebahnte Straße. Er mache Dir das Ohr des Königs geneigt, dag Du der Unschuld Recht verschaffen mögest, dann werden mich die Mütter selig preisen, die Jünglinge Tein Lob verkünden!" Rathauaja kniete nieder, und die Mutter legte die Hände auf ihr Haupt und segnete sie, dann hob sie sie aus und drückte sie an ihre Mutterbrust; beide weinten laut, aber^die Mutter am meisten. Die Tochter sprach besänftigend x ruhig, Mutter, der Gott meines Vaters wird Euch schützen!" Als aber die Mutter den geliebten verstorbenen Mann nennen hörte, da schluchzte sie noch heftiger, und ihre Thränen rauiien in Strönien herab aus den Busen der Jungfrau. Endlich, da die Tochter sich losgerissen hatte und in ihr Kämmerlein eilte, sich anzukleiden, da suchte die bekümmerte Mutter den einsantsten Winkel des Häuschens und weinte bitterlich. I