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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 622 (sequence 6)
Language
German
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Seite 622, Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Es gelangte alsdann nach ein dringlicher Antrag zur Erledigung, nämlich die Arbeiten beim Ban des Hospitals für den Versöhnungstag zu inhibieren. Wie festgestellt wurde, ist am Roschhaschanah aus diesem Bau flott gearbeitet worden. Gleichzeitig kam auch die lehrreiche Thatsache an den Tag, das; auch in dem Grundstück der Synagoge Kaiserstraße zur Erbauung und Förderung der Andacht des die Synagoge besuchenden Publikums an jenen Tagen gearbeitet worden ist. Ter Antrag wird ohne Debatte angenommen; damit die Arbeiter keinen Schaden erleiden, wird ihnen der übliche Tageslohn aus der Gemeindekasse bewilligt. Tie Vorlage betreffend Festsetzung von Maximalgehältern für Rabbiner und Lehrer wird, da auch der Vorstand keinen Wert mehr daraus legt, einstweilen zurückgestellt. Damit schließt die öffentliche Sitzung. Zur Lagt. Unsere Leser wissen es längst aus der Tagespresse: Es ist ein Pfasf ins Wasser gefallen, man hat ihn hören plumpsen. Hammerstein ist über Bord geflogen, weil er große Geldsummen gestohlen, Stöcker ist ilyu gefolgt, weil er das Vertrauen seines Königs zu stehlen suchte. Hammerstein ist bürgerlich, Stöcker ist politisch tot, und die beiden ehedem vielgehaßten Nährer des Antisemitismus werden nicht mehr gehaßt, — sie werden verachtet. Dies das Urteil aller über den jüngsten Krach in der konservativen Partei, mit Ausnahme des Parteirnts der konservativen Wahlvereine in Berlin. Dieser Parteirat hat nämlich beschlossen, daß alles, was Herr Stöcker gethnn und geschrieben, recht und gut gewesen sei; nun ist wohl ein Zweifel nicht mehr möglich, daß Herr Stöcker ein ehrenwerter Mann ist. Herr Stöcker ist ein ehrenwerter Mann. Ter konservative Parteirat hat dies beschlossen. Es ist ferner durch Beschluß eben dieses selben konservativen Parteirats jedem Zweifel entrückt, daß Herr Stöcker, als er von dem „schnöden Spiel von Bismarck und Genossen mit dem Kaiser" schrieb und die suggerierende Beeinflussung des Kaisers empfahl, lediglich die Absicht hatte, dem Kaiser zu des Kaisers eigenen Meinungen zu verhelfen, die denen des Fürsten Bismarck eigentlich entgegengesetzt waren. Der Kaiser wußte das blos nicht, aber Herr Stöcker wußte es, und Herr Stöcker wollte dem Kaiser helfen. Herr Stöcker war deswegen immer noch kein (Gegner des Fürsten Bismarck und am allerwenigsten ein heimlicher Gegner. Nur ein Zufall ist es gewesen, daß Herr Stöcker wenige Tage nach der Entlassung des Fürsten Bismarck im Abgeordnetenhause eine Rede hielt, die er unter der fortdauernden Kanzlerschaft des Fürsten Bismarck nicht gehalten haben würde, und es war keineswegs charakterlos, daß Herr Stöcker dem Fürsten Bismarck, dem er „schnödes Spiel mit dem Kaiser" vorgeworsen hatte, znm achtzigsten Geburtstag gratulieren wollte, und daß er über die ReichstagSmajorität, die dies nicht that, sich entrüstete. An Herrn von Hammerstein's Verschuldung hat Herr Stöcker keinen Teil. Er war „seines lieben Hammerstein" Freund und Seelsorger. Es ist nur natürlich, daß er den Freund für einen durchaus makellosen Mann hielt und daß er in dem Urteil über ihn durch freundliche Voreingenommenheit nicht so scharf sah, wie er sonst wohl gethan hätte. Erst im Frühjahr dieses Jahres war sein Glaube schwer erschüttert und sogar geschwunden. Er vermahnte als Freund und Seelsorger Herrn von .Hammerstein zur Offenheit und zum Verzicht aus seine politische Stellung. Zum Mindesten drei Monate vor der „Suspension" des Herrn von Hammerstein also ist Herr Stöcker eingestandenermaßen der Mitwisser des Herrn von Hammerstein gewesen, und das hat ihn nicht gehindert, sein Fraktionsgenosse zu bleiben, ihn als Redner der konservativen Partei zuzulassen, seinen Ausführungen lautes Bravo zuzurusen, und ohne Erröten mit anzuhören, als Herr von Hammerstein von Verleuntdungen im Reichstage sprach. Herr Stöcker hat in seiner Erklärung über „seinen lieben Hammerstein" als Freund unb Seelsorger etwas verraten, was bisher in der Oestentlichkeit noch nicht erwähnt worden ist, daß nämlich auf konservativer Seite der nachhaltigste Versuch gemacht worden ist, Herrn von Hammerstein zu überreden, er ntöchte sich von Berlin zurückziehen und als Korrespondent der Kreuz-Zeitung an irgend einem großen ausländischen Platze thütig sein. Seine Bezüge Hütten eine Verminderung erfahren, wären jedoch immer noch recht stattlich geblieben, und jedenfalls Hütte die Partei in ihrem Hauptorgan ihn in ihren Diensten behalten. Die konservative Parteileitung, die vollständig unterrichtet war, zum Miudesten so gut unter richtet wie Stöcker, hat sich geirrt. Aber Herr von Hammerstein hat dies nicht gewollt, denn er bestand daraus, daß man ihn an seinem Platze lasse. Es hat in der That nicht viel gefehlt, so ließ man ihn au seinen: Platz, mit) die „reinliche Scheidung" hätte in diesem Falle darin bestanden, daß die ehrlichen Leute davongingen. Daß es anders kam, ist nicht die Schuld des Herrn Stöcker und nicht das Verdienst der konservativen Parteileitung. Die ehrlichen Konservativen fanden nicht einmal ein konservatives Organ, das bereit gewesen wäre, Herrn von Hammerslein zu entlarven, sondern mußten sich der Hilfe aus einen: ganz anderen Lager versichern. Dank dieser Hilfe kan: es zur Klage, und diese Klage brachte die nun nicht mehr auszuhaltende Klärung. Es ist sicher, daß Herr von Hannnerstein so duldsame Behandlung, wie er gesunden, nicht erfahren hätte, wenn nicht bei seinen Freunden die Furcht vor Indiskretionen gewesen wäre. Was seit einer langen Reihe von Zähren dem Papier anvertrant worden war in Briefen au einen Manu, den inan für den zuverläßigsten Gesinnungsgeirossen gehalten, das konnte, indiskret benutzt, zu unheilbarer Kompromittierung führen. Da die Briese, die seither veröffentlicht worden, durch Herrn von Hammerstein an die Oestentlichkeit gelangt sind, der sich dabei selbstverständlich eines Mittelmannes bedien! haben nrüßte, oder ob eine andere Person mit Hilfe dieser Briese für Herrn von Hammerstein Reisegeld besorgt hat, das ist noch nicht festgestellt, doch wird inan es wohl bald er fahren. Wir glauben auch, daß weitere Veröffentlichungen noch folgen werden. Das wesentlichste Interesse aber i|t allem Anscheine nach erschöpft. ES kann kann: noch viel neues kommen; selbst das, was man bisher erfahren, durste eigentlich nicht als zu überraschend angesehen werden. Das; Herr von Hammerstein über kurz oder laug als ei» sittlich durchaus bankbrüchiger Mensch sich aller Well offenbaren würde, das stand von vornherein fest. Wer in der antisemitischen Richtung Führer ist, dessen Verbrechertum kommt über kurz oder lang sicherlich an den Tag. An seinem Verbrechertum ist kein Zweifel, nur die Zeit der Enthüllung ist ins Ungewisse gerückt. In dieser Beziehung also hat Heu von Hannnerstein niemanden überrascht. Aber auch das Schlaglicht, das aus die Konservativen gefallen ist, — nicht etwa durch irgend welche Koniplizitat

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