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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-09-27 · 39 (27.9.1895) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 621 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 621. Ins -er öertiiirr Okntciubc. w. Berlin, 23. September. Die Herren Vertreter der jüdischen Gemeinde haben nach längerer Sommerpanse nunmehr ihre Thätigkeit wieder ausgenommen und am vergangenen Sonntag ihre erste Sitzung nach den Serien abgehalten. Der Beratungsstoss derselben war ein sehr umsangreicher, zum Teil auch sehr wichtiger. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen kam zunächst noch einmal die leidige Angelegenheit betreffend die Anstellung jüdischer Lehrerinnen an Berliner Gemeindeschulen aufs Tapet. Entsprechend dem früher gefaßten Beschlüsse, hatte sich der Vorstand beschwerdesührend an den Kultusminister gewandt, uiu nunmehr, nach Verlauf einiger Monate, der Reprüsem tantenversnmmlung die erfreuliche 'Nachricht zukominen zu lassen, daff der Herr Minister geruht habe — bis dato überhaupt noch keine Antwort zu erteilen. Darob erhob sich einiges Murren, und ein Herr ging in seinem skeptischen Sinn soweit, zu meinen, der Herr Minister würde wohl überhaupt keine Antwort erteilen/') Auch hätte man gern über den Inhalt der Beschwerde etwas näheres erfahren, begnügte sich aber schließlich damit, zu warten, bis die Antwort vom Ministerium erfolgt sei. Daß Magistrat und Stadtverordneten- Kolleginm der guten Stadt Berlin bereits ganz genau wissen, woran sie sind, daß die Spatzen den Bescheid des Herrn Ministers von den Dächern pfeifen, daß die Hammerstein-, Ahlwardt- und Bnchlerpresse dem Herrn Kultusministertäglich und stündlich darob duftigen Weihrauch streuen, das alles scheint den Herren eine terra iiicognita zu sein, „amtlich" ist eben noch nichts bekannt, und was nicht steht in den Akten u. s. w. Einige Heiterkeit verursachte die Beschwerde eines Gcmeindemitgliedes, das für fein gutes Geld in der Synagoge Kalserstraße allsabbatlich eine Predigt verlangt, und in seiner Beschwerdeschrift sich u. a. auch aus die in Schrimm, Schroda, Santomischel u. s. w. herrschenden Usancen beruft. Der Vorstand hat ihm mitgeteilt, daß ihm vor der Hand leider nicht geholfen werden kann. Bei Gelegenheit des 25 jährigen Jubiläums seiner Firma hat das Mitglied der Versammlung, Herr Nuß nebst Gemahlin, der AlterSversorgungsanpalt eine Schenkung von 12000 Mk. gemacht, die mit großem Dank aeeeptiert wird. Die Summe von 5000 Mk. hat Herr Mar Barschall der Armenkommission überwiesen zur beliebigen Verwendung für bedürftige Frauen. Auch diese Schenkung wird dankend angenommen. Aus Antrag des Voryandes wird die gemischte Kommisliüii für die Wahl eines Rabbiners durch 2 Herren ans der Repräsentantenversammlung verstärkt. Tie Wahl fällt ans die Herren Landsberger und Geheimrat Dr. Mareuse. Herr Jnstizrat Tr. Tiktin referiert alsdann über die Einsprüche gegen die Wählerliste. Es handelt sich dabei, wie mitgeteilt wird, durchweg um solche Gemeindemitglieder, welche mit ihrer Steuer im Nückstande sind und ans diesem Grunde nicht in die Liste ausgenommen worden sind. Ter Neserem bittet, die Beratung über diesen Punkt in die geheime Litzung zu verlegen, da notivendig dabei die Namen der Betreffenden genannt werden müßten, woran denselben sicherlich wenig gelegen sei. Der Antrag führt zu einigen Auseinandersetzungen, wobei merkwürdigerweise Herr Justizrat *) Vergl. den Artikel „So liegen die Tinge" in der vor. Nr. Red. Meyer, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, sich als einen begeisterten Anhänger der Qeffentlichkeit eittpuppte. JTit Antrag Tiktin ging jedoch durch, und so wird die Qeffentlichkeit wohl nicht erfahren, wie die Reprüsentantenversammlnng über diesen hochprinzipiellen Punkt, der auch in fast allen kommunalen Körperschaften Gegenstand der größten Meinungsverschiedenheiten ist, denkt. Hinsichtlich des Ankaufs der Grundstücke Lützowstraße 16 und Potsdamerstraße 118 6 wird beschlossen, daß die Gemeinde auch die Kosten für Stempel, Kaufvertrag und Auflassung des Grundstücks tragen soll, lieber einen zweiten streitigen Punkt, daß nämlich der Verkäufer gehalten sein soll, ans dem ihm verbleibenden Rest des Grundstücks keinerlei Fabriken, lärmerregende Betriebe und öffentliche Vergnügungslokale zuzulassen, wird keine Einigung erzielt, und bleibt es dein Vorstand überlassen, mit dein Besitzer sich ins Einvernehmen zu setzen. Ter Vertrag mit einer hiesigen Fuhrgesellschaft, welche bislang das Beerdignngswefen besorgte und nunmehr in Liguidation getreten ist, wird auf der alten Grundlage erneuert. Die Versammlung bewilligt alsdann: 3360 Mk. für Pflasterungsarbeiten aus den Gemeindefriedhöfen, 519 Mk. für Reparaturen an Grabsteinen in der Ehrenreihe auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee, 150 Mk. für Festgottesdienst in der Friedhofssynagoge zu Weißensee, 1370 Mk. für Subsellien und Zeichenunterricht in der Knabenschule, 500 'Mk. für Klosetanlagen ans dem Grundstück der Synagoge Kaiserstraße, 1000 Alk. Subvention an den Religionsverein Bene Brith für die Zeit vom 1. Oktober 1885 bis 1. April 1896, 300 Ack. für den Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr. Es folgt alsdann die Berichterstattung über den Kassenabschluß verschiedener Spezialverwaltungen, nämlich der Synagoge Lindenstraße, der Beerdigungsanstalt, der Quellbad- Kommission, der Kommission für Beschaffung des Koscherfleisches, des Siechenhauses, des Krankenhauses und der Waisenkommission. Gern würde ich die einzelneil Zahlen und Daten angeben, wenn ich sie bei der erbärmlichen Akustik aus der Tribüne nur hätte verstehen tonnen. Nur so viel kann ich anführen, daß fast alle Verivaltungen Minderansgaben zu verzeichnen haben. 'Rur die Waisenkommission hat die ihr angewiesenen Mittel ganz erheblich überschreiten müssen, um mehr als 8000 Mk. Diese leidige Thatsache, die jedoch durch die Rot der Zeit mehr als gerechtfertigt erscheinen dürste, führte auch in dieser Sitzung wieder zu beit üblichen scharfen Wortgefechten zwischen Vorstand und Repräsentantenkolleginm. Aus jener Seite der kalkulatorische Verstand mit denl Rechenstift in der Hand, aus dieser Seite, zu seiner Ehre gesagt, das warmschlagende jüdische Herz. Mit Recht ivies Herr Ruß darauf hin, daß man angesichts der oft herzzerreißenden Rot unmöglich die Armut abspeisen könne mit dem Bescheid, eS fei kein Geld mehr vorhanden. Und Herr Leonhard Sachs sagte sehr treffend, daß der verstorbene Stadtrat und Gemeindevorsteher Meyer Magnus einmal gesagt habe: Eine jüdische WohlthätigkeitSanstalt, die sich immer streng an ihr Statut hält, ist keine jüdische Wohlthätigkeitsansialt mehr. Herr Justizrat Meyer dagegen stellte sich mit einem Fuß ans das preußische Landrecht/ mit dem andern ans den Etat, und verteidigte mit Herz, Mund und Händen — wörtlich zu nehmeil — den heiligen Geist der Bureaukratie, daß niemand aiich nur um eines Zolles Wert den Etat überschreiten dürfe. Die Etatsüberschreitung wurde trotzbein gutgeheißen.

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